27.06.2020 19:20
Quelle: schweizerbauer.ch - jgr
Prävention
Richtiges Verhalten auf Weiden
Rinder pflegen unsere Landschaft. Wer sich im Weidegebiet bewegt, wird früher oder später auf Rindviehherden treffen. Die richtige Verhaltensweise gegenüber Rindern trägt dazu bei, Zwischenfälle zu vermeiden.

Die Sommerferien stehen vor der Tür. Aufgrund der COVID19-Situation zeichne sich diesen Sommer eine Zunahme der Gästezahl im Weidegebiet durch Wanderer, Biker, Spaziergänger und weitere Erholungssuchende ab, schreibt die Beratungsstelle für Unfallverhütung in der Landwirtschaft (BUL).

Tierhaltern stellen bereits jetzt fest, dass unter anderem vermehrt Personen unterwegs sind, die sich gegenüber der Bewirtschaftung eher rücksichtslos verhalten, Hinweise ignorieren und wenig Verständnis aufbringen. Zudem muss auch damit gerechnet, dass vermehrt unerfahrene Personen im Weidegebiet unterwegs sein werden. Damit steigt auch die Wahrscheinlichkeit für Zwischenfälle zwischen Menschen und Rindern.

Familie an erster Stelle

Rinder sind grundsätzlich friedliche Tiere mit ausgesprochenem Familiensinn. Das Leben in ihrer Herde vermittelt Schutz und Sicherheit. Fühlen sich die Tiere bedroht und sehen insbesondere ihre Jungtiere in Gefahr, wird die Herde gemeinsam verteidigt. Kommen Menschen – vorallem in Hundebegleitung – der Herde zu nahe, kann dies als Bedrohung wahrgenommen werden und die entsprechenden Reaktionen auslösen. 

Rindviehverhalten lesen und verstehen

In Weidegebieten mit Wanderwegen sind Tierhalterinnen und Tierhalter dazu angehalten, diese nur mit geeigneten, ruhigen Rinderherden zu bewirtschaften und situationsangepasst weitere Begleitmassnahmen zu ergreifen.

In der Verantwortung der Gäste liegt das richtige Verhalten gegenüber Tierherden. Drei einfache Regeln tragen dazu bei, das Risiko von Zwischenfällen wesentlich zu verringern.

Drei Regeln für mehr Sicherheit

1. Distanz halten

Rinder haben wie Menschen auch eine Individualzone, bzw. eine Sicherheitsdistanz. Wird diese unterschritten und fühlt sich das Tier dadurch bedroht, kann dies Verteidigungsreaktionen auslösen. Die Sicherheitsdistanz ist von verschiedenen Faktoren abhängig und kann nicht in Metern beziffert werden. generell kann gesagt werden, dass sich der Mensch innerhalb der Individualzone des Rindes befindet, wenn es seine aktuellen Tätigkeiten wie fressen, wiederkäuen oder ruhen unterbricht und den Menschen plötzlich sehr aufmerksam beobachtet. Wird die Sicherheitsdistanz weiter unterschritten, können auch Warnreaktionen wie Schnauben, Kopfschütteln oder Scharren hinzukommen, bevor die eigentliche Verteidigungsreaktion ausgelöst wird.

Generell gilt es also, ausserhalb der Sicherheitsdistanz zu bleiben, einen grossen Bogen um die Herde zu machen und den Tieren so zu vermitteln: «Alles gut - ich bin keine Gefahr!».

2. Kälber nicht berühren

Eltern werden sofort reagieren, wenn ein unbekannter Mensch einfach das Kind im Kinderwagen oder auf dem Spielplatz anfasst. Genauso heftig wird auch eine Kuhmutter reagieren, wenn fremde Menschen auf ihr Kalb zugehen. Daher gilt: um Kälber einen grossen Bogen machen und nicht zwischen Kühen und Kälbern hindurchgehen. Generell sollten auch erwachsene Tiere nicht berührt und nicht gefüttert werden. Allein durch Schlenkern des Kopfes, um eine Fliege zu vertreiben, kann ein Rind im ungünstigsten Fall einen Menschen heftig verletzten.

3. Hunde an der Leine führen

Hunde werden - unabhängig ihrer Rasse - durch ihr Aussehen und ihr Bewegungsmuster von Rindern als potenzielles Raubtier eingeschätzt. Der Begleithund muss daher möglichst unauffällig, ruhig und in grosser Distanz an der Rinderherde vorbeigeführt werden. Auf das Baden lassen in Tränken, o.ä. ist zu verzichten. Keinesfalls darf der Hund im Bereich der Herde rennen gelassen werden – denn auch wenn dies vielleicht beim eigenen Hund noch gut ausgeht, kann sich das dadurch aufgebaute Verteidigungsverhalten gegen die nächste Person mit oder ohne Begleithund richten.

Im Zweifelsfall wird geraten, umzukehren und in Hundebegleitung eine alternative Route zu wählen. Besonders in Gebieten mit Grossraubtiervorkommen kann es sein, dass Rinderherden massiv stärker auf Hundebegleitung reagieren. Ortsansässige Tourismusbüros können bei der Planung der Wanderung Informationen über geeignete Routen mit Begleithund geben.

Verhalten im Notfall

Das Risiko eines Zwischenfalls ist klein, wenn die drei obigen Regeln korrekt umgesetzt werden. Dennoch könne es passieren, dass man sich plötzlich ungewollt in einer Notsituation wiederfind, heisst es weiter in der Mitteilung.  Wichtig ist es dann, der Herde möglichst rasch, jedoch ohne zu rennen, und ruhig Platz zu machen, sich aus deren Sicherheitsdistanz zurückzuziehen und bei Bedarf hinter einem Zaun, hinter einem Baum, auf einem Felsen, usw. Schutz zu suchen. In unebenem Gelände empfiehlt es sich, hangaufwärts zu flüchten.

Ein zu Boden geworfener Gegenstand wie eine Jacke, ein aufgespannter Schirm oder ein Rucksack kann die Aufmerksamkeit der Tiere kurzfristig von der Person ablenken und damit wertvolle Sekunden zur Rettung verschaffen. In Hundebegleitung richtet sich das Verteidigungsverhalten der Herde in erster Linie immer auf den Hund. Er sollte daher im Notfall sofort von der Leine gelassen werden, damit er flüchten kann, während man sich selbst zurückzieht und Schutz sucht. Leider kommt es in diesen Situationen jedoch oft dazu, dass der verängstigte Hund Schutz bei seinem Menschen sucht und damit die aufgebrachte Herde zurückbringt. Keinesfalls darf der Hund in einer solchen Situation auf den Arm genommen werden – im Notfall gilt es immer, den Hund möglichst von sich fernzuhalten.


Lehrpfad Rindvieh

Um der Bevölkerung das Leben und Verhalten der Rinder näherzubringen und auf das richtige Verhalten als Gast im Weidegebiet aufmerksam zu machen, hat die Beratungsstelle für Unfallverhütung in der Landwirtschaft (BUL) den Lehrpfad «Rindvieh – mehr als nur Muh!» mit 15 informativen Stationen gestaltet. Er steht aktuell bereits auf dem Weissenstein SO im Einsatz, weitere Standorte sind geplant. 

 

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