6.06.2015 06:18
Quelle: schweizerbauer.ch - Eveline Dudda, lid
EU
Freihandel vermindert Wettbewerbsfähigkeit
Die EU hat im Jahr 2012 die Tierwohl-Vorschriften für Legehennen erhöht. Die europäische Eierbranche wollte wissen, wie sehr ihre Wettbewerbsfähigkeit darunter leidet. Eine Studie zeigt, dass andere Faktoren einen grösseren Einfluss haben.

Die EU verhandelt. Nicht mit der Schweiz, sondern mit der halben Welt. Sie hat diverse Freihandelsabkommen in der Pipeline und ist unter anderem mit den USA, Mercosur (Argentinien, Brasilien, Paraquay, Uruguay, Venezuela), Indien und der Ukraine im Gespräch. Da die Bauern in diesen Ländern nicht annähernd dieselben Produktionsvorschriften einhalten müssen wie in der EU, geht in Europa die Angst vor Marktanteilsverlusten um.

Die europäische Eierbranche hat deshalb das unabhängige Forschungsinstitut der Uni Wageningen beauftragt die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Eierbranche zu analysieren, dies auch im Hinblick darauf, dass die Anforderungen ans Tierwohl bei den Hennenhaltern gestiegen sind. Die Ergebnisse, berechnet mit Zahlen aus dem Jahr 2013, zeigen, dass die Wettbewerbsfähigkeit von mehreren Faktoren abhängt und die wenigstens von der Branche selbst beeinflusst werden können.

Mehr Platz, höhere Kosten

Die Vorgeschichte: In der EU wurde per 1. Januar 2012 die klassische Käfighaltung verboten, seither sind in der Hennenhaltung nur noch „ausgestaltete Grosskäfige“ erlaubt. Statt 350 Quadratzentimeter Platz müssen nun jeder Henne mindestens 750 qcm zur Verfügung gestellt werden. Zudem müssen die zwei Quadratmeter grossen Grosskäfige mit Legenestern, einem Scharrraum und Sitzstangen bestückt sein. Verglichen mit der Schweiz sind das bescheidene Anforderungen, denn hierzulande hat eine Henne mindestens tausend Quadratzentimeter Platz; ein Legenest, ihr Scharraum ist eingestreut, die Sitzstangen erhöht.

Fast 9 von 10 Schweizer Legehennen haben zudem Zugang zu einem Aussenklimabereich, wo sie Sonne und frische Luft tanken können und 7 von 10 Hennen können zusätzlich im Freien weiden. In den Ländern, mit denen die EU Freihandelsgespräche führt, kennt man solche Vorschriften keineswegs. Deshalb wundert es nicht, dass die Forscher feststellten, dass die verschärfte Tierwohlanforderung die Produktionskosten pro Kilo Schalenei um sieben Eurocent erhöht, und die Wettbewerbsfähigkeit entsprechend verschlechtert hat.

Grosse Preisunterschiede

Daraus zu schliessen, dass mehr Tierwohl zu weniger Wettbewerbsfähigkeit führt, wird der Sache allerdings nicht gerecht. Denn die analysierten Nicht-EU-Länder Argentinien, Ukraine, USA und Indien produzieren das Kilo Schalenei um 30 bis 40 Eurocent günstiger als der EU-Durchschnitt. Diese Differenz lässt sich nicht allein mit den höheren Tierwohlkosten erklären.

Abgesehen davon sind die Produktionskosten in den wichtigsten europäischen Eierproduktionsländern Holland, Frankreich, Spanien, Italien, England, Polen und Dänemark unterschiedlich. Während in Spanien und Polen ein Kilo Eimasse für weniger als einen Euro produziert werden kann, kostet dieselbe Menge im Vereinigten Königreich und Dänemark mindestens 1,12 Euro. Zwischen dem teuersten und billigsten Produktionsland liegen fast 20 Eurocent Differenz.

Arbeit nicht immer Kostentreiber

Die Kostentreiber im EU-Raum sind die Ausgaben fürs Futter, den Stall und die Hennen. Sie erklärten 20 Cent der Kostendifferenz zu den Nicht-EU-Staaten. Weniger ins Gewicht fiel dagegen der Faktor Arbeit: Denn die war in England nicht teurer als in Indien, und in Polen sogar billiger als in allen untersuchten Nicht-EU-Staaten. Im Gegensatz dazu fielen in Dänemark doppelt so hohe Arbeitskosten an.

Ein nicht zu vernachlässigender Faktor war die Verwertung von den Althennen und dem Mist: Beide zusammen brachten den Hennenhaltern in der Ukraine, bezogen auf das Kilo Ei, rund 6 Cent auf der Einnahmenseite ein, während die Dänen für die Entsorgung desselben Rohstoffs beinahe 3 Cent auf der Kostenseite verbuchen müssen.

Ein Vergleich der Produktionskosten von Schaleneiern ist im Grunde genommen müssig, da aus transporttechnischen Gründen kaum je Eier in Indien eingekauft und in die EU gekarrt werden. Anders sieht es jedoch aus, wenn Volleipulver für die Lebensmittelindustrie hergestellt wird. Dieses Pulver kann problemlos und relativ günstig über grosse Distanzen transportiert und zudem lange gelagert werden. Die Verarbeitungskosten zu Volleipulver liegen in der Ukraine um 22% und in Indien um 24% unter dem EU-Durchschnitt. Im Vergleich zu Argentinien ist die Verarbeitung in der EU 12% teurer, gegenüber den USA sind es nur 5%.

Ohne Grenzschutz keine Chance

Die Importe von Volleipulver aus Nicht-EU-Staaten wären also trotz Transportkosten in jedem Fall günstiger. Nur dank Einfuhrzöllen kann das Volleipulver aus der EU heute noch im Wettbewerb bestehen; Volleipulver aus Indien und der Ukraine ist derzeit lediglich ein kleines bisschen günstiger als dasselbe Produkte aus der EU.

Würden die Zölle gesenkt, z.B. als Folge eines Freihandelsabkommen, so wäre das europäische Volleipulver nicht mehr wettbewerbsfähig. Das gilt auch für den Fall, dass sich der Wechselkurs verändert: Eine Veränderung um 10% würde die europäische Eierbranche im internationalen Vergleich unattraktiv werden lassen.

Schweiz: Labels bringen auch Chancen

Die Schlussfolgerung dieser Untersuchungen lassen sich durchaus auf die Schweiz übertragen. Die strengeren Vorschriften zum Tierwohl sind nicht auch hierzulande nicht allein der Grund, weshalb Schweizer Eiprodukte auf dem Weltmarkt nicht konkurrenzfähig sind. Einen mindestens so grossen Einfluss hat das allgemein hohe Kostenumfeld, welches an der Wettbewerbsfähigkeit nagt. Wenn die europäische Eierbranche mit ihren vergleichsweise bescheidenen Tierwohlanforderungen nicht ohne Grenzschutz auskommt, wird das der Schweizer Eierbranche mit Sicherheit auch nicht gelingen.

Zudem kann eine Veränderung bei den Wechselkursen jederzeit dazu führen, dass eine ganze Branche unattraktiv wird. Um das zu vermeiden setzen manche Betriebe auf Produktdifferenzierung, z.B. mit Labels die für mehr Tierwohl stehen. Das führt zwar zu höheren Kosten, aber gleichzeitig auch zu höheren Marktchancen. Allerdings nur solange die anderen Ländern nicht nachziehen.

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