27.05.2019 12:37
Quelle: schweizerbauer.ch - Melina Gerhard, lid
Hühnerhaltung
Schweizer Stallsystem beeindruckt
Die Schweiz war Pionierin, als sie vor mehr als 30 Jahren die Batteriehaltung von Legehennen verbot. Noch immer leben weltweit viele Legehennen in Batteriehaltung, insbesondere in Nord- und Südamerika. Um europäische System kennenzulernen statteten Experten aus den USA, Kanada und Brasilien auch der Schweiz einen Besuch ab.

Weltweit gibt es massive Unterschiede in der Haltung von Legehennen. 1982 entschied die Schweiz als erstes Land, die Batteriehaltung von Legehennen zu verbieten.

Zehn Jahre hatten Landwirte Zeit, ihren Stall umzubauen. Seit 1992 ist die Batteriehaltung hierzulande nun verboten. Das ist aber lange nicht auf der ganzen Welt der Fall: 80% der Legehennen in Nordamerika und beinahe 100% der Legehennen in Asien leben noch immer in Batteriehaltung.

Von den Kollegen profitieren

Der Übergang von Batteriehaltung zu alternativen Haltungssystemen stellt Experten in den genannten Ländern vor Herausforderungen. "Es macht Sinn, dass wir mit unserer Erfahrung hier in der Schweiz und allgemein in Europa unsere Kollegen in Nord- und Südamerika bei der Umstellung unterstützen", meint Michael Toscano, Initiant der European Layer Training Initiative ELTI (mehr Infos in der Textbox).

Es sei wichtig, dieselben Fehler zu vermeiden, so Toscano. Darum haben Berater, Farm Manager, Professoren und Fachleute aus den USA, Kanada und Brasilien als Teilnehmer während der Tour durch Europa erfahren, wie Bodenhaltungssysteme in Europa betrieben werden. Bei Führungen auf Geflügelbetrieben, Vorträgen von Experten und Gesprächen mit Involvierten der Branche erhielten sie einen Einblick in Themen wie Biosicherheit, Tiergesundheit oder Stallmanagement.

Dreistöckiges Balkon-System

Das zweiwöchige Programm mit 10 Teilnehmern startete Ende April in Holland. Nach sechs Tagen in Holland und Belgien reiste die Gruppe nach Schweden, bevor sie in die Schweiz kamen. Anschliessend an die Besichtigung der Stiftung zur Förderung der Schweizer Geflügelproduktion Aviforum wurden die Teilnehmer auf dem Hof Gallipool im freiburgischen Frasses begrüsst.

Betriebsleiter Daniel Würgler hält im 2015 gebauten Stall zusammen mit zwei Kollegen rund 18'000 Legehennen. Im Innern können sich die Hennen auf einem dreistöckigen Balkon-System frei bewegen, ihre Eier legen sie auf ein Förderband. Zusätzlich verfügen sie über 4,5 Hektar Grünfläche mit kleinen Schutzhäuschen. Ausserdem haben sie täglich Zugang zum Wintergarten. Dieser hat ein Sand-Abteil fürs Sandbad sowie Strohballen, die die Hennen zur Bewegung animieren. Auf Knopfdruck regnet es im Wintergarten Weizenkörner - eine Beschäftigung die dem natürlichen Verhalten des Huhns entgegenkommt.

Unterschied zu Brasilien

Beim Anblick des Stallsystems von Würgler waren die Teilnehmer tief beeindruckt. Victor Lima aus Brasilien sieht im dreistöckigen System einen besonderen Vorteil, weil so mehr Hühner pro Quadratmeter Platz finden. Auch die automatische Eiersammlung mit dem Förderband, die Arbeitsstunden einspart, sei ein grosser Vorteil des schweizerischen Systems.

Brasilianische Freilaufställe hätten offene Seiten, berichtet Lima. Mit einem Witterungsschutz könnten die Tiere vor Sonne und Wind geschützt werden, gleichzeitig könne Frischluft zirkulieren und es sammle sich kein Ammoniak an. Dass viele Eier noch von Hand eingesammelt werden, sieht Lima als Vorteil. "Der Arbeiter hat einen direkten Bezug zu den Hühnern, er kann eingreifen falls etwas nicht in Ordnung ist."

Situation in Kanada

Für Bryan Siemens aus Kanada ist die Herdengrösse der markanteste Unterschied in der Legehennenhaltung zwischen der Schweiz und Kanada. Bereits in der dritten Generation führt er in der Region Fraser Valley nahe Vancouver eine Eierfarm. Landwirtschaftsland in seiner Region sei beschränkt und teuer, deshalb wäre es unsinnig, die Herdengrösse auf maximal 2'000 Hennen zu beschränken (maximale Anzahl Legehennen pro Stall gemäss Bio-Richtlinien). In Kanada zähle die durchschnittliche Hühnerfarm 23'000 Hühner, ein Vollpensum für einen Landwirten.

Sehr erstaunt war er ob dem Wintergarten-System des Gallipool in Frasses. "Schweizer Geflügel hat zwar etwas weniger Platz im Stall, dafür haben sie Wintergärten und Aussenanlage, die wirklich toll sind für die Hennen. Es schien als würden sie sich gerne draussen aufhalten und die Tiere genossen die Aktivitäten wie beispielsweise die Weizenkörner, die von der Decke fielen", sagte Siemens nachdem er die Anlage besichtigt hatte.

Produktion verboten - Import erlaubt

Beim Vergleich von Europa mit Kanada in Hinblick auf die Legehennenhaltung war für Siemens vor allem die Heterogenität in Bezug auf Gesetze und Vorschriften für die Legehennen erstaunlich. "In ganz Kanada herrschen gleiche Vorschriften beim Geflügel", so der Eierproduzent, "aber in Europa gibt es auf gleicher Fläche so viele Unterschiede.

Jeder einzelne Staat scheint darum zu kämpfen, den grösseren Marktanteil zu haben als sein Nachbar." Siemens zeigte sich schockiert, dass Länder wie Holland, Schweden oder die Schweiz Batteriehaltung zwar verboten hätten, Eier aus solcher aber trotzdem immer noch importieren. "Das ist doch irgendwie verkehrt: Da schreibt der Staat vor, wie die Landwirte zu produzieren haben und statt dann die einheimische Produktion voll zu unterstützen, können noch immer Eier importiert werden."

Für Bryan Siemens ist klar: "Obwohl die käfigfreie Haltung viele Schwierigkeiten mit sich bringt, ist es doch nicht nur ein Traum, sondern wirklich umsetzbar. Mit gutem Management kann man glückliche Hennen mit guter Produktion vereinen."

ELTI

Die Organisation Europäische Legehennen Training Initiative ELTI (European Layer Training Initiative) ist ein 2018 gegründetes Konsortium. Initiiert von Michael Toscano (Gruppenleiter am Zentrum für tiergerechte Haltung von Geflügel und Kaninchen an der Universität Bern), haben Fachkräfte aus Holland, Belgien und Schweden den Verein ins Leben gerufen.

Ziel der Vereinigung ist es, die Nordamerikanische Industrie bei der Umstellung auf die Bodenhaltung von Legehennen zu unterstützen. Finanziert wurde das Training durch die wohltätige Organisation Open Philantropy.

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