25.03.2019 13:34
Quelle: schweizerbauer.ch - blu/dpa
Deutschland
Video: Nandus erzürnen Bauern
Nandu-Safari im deutschen Bundesland Mecklenburg-Vorpommern: Ausflügler kommen zum Ratzeburger See, um die einzige wildlebende Population der südamerikanischen Laufvögel in Europa zu sehen. Die Bauern haben an den Riesenvögeln keine Freude. -> Mit Video

Gut ein Dutzend der grauen Laufvögel zupfen an den jungen Trieben. Einige liegen gemütlich in der Saat und springen erst auf, als Reinhard Jahnke bis auf wenige Meter herangekommen ist. «Die wissen genau, dass sie hier keine Feinde haben», sagt der Landwirt. Manchmal fütterten Touristen die Tiere sogar noch mit Äpfeln und Chips.

Ei anbohren nützt nichts

Im Grenzland von Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein nahe dem Ratzeburger See hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten die einzige wildlebende Nandu-Population Europas etabliert. Bei der jüngsten Zählung im vergangenen Herbst wurden 560 Tiere erfasst - mehr als doppelt so viele wie im Frühling 2018. Sie stammen von einer Handvoll Nandus ab, die um die Jahrtausendwende aus einem Gehege bei Lübeck ausgebrochen waren.

Kaum einer dachte damals, dass sie den Winter überleben würden. Doch die in Südamerika beheimateten Tiere trotzten Schnee, Nässe und Kälte und vermehrten sich prächtig. Seit zwei Jahren werden Nandu-Eier angebohrt, um weniger neue Küken schlüpfen zu lassen. Doch die mit dem Brutgeschäft betrauten Hähne, so vermuten Beobachter, merken rasch, wenn sich in den Eiern nichts mehr tut und bauen neue Nester, in welche die Hennen neue Eier legen.

Übersteigen Weidezäune

Landwirt Thomas Böhm hält im benachbarten Schattin Galloway-Rinder und ist kein Freund der Nandus - und auch nicht der ihretwegen anreisenden Touristen. «Ihre Hemmungslosigkeit nimmt zu», klagt er. Auf der Suche nach den Vögeln gingen sie in Naturschutz-Kernzonen, deren Betreten verboten sei, liefen auf Feldern herum und überstiegen Weidezäune. Mancher Tourist ignoriere sogar Warnschilder, die auf Bullen auf der Weide hinweisen. «Wir warten auf den ersten Unfall», sagt Böhm.

Viel Nachwuchs erwartet

In Utecht bei Bauer Jahnke grasen mitunter 60, 70 Nandus auf dem Feld, wie er sagt. Um sie zu vertreiben, hat er sogar schon Geräusche von Pumas abgespielt, die Fressfeinde der Nandus in Südamerika sind. Nachhaltig beeindruckt habe das die Vögel nicht. «Das einzige, was für ein, zwei Tage Wirkung zeigt, ist, mit dem Quad hinter den Nandus her über das Feld zu preschen.»

Ende März werden die Nandus wieder gezählt. Jahnke geht davon aus, dass im milden Winter kaum Jungtiere gestorben sind. Da die Vögel mit zwei bis drei Jahren geschlechtsreif werden, drohe eine Explosion der Bestandszahl 2020. «Dann könnte die Grenze von 1000 überschritten werden, wenn nichts passiert.»

Nandu

Mit einer Scheitelhöhe von 1,25 bis 1,40 Metern (Rückenhöhe etwa 1 Meter) und einem Gewicht von 20 bis 25 Kilogramm ist der Nandu der grösste Vogel der Neuen Welt. Dies betrifft vor allem die Männchen, denn wie beim Strauss sind auch beim Nandu die Hähne im Durchschnitt etwas grösser als die Hennen. Nandus haben ein lockeres, zerfleddert aussehendes Federkleid und besitzen die grössten Flügel aller Laufvögel. Die Beine sind lang und kräftig, während die Füsse im Gegensatz zu Straussen drei Zehen besitzen. Auf der Flucht erreicht er Geschwindigkeiten von bis zu 60 km/h. 

Das Gefieder ist grau oder braun, zwischen den Individuen variiert die Farbgebung stark. In der Regel sind Männchen etwas dunkler und größer als Weibchen, was aber kein zuverlässiges Unterscheidungsmerkmal ist. Die einzelnen Unterarten werden vor allem durch die Anteile schwarzer Federn an der Halsbefiederung unterschieden.

Grosse Schäden an Kulturen

Die Laufvögel ernähren sich in der Regel von Gras, Blättern und Samen. Frösche oder Mäuse gelangen nur selten auf ihren Speiseplan. Um zu wachsen, benötigen sie viel Eiweiss. Dies decken sie über pflanzliche Kost. Hoch im Kurs bei den Nandus sind Rapskulturen. Die Pflanzen werden von den Vögeln bis auf die Wurzel abgefressen. Der Raps wächst in der Folge kaum noch, die Schäden sind dementsprechend hoch. Teiweise kommt es gar zu einem Totalausfall. Den Verlust pro Jahr schätzt er bei seinen Kulturen auf rund 7000 Euro. Deshalb versucht Landwirt Jahnke sein Rapsfeld mit einem Elektrozaun zu schützen.

Natürliche Feinde wie in Südamerika mit dem Puma gibt es in Norddeutschland nicht. Die Vögel können sich ungehindert vermehren. Landwirt Jahnke spricht Klartext: "Das was wir vor 18 Jahren versäumt haben, kann man nicht einfach auf dem Rücken den Bauern austragen. Wir wollen nicht alle Nandus ausrotten, doch die Bestände müssen reguliert werden." Da Nandus nicht als einheimische Vögel gelten, gibt es vom Bundesland Mecklenburg-Vorpommern keinen finanziellen Ausgleich. Derzeit steht der Nandu auf der Grauen Liste. 

Die in Deutschland freilebenden Nandus sind im Jahr 2000 aus einem Privatgehege in Schleswig-Holstein ausgebüxt. Drei Hähne und vier Hennen suchten damals das Weite. Bereits ein Jahr später hatten sich die Vögel erfolgreich fortgepflanzt. Im Jahr 2004 wuchs die Population auf 20 Tiere an, 2009 waren es bereits 90 Tiere. Im März 2001 wurde die Marke von 100 Nandus überschritten. Im März 2017 ist die Population in dem rund 100 Quadratkilometer grossen Gebiet nördlich von Ratzeburg (zwischen Schattin und Utecht) auf 220 Tiere angewachsen.

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