20.10.2014 13:00
Quelle: schweizerbauer.ch - Eveline Dudda, lid
Ammoniak
25 Tonnen Stickstoff gespart, 900'000 Franken bezahlt
Derzeit läuft ein Pilotprojekt zur Ammoniakreduktion, in dem die Beiträge so hoch sind, dass sie förmlich Anreize setzen, mehr Kühe zu halten. Ganz nach dem Motto: Je mehr Kühe jemand hat, desto mehr Ammoniak kann er sparen.

Am Anfang jedes Projekts steht eine Idee. Und die Idee an sich klingt gut: Statt mit grossem Aufwand Ammoniak einzufangen oder beim Güllen Ammoniak-Emissionen zu reduzieren, wollte eine Arbeitsgruppe das unerwünschte Gas gar nicht erst entstehen lassen. Aus der Schweinehaltung weiss man bereits, dass eine eiweissreduzierte Fütterung zu weniger Ammoniak in der Luft führt.

Milch als Indikator

Da die grössten Ammoniak-Emissionen von der Rindviehhaltung stammen, wollte man auch die Milchviehfütterung ammoniakmässig optimieren. Weil Kühe mehr Stickstoff ausscheiden, wenn der Proteinüberschuss im Pansen grösser ist und ein Proteinüberschuss im Pansen gleichzeitig zu einem höheren Harnstoffgehalt in der Milch führt, lag es auf der Hand den Harnstoffgehalt der Milch als Indikator für mögliche Ammoniak-Emissionen zu verwenden.

Das entsprechende Ammoniak-Pilotprojekt wurde vom Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) bewilligt, es ist vorerst auf die Zentralschweiz und Graubünden und die Laufzeit 2013 bis 2016 begrenzt. So weit, so gut.

Harnstoffwerte verändern sich schnell 

Doch dann ging es an die Umsetzung. Beiträge sollte nur erhalten, wer Milch-Harnstoffwerte zwischen 10 und 35 mg/dl hat und diese gegenüber dem Referenzjahr 2012 um mindestens zwei Milligramm pro Deziliter senken konnte. Das ist aus mehreren Gründen nicht ganz unproblematisch: Erstens konnten Bauern mit einem tiefen Harnstoffgehalt gar nicht teilnehmen und zweitens waren die Harnstoffmessungen in der Vergangenheit nicht sehr zuverlässig.

Agroscope-Mitarbeiterin Annelies Bracher stellte fest: "Es gab immer wieder sehr grosse Abweichungen zwischen den Routineanalysen und den enzymatisch gemessenen Werten." Da sich die Harnstoffwerte sehr schnell, nämlich innerhalb von 24 Stunden, mit der Zufütterung von z.B. viel Getreide und/oder (importiertem) Luzerneheu massiv verändern lassen, gibt es einen gewissen Spielraum für Manipulationen.

Bis zu 67'000 Franken extra

Noch kritischer ist die Beitragshöhe. Pro Milligramm Senkung erhielten die Bauern im Pilotprojekt 75 Franken pro Milchkuh und Jahr. Damit kamen letztes Jahr 130 Bauern im Schnitt auf 250 Fr. für jede Milchkuh. Ein Tierhalter schaffte es auf 525 Franken pro Kuh und rein theoretisch können sogar bis zu 1'875 Fr. pro Kuh generiert werden. Zum Vergleich: Der eben erst abgeschaffte Raufutterverzehrer-Beitrag (RGVE-Beitrag) lag bei 420 Franken/Kuh. Und mit dem neu eingeführten Beitrag für graslandbasierte Milchproduktion kommen die Bauern höchstens auf 150 bis 200 Fr. pro Kuh und Jahr.

Da die Beiträge im Ammoniak-Pilotprojekt keiner Grössendegression unterliegen haben sie vor allem bei grossen Milchviehhaltern eingeschenkt: Im Kanton Zug gab es Betriebe die dank diesem Projekt 67'000 Fr. zusätzlich erhielten. Damit dürften sich ihre RGVE-Beiträge dank dem Ammoniak-Projekt im letzten Jahr quasi verdreifacht haben.

BLW verteidigt sich 

Eva Wyss vom BLW verteidigt die hohen Summen: "Bedingt durch die hohen Tierzahlen ist die erbrachte Leistung zur Reduktion der Emissionen natürlich auch höher zu werten." Dass diese Ammoniak-Reduktion wesentlich mehr kostet als z.B. der Einsatz eines Schleppschlauchs begründet Wyss mit dem Pilotcharakter.

Das BLW findet es zudem korrekt, dass Betriebe mit tiefen Ausgangswerten nicht profitieren können: "Die Vorgaben zu den Ressourcenprojekten verlangen, dass das Projekt zu einer Verbesserung der Situation führen muss. Eine Abgeltung eines bestimmten Harnstoffgehaltes würde aber einer Honorierung des Ist-Zustandes gleich kommen." Da die Harnstoffwerte zudem Rasse- und leistungsabhängig sind, wäre es für Wyss auch nicht zielführend einen fixen Harnstoffwert zu verlangen "welcher je nach Ausgangslage suboptimal ist."

Hängt nicht nur von Fütterung ab

Laut dem Jahresbericht, den Projektgruppenmitglied Annelies Uebersax erstellt hat, wurden dank dem Projekt zur optimierten Milchviehfütterung letztes Jahr in der Zentralschweiz 25,7 Tonnen Stickstoff eingespart, was die Steuerzahler 900'000 Franken gekostet hat. Damit ist aber noch nicht gesagt, dass die Ammoniakemissionen im gleichen Ausmass gesunken sind. Denn die Ammoniak-Emissionen hängen nicht allein von der Fütterung ab, wie Bracher erklärt: "Genauso entscheidend ist, was mit dem Mist und Harn passiert, wie die Gu¨lle ausgebracht wird, wie der Stall beschaffen ist, wie häufig der Laufhof gereinigt wird und vieles mehr."

Bracher konnte in einer umfangreichen Studie, die sie zusammen mit der Hochschule fu¨r Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (HAFL) gemacht hat, zeigen, dass die Ammoniak-Emissionen auf der Weide deutlich tiefer sind als im Stall. Die Wissenschaftlerin schloss daraus, dass "der Milchharnstoff während der Sommerfu¨tterung nur beschränkt etwas über die absoluten Ammoniakemissionen aussagt." Sie empfiehlt den Milch-Harnstoffwert lediglich als Management-Hilfe zu gebrauchen.

Witterungseinfluss ist gross

Auch Dr. Peter Kunz vom HAFL ist kein Fan des Pilotprojekts. Eine von ihm betreute Bachelor-Arbeit zeigte auf, dass von fünf untersuchten Betrieben im Pilotprojekt drei problemlos eine Harnstoffsenkung erzielten, zwei nicht. Das lag in erster Linie am verfügbaren Grundfutter. Denn wenn Kühe auf eine frische Weide gehen, schnellen die Harnstoffwerte umgehend in die Höhe. Kunz: "Auch eine feuchte Grassilage hat mehr schnell verfügbares Protein als eine trockene Silage."

Der Landwirt kann das nur teilweise beeinflussen indem er z.B. später mäht und trockener siliert. Das Wetter muss aber auch mitspielen. Genau das ist der Knackpunkt bei jeder graslandbasierten Produktion. Anders sieht es bei Totalmischrationen in Stallhaltungen aus, die maximal noch mit einer "Siestaweide" ergänzt werden. Kunz: "Man kann mit Kraftfuttergaben den Harnstoffgehalt in der Milch relativ einfach senken. Man muss sich aber fragen, ob das ökonomisch und ökologisch sinnvoll ist." Ihn stört zudem, genau wie Bracher, dass im Projekt in erster Linie jene belohnt werden, die ihre Kühe in der Vergangenheit über Bedarf mit Eiweiss versorgten. Kunz: "Ich bin der Meinung, das Ganze ist nicht durchdacht."

Effiziente Milchproduktion als Ziel

Niklaus Ettlin vom Landwirtschaftsamt Obwalden, und einer der Initianten des Projekts, ärgert diese Kritik: "Wenn die Wissenschaft dieselben Ansprüche an andere Massnahmen stellen würde, wie zum Beispiel den Schleppschlaucheinsatz, dann müsste man schon lange sagen ‚aufhören'. Da ist die Beweislage auch sehr dünn."

Er steht nach wie vor hinter dem Projekt: "Für mich stimmt das. Es ist innovativ und man macht etwas in Futterbauregionen wo der Schleppschlauch zum Beispiel nicht möglich ist." Letzten Endes hat das Projekt laut Ettlin vor allem ein Ziel: "Eine effizientere Milchproduktion." Damit wären wir wieder am Anfang: Die Idee an sich ist gut. Aber ist es auch die Art und Weise, wie sie umgesetzt wurde?

Viel Geld für wenige Betriebe

Das Ressourcenprojekt "Optimierte Milchviehfütterung" wird seit 2013 in der Zentralschweiz und in Graubünden als Pilotprojekt durchgeführt. Im Kanton Schwyz machte letztes Jahr kein Betrieb mit. Längst nicht alle Betriebe, die sich angemeldet haben, erreichten die erforderliche Harnstoffsenkung um mindestens 2 mg/dl in der Tankmilch. Das dürfte vor allem an der Qualität des Grundfutters liegen und witterungsbedingte Ursachen haben. Die Betriebe, die eine Auszahlung erhielten, kamen im Schnitt auf Beiträge von 260 Fr. pro GVE, manche lagen auch deutlich darüber. Im Kanton Zug verteilten Bund und Kanton 520'000 Fr. auf nunmehr 33 Betriebe. Darunter Milchproduzenten mit mehr als 150 Ku¨hen, welche zum Teil unter Beizug ihrer Fu¨tterungsberater ihre Total-Mischrationen gezielt im Hinblick auf die Reduktion des Milchharnstoffwertes angepasst haben.

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