28.08.2019 07:01
Quelle: schweizerbauer.ch - Katrin Müller
Blog
700 Kühe in 1,5 Stunden melken
Für ein Austauschsemester fährt die Agronomie-Studentin Katrin Müller gemeinsam mit Freund Simon Küng nach Schottland. Zwei Monate wollen sie bauern, auf einem Betrieb mit 700 Milchkühen. Für schweizerbauer.ch berichten sie von ihren Erlebnissen. -> Mit Video

In der vergangenen Woche beschäftigte uns die Frage: «Werden wir die Kühe im September nur noch einmal oder doch noch zweimal täglich melken?». Denn die Hälfte unserer Arbeitszeit verbringen wir im Melkkarussell.

Zitzenspray-Roboter hilft

Für einen Melkvorgang werden am Morgen drei Personen benötigt. Eine Person treibt die Kühe zum Karussell und wieder auf die Parzelle zurück. Das ist ein Vollzeitjob während den Melkzeiten. Die zweite Person hängt allen Kühen das Melkaggregat an. Am anderen Ende des Karussells steht die dritte Person. Diese kontrolliert die Euter. Wurde das Melkaggregat heruntergeschlagen, wird dieses erneut angehängt.

Anschliessend kümmert sich der Zitzensprayroboter um die Zitzen, kurz bevor die Kühe das Karussell verlassen. Der Roboter ist uns eine besonders grosse Hilfe. Das Besprühen von Hand der insgesamt 2’800 Zitzen wäre sehr aufwändig.  Auch wirkt dieser gegen Mastitiserkrankungen. Vor kurzem hat der Zitzensprayer kurz ausgesetzt. Die Zellzahlen schnellten in Kürze nach oben.

Kühe müssen Rückwärtsgang einlegen

Nach dem Zitzensprayen verlassen die Kühe rückwärts das Karussell. Probleme beim Rückwärtslaufen haben die Kühe keine. Einige aber bleiben im Karussell stehen und möchten noch eine Runde mitfahren. Das Kraftfutter lockt sie auch der anderen Seite. Die Kraftfuttergabe erfolgt automatisch. Im Moment erhalten die Kühe morgens und abends je ein Kilogramm Kraftfutter.

Ebenso wertvoll wie der Kraftfutterrobotern ist das «backing gate». Dieses ist eine fahrbare Barriere und stosst die Kühe sanft in Richtung Karussell. Dieser Vorgang erfolgt manuell. Eine Automatisierung wäre möglich, aber gefährlich. Die Kühe könnten so zu stark zusammengedrückt werden. Stress für die Kuh ist auch hier ein Tabu.

Betriebsspiegel

Die Linns Farm wird von Michael Kyle geführt. Er ist Inhaber und Manager. Neben der Vollzeitangestellten helfen auch drei Studenten mit. Die Linns Farm liegt in Dumfries. 700 Kühe der Rasse Kiwicross und Jersey grasen auf 380ha. Die Kühe sind das ganze Jahr draussen auf der Vollweide. Nur bei nassen Zeiten im Winter werden sie in einem offenen Laufstall gehalten.

«Cow Flow» ist das Wichtigste

«Cow Flow» heisst übersetzt Kuhfluss. Sind die Kühe nicht gestresst, herrscht ein guter «Cow Flow». Auf stressfreien Umgang wird auf der Linns Farm besonders Wert gelegt. Die Kühe werden hier selten herum gejagt. Sie sollen in ihrem eigenen Tempo selbständig den Weg zum Karussell und wieder zurück zur Weide laufen.

Dabei haben sie genügend Zeit, Steine auf dem Weg zu erkennen. Michael Kyle, Manager und Inhaber der Linns Farm, sagt uns erfreut: «Seit wir die Wege zu den Weiden zusätzlich mit Kunstrasenstreifen ausgelegt haben, ist die Klauengesundheit besser». Die Behandlungskosten für Klauenerkrankungen sind kostspielig und zeitaufwendig. «Jeder Stein, den die Kuh dank gutem «Cow Flow» erkennt, erspart uns viel», ergänzt unser Manager weiter. Stressfreie Kühe sind zudem angenehmer zum Melken und erkennbar an einer höheren Milchleistung.

6 Sekunden Zeit

Für den Melkvorgang am Abend werden nicht drei, sondern vier Personen benötigt. Grund dafür ist die schnellere Geschwindigkeit des Karussells. Wegen der tieferen Milchleistung der Kühe wird das Tempo erhöht.

Eine Person ist zu langsam, um die Milchaggregate bei schneller Geschwindigkeit den Kühen anzubringen. Sogar zu zweit kommt man manchmal ins Schwitzen. 6 Sekunden hat man Zeit, der Kuh das Melkaggregat anzuhängen. Acht Minuten dauert die schnellst einstellbare Karussellumdrehung. Innerhalb dieser Zeit werden 80 Kühe gemolken. So werden 700 Kühe in eineinhalb Stunden gemolken. Unglaublich!

Sinkende Milchleistung – hohe Kosten

Die Milchleistung sinkt immer mehr und mehr. In der vergangenen Woche war das Thema, die Kühe gegen Ende Saison nur noch einmal am Tag zu melken, nie vom Tisch. Die Milchleistung liegt noch bei 15 Kilo pro Kuh und Tag.

Einmal am Tag melken hat viele Vorteile. Michael Kyle erklärt uns: «Die Milchleistung sinkt weiterhin, wenn nur noch einmal pro Tag gemolken wird. Die Kuh müsse aber jeden Tag weniger weit laufen, da ein Hinweg zum Karussell und ein Rückweg zur Parzelle erspart bleibt. Dadurch kann der Body Condition Score (BCS) der Kühe aufbessert werden». Er erhofft sich dadurch eine bessere Milchleistung und eine höhere Trächtigkeitsrate für das nächste Jahr.

Futterzukauf

Weiterhin zwei Mal am Tag melken bedeutet Futterzukauf. Die Milchleistung muss stabil bleiben. Ob sich der Futterzukauf auszahlen wird, wissen wir alle noch nicht. Berechnungen und weitere Überlegungen werden im Büro des Managers ausgetüftelt.

Über uns

Katrin Müller aus Bern-Liebefeld und ihr Freund Simon Küng aus Sumiswald BE absolvieren auf der Linns Farm ein Praktikum. Beide haben die landwirtschaftliche Lehre abgeschlossen und studieren an der Berner Fachhochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (HAFL) Agronomie. Das erste Semester des zweiten Studienjahres absolvieren sie an der Scotland Rual College (SRUC) in Edinburgh. Beide sind grosse Naturfreunde und arbeiten gerne mit Tieren.

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