6.03.2020 09:58
Quelle: schweizerbauer.ch - hal
Betriebsführung
«Abkalbung kostenintensive Phase»
Tiefe Zwischenkalbezeiten galten betriebswirtschaftlich immer als sinnvoll. Unter bestimmten Voraussetzungen ist dies aber nicht sinnvoll. Dazu kommt, dass jede Abkalbung risikoreich und kostenintensiv ist.

Eine Zwischenkalbezeit (ZKZ) von 365 Tagen wird stets mit gesunden, fruchtbaren Tieren gleichgesetzt, das ist unbestritten. Die Zucht auf eine immer bessere Fruchtbarkeit führt nach wie vor dazu, dass die durchschnittlichen Zwischenkalbezeiten in den meisten Ländern weiter zurückgehen.

Längere ZKZ kann rentabel sein

Aber ist das Zuchtziel noch praxistauglich? In Zeiten, in denen die risikoreiche Phase der Abkalbung als Kerneffekt auf die Wirtschaftlichkeit angesehen wird? In Zeiten, wo Kälber an Wert verlieren und über gesexte Samendosen die Nachzucht gesichert wird?

Eine verlängerte ZKZ kann durchaus rentabel sein. Das bestätigten etliche Studien. Den Trend, die Kühe nach der Abkalbung nicht sofort wieder zu besamen, sondern die ZKZ ganz bewusst zu verlängern, diskutiert das Fachmagazin Holstein International (HI). 

Risikophasen reduzieren

Die moderne Holsteinkuh hat die genetische Veranlagung, hohe Leistungen über einen langen Zeitraum aufrechtzuerhalten. Das Leistungsniveau sei in Top-Leistungsherden so hoch, dass erstlaktierende Kühe problemlos zwei Jahre melken könnten, ohne kalben zu müssen, sagt der holländische Tierarzt Søren Ernst Madsen gegenüber HI. Eine Studie der Universität Rostock (D) zeigt, dass sich mit einer höheren ZKZ höhere Deckungsbeiträge erzielen lassen.

Verantwortlich dafür sind geringere Tierarztkosten und Tierverluste sowie bessere Besamungserfolge. Denn eine Abkalbung ist eine kostenintensive und risikoreiche Phase, die in Wirtschaftlichkeitsberechnungen zum Tragen kommt. Eine verlängerte ZKZ habe aber nicht nur wirtschaftliche Gründe, hält HI fest. Grundsätzlich müsse das Thema auch in Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Diskussion zu Klimaschutz, Tierschutz und Fleischkonsum angesehen werden.

Hochwertige Kälber

Ein Pionier der verlängerten ZKZ ist der deutsche Züchter Gerd Karch, der mit seinen 170 Kühen eine ZKZ von 485 Tagen vorweist. Er sagt: «Eine entscheidende Grösse bei der Reduzierung von CO2 ist die Lebenstagleistung. Wer in der Lage ist, längere ZKZ bei einer guten Persistenz und hohem Leistungsniveau zu managen, erreicht gesamtbetrieblich eine Verringerung des CO2-Ausstosses. 

Der Druck auf den Fleischmarkt wird in Zukunft auch in der Schweiz zunehmen. Weniger, aber dafür qualitativ hochwertige Kälber können eine Antwort sein. Die Schweiz geht bezüglich Qualität  als Vorbild voran. Der Einsatz von Fleischrassenstieren in der Milchviehhaltung ist in der Schweiz mit einem Anteil von 48,3 Prozent so hoch wie in keinem anderen Land. 

Hohe Erblichkeit

Neben einer hohen genetischen Leistungsbereitschaft mit entsprechender Futtergrundlage ist eine gute Persistenz eine Grundvoraussetzung, um mit einer verlängerten ZKZ Erfolg zu haben. Während das Leistungsniveau in vielen Herden hoch genug ist, muss am Merkmal Persistenz noch weiter gearbeitet werden. Ein wichtiger Vorteil ist, dass die Persistenz mit  0,25 h2 eine hohe Erblichkeit aufweist. In vielen Ländern und auch in der Schweiz haben verlängerte ZKZ negative Effekte auf die Zuchtwerte.

Beim Index Funktionalität – Fruchtbarkeit (IFF) zählt der Zuchtwert Fruchtbarkeit mit. In diesem wiederum ist der Zuchtwert Rastzeit (Periode zwischen dem Abkalben und der ersten Besamung) enthalten. Und bei Swissherdbook haben Kühe für eine besonders tiefe ZKZ (unter 380 Tage) höhere Chancen, um mit einer Goldemedaille ausgezeichnet zu werden. Falls sich der Trend verlängerte ZKZ bestätigen sollte, müsste die Zucht darauf reagieren. 

Die Persistenz ist ein Mass für den Verlauf der Laktationskurve. Sie sagt aus, wie schnell die Tagesmilchmenge während der Laktation zurückgeht. Kühe mit einer schlechten Persistenz verursachen hohe Fütterungskosten pro kg produzierter Milch. Sie müssen in der Startphase mit relativ viel Kraftfutter und weiteren Futterzusatzmitteln gefüttert werden, um eine Ketose zu vermeiden. Damit keine zu grosse Belastung für die Kuh entsteht und sie möglichst einfach gefüttert werden kann, sollte eine Laktationspersistenz von mindestens 85% angestrebt werden. Strickhof

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