19.07.2018 06:33
Quelle: schweizerbauer.ch - Hans-Peter Widmer
Aargau
Bauer wehrt sich gegen Strombarone
Eine «Stromautobahn» führt am Talacherhof vorbei. Den messbaren Kriechstrom spüren die 60 Milchkühe und das Jungvieh von Landwirt Patrick Müller. Aber die Verursacher negieren die Auswirkungen.

70 Meter vom Talacherhof bei Lengnau AG entfernt tragen zwei mächtige Strommasten vier Starkstromleitungen: zwei 380-kV-Höchstspannungsleitungen und eine 110-kV-Leitung der Netzgesellschaft Swissgrid sowie eine 16-kV-Leitung des Aargauischen Elektrizitätswerks.

Die «Stromautobahn» durch das aargauische Surbtal liefert Energie von der europäischen Schaltzentrale Laufenburg und aus dem Kernkraftwerk Beznau in den Grossverbraucherraum Zürich. 

Am Anfang ging es gut

Die 380-kV-Leitung besteht seit 1959. Sie existierte schon, bevor die Familie Müller den Landwirtschaftsbetrieb 1991 aus engen Verhältnissen im Dorf auf eine Parzelle im Landwirtschaftsgebiet verlegte. Die Familie fasste für den neuen Hof drei Standorte ins Auge.

Den definitiven Bauplatz bestimmten die Behörden. Damals gab die Nähe zu den Stromleitungen zu keinen Bedenken Anlass. Allerdings kamen 1993, nach dem Bau des Siedlungsbetriebs, nebst den 380-kV-Überlandleitungen noch die beiden kleineren 110-kV- und 16-kV-Leitungen dazu. Aber am Anfang ging alles gut.

Probleme nach Umbau

Der Talacherhof wird jetzt in dritter Generation vom 53-jährigen Meisterlandwirt Patrick Müller zusammen mit einem Angestellten und einem Lehrling geführt. Der auf Milchwirtschaft und Futteranbau ausgerichtete 40-Hektaren-Betrieb produziert mit 60 Kühen 500'000 Kilo Milch. 2007 erweiterte Patrick Müller den Laufstall durch 30 zusätzliche Liegeplätze und einen Laufhof.

Die Bodenplatte im Anbau wurde auf Weisung des Bauingenieurs mit solider Eisenarmierung – stärker als im bisherigen Laufstall – stabilisiert. Aber bald zeigten Messungen, dass das zusätzliche Metall Kriechstrom wie ein Magnet vermutlich von den Hochspannungsleitungen anzog. Die Tiere wurden unruhig und schlugen beim Melken aus, ihre Milchleistung sank und die Zellzahlen überstiegen die Toleranzwerte nachhaltig.

Neues Fahrsilo mit extra starker Armierung

Fachleute wurden beigezogen, Erdungs- und Magnetfelduntersuchungen sowie Spannungsmessungen wurden gemacht, eine Erdungsinsel wurde installiert, das Stalldach und der Melkstand geerdet. Die Wirkung befriedigte noch nicht. Als Nächstes baute Müller 2010 ein neues Fahrsilo mit extra starker Armierung.

Dies lenkte den Kriechstrom etwas von den Stallungen ab. Aber die Ursache des Problems war damit nicht behoben. Der Landwirt machte dafür die Netzbetreiberin Swissgrid verantwortlich. Sie anerkannte zwar die Existenz von Kriechstrom, stellte sich aber auf den Standpunkt, negative Auswirkungen auf die Tiere seien nicht nachgewiesen.

Verweigerte Unterschrift

Die kausalen Zusammenhänge und einen Schaden nachzuweisen, wurde als Müllers Sache angesehen. Immerhin gab es Indizien, die unter anderem dem Tierspital der Universität Zürich auffielen. Als die 380-kV-Leitung im Mai 2016 während 18 Tagen abgestellt wurde, zeigten die Kriechstrommessungen keine alarmierenden Werte mehr.

Die Kühe wurden ruhiger beim Melken – und die kritischen Zellzahlen halbierten sich in dieser Zeit. Im Bericht – den übrigens Swissgrid mitveranlasste und bezahlte – ist festgehalten: «Es ist ein Zusammenhang zwischen der Ausschaltung der Freileitungen  und der Eutergesundheit erkennbar.» Daraus folgert Müller: «Es gäbe Lösungen, wenn man wirklich wollte.»

Einen möglichen Ansatz, die Leitungsbetreiberin zum Handeln zu bewegen, sah er 2011, als das bisherige 50-jährige Durchleitungsrecht für die 380-kV-Leitungen über die Hofparzelle ablief: Er weigerte sich, die Erneuerung der Dienstbarkeit zu unterzeichnen. Seither setzen sich die Parteien ohne Einigung auseinander.

Enteignung eingeleitet

Wie in solchen Fällen üblich, leitete Swissgrid ein Enteignungsverfahren ein, um das Durchleitungsrecht zu erzwingen. Der Fall landete vor der Eidgenössischen Schätzungskommission. Sie ging nicht auf Müllers Einwendungen zum Tierwohl ein. Den Bericht des Tierspitals Zürich bezeichnete sie als Parteigutachten.

Für das neue Durchleitungsrecht mit einer Laufzeit von wiederum 50 Jahren setzte sie eine Entschädigung von 13'409 Franken fest – in einem ersten Vertragsentwurf für die Dauer von 25 Jahren hatte Swissgrid 8'258 Franken offeriert. Und für gehabte Umtriebe wie Beratungen, zusätzliche Betriebs- und Tierarzt/Arzneimittelkosten sowie Ertragsausfälle in der Milchproduktion wurden 40'000 Franken zugesprochen. 

Befürchtung um Existenz des Milchviehbetriebes

«Mir geht es nicht um die Entschädigung, sondern um die Lösung des Problems», betont Patrick Müller. Er fürchtet um die langfristige Existenz seines Milchviehbetriebs. Den Schätzungskommissions-Entscheid hat er nicht akzeptiert, ihn aber wegen des hohen Prozessrisikos auch nicht angefochten.

Er macht an einem runden Tisch des Schweizerischen Bauernverbandes mit, der mit Unterstützung von Elektrospezialisten Datenmaterial zusammenträgt, das mögliche Auswirkungen von Elektrosmog auf Tierhaltungen dokumentieren soll.

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