31.07.2013 10:07
Quelle: schweizerbauer.ch - Susanne Meier
Milchvieh
Beim Trockenstellen die Zitzen versiegeln
Herkömmliche antibiotische Trockensteller schützen nur drei bis sieben Wochen. Danach können Keime ins Euter dringen, die nach dem Kalben Probleme machen. Zitzenversiegler sollen das verhindern.

Zitzenversiegler gibt es seit zehn Jahren. So richtig durchsetzen konnte sich das Produkt namens Orbeseal aber nie, auch wenn es einige Bauern mit Erfolg anwenden. «Früher rief man dazu auf, Orbeseal anstelle von antibiotischem Trockensteller einzusetzen», erklärt Andreas Tschuor, «heute weiss man, dass diese alleinige Anwendung nur bei Kühen zu empfehlen ist, welche eine hervorragende Eutergesundheit aufweisen.»

Tschuor ist Tierarzt und Verkaufsleiter bei der Firma Zoetis, die aus der Tierarzneimittelsparte von Pfizer hervorgegangen ist. «Oft sind die Keime nämlich schon im Euter, wenn man mit dem Melken aufhört. Da ist es ziemlich riskant, das Euter ohne antibiotischen Trockensteller, welcher diese Keime bekämpft, zu versiegeln.»

Zweite Chance

Nun soll der Zitzenversiegler neu lanciert werden. Diesmal nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung des antibiotischen Trockenstellers. Und aus aktuellem Anlass: Erst kürzlich startete der Bund seine nationale Antibiotikastrategie mit dem Ziel, den Antibiotikaverbrauch einzudämmen und Resistenzen vorzubeugen. Dies auch bei den Nutztieren.

Klar, wer seine Kühe heute schon erfolgreich ohne Trockensteller ergalten lässt, soll dabei bleiben. «Der Grossteil der Schweizer Milchproduzenten setzt jedoch antibiotische Trockensteller ein», weiss Tschuor, «erwiesen ist, dass viele Kühe trotzdem in den Wochen nach dem Abkalben an Mastitis erkranken oder sogar schon beim Abkalben Euterinfektionen vorweisen.» Dies, obwohl die Melkmaschine gut eingestellt sei und die Kühe sauber gemolken würden.

«Neue Studien zeigen, dass die dafür verantwortlichen Keime oft schon während eines bestimmten Abschnitts der Galtphase ins Euter gelangen.» Diese Studien habe wohlgemerkt nicht Zoetis in Auftrag gegeben, sondern sie seien durch unabhängige Professoren durchgeführt worden.

Kritische Periode

Gemäss diesen Studien erfolgen rund die Hälfte aller Neuinfektionen in der sogenannt «kritischen Periode» vor der Abkalbung. Diese entsteht, weil Trockensteller das Euter nur drei bis sieben Wochen lang schützen. Dann ist der Wirkstoff abgebaut. Schweizer Kühe sind aber meist zwischen sechs und acht Wochen galt.

In der letzten Phase der Trockenperiode ist das Euter deshalb nicht mehr geschützt – das ist die kritische Periode. In dieser schiesst zudem die Milch ein, und viele Kühe beginnen zu tropfen. Dabei öffnet sich der Strichkanal, Bakterien finden eine offene Eintrittspforte. Hinzu kommt, dass Hochleistungskühe oft nicht in der Lage sind, selber einen genügend dichten Kreatinpfropfen auszubilden. Dieser wäre naturgemäss dafür verantwortlich, dass der Strichkanal verschlossen bleibt, wenn eine Kuh nicht in Laktation ist, respektive kein Kalb säugt.

Tiefe Kosten

«Mit der Zitzenversiegelung kann man verhindern, dass vor dem Anmelken Keime ins Euter gelangen», erklärt Tschuor, «wir raten, erst antibiotischen Trockensteller zu injizieren und einzumassieren und dann die Zitze mit Orbeseal zu verschliessen.» So sei das Euter geschützt, bis der Bauer beim ersten Anrüsten nach der Geburt den Versiegler – eine Art Gummipfropf – von Hand aus der Zitze melke.

Orbeseal ist kein Medikament. Es gibt auch keine Absetzfrist. Die Kosten pro Kuh belaufen sich auf 15 bis 18 Franken. «Das ist bedeutend weniger als die 400 Franken, die eine Mastitis kostet, wenn sie in den ersten 100 Laktationstagen auftritt. Und es ist bedeutend sinnvoller, Zitzenversiegler anzuwenden, als Mastitis mit Antibiotika zu bekämpfen, die zu Resistenzen führen», findet Tschuor, der als praktizierender Tierarzt oft genug zu frustrierten Milchviehhaltern gerufen wurde, die ihre Kühe schon kurz nach dem Abkalben wieder behandeln mussten .

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