5.08.2019 14:15
Quelle: schweizerbauer.ch - Anja Tschannen
Milchproduktion
«Betriebsblindheit durchbrechen»
Urs Wegmann ist der neue Vizepräsident der European Dairy Farmers (EDF). Der Landwirt aus Hünikon ZH hält selber rund 80 Milchkühe und rät Berufskollegen, sich offen und kritisch auszutauschen.

«Schweizer Bauer»: Weshalb engagieren Sie sich bei EDF?
Urs Wegmann: Ich sass vor Jahren an einer Veranstaltung neben jemanden der bereits bei der EDF dabei war, durch seine Erzählungen wurde mein Interesse geweckt, und ich habe im Frühling 2012 zum ersten Mal bei der Betriebsauswertung mitgemacht und an einem Treffen teilgenommen. Es hat mir gefallen, und seitdem bin ich mit Begeisterung bei EDF dabei. Vor drei Jahren ergab sich durch einen Rücktritt die Möglichkeit, künftig die Schweiz im EDF-Council zu vertreten. Ich habe zugesagt, weil solche Gremien immer spannend sind, man viel lernen kann und ich auch relativ gut Englisch spreche. Die Wahl zum Vizepräsidenten – das EDF hat einen Präsidenten und zwei Vizepräsidenten – war schliesslich ein nächster Schritt bei meinen Tätigkeiten beim EDF.

Was wollen Sie als Vizepräsident EDF erreichen?
Schwierig, das genau aufzulisten. Unsere Aufgabe ist es, den Verein so weiterzuentwickeln, dass er für unsere Mitglieder attraktiv bleibt. Wir möchten auch, dass andere Länder wie Österreich oder Norwegen stärker vertreten sind. Ausserdem soll unser jährlicher Kongress immer mit aktuellen Themen daherkommen. Wir überlegen uns immer ganz genau, welche Partnerschaften wir dafür eingehen. Im Zentrum steht der Bauer, und wir wollen aus dem Kongress keine Werbeveranstaltung machen. Das kommunizieren wir ganz klar. Wir wollen als Partner attraktiv sein, ohne dass sich der Verein dafür verkaufen muss. Das hat bisher gut geklappt.

Weitere Themen, die anstehen?
Die Digitalisierung beschäftigt uns stark. Wir möchten für unsere Mitglieder eine Plattform schaffen, auf der sie sich austauschen können und einfach an Daten kommen, ohne dass diese an Fremde rausgehen können. Das ist eine Herausforderun

Wie ist Ihr Betrieb aufgestellt?
Vor zehn Jahren wurde der Betrieb ausgebaut. Vorher war es ein typischer gemischter Betrieb mit 22 Kühen und Ackerbau. Heute haben wir 83 Kuhplätze. Unsere Aufzucht ist ausgelagert. Wir versuchen mit anderen Betrieben vor allem im Maschinenbereich zusammenzuarbeiten.

Wie sehen Sie die Zukunft des Schweizer Milchmarktes?
Der bleibt weiter schwierig, aber das ist fast jeder Markt. Es ist unmöglich in die Kristallkugel zu schauen, da so viele Einflüsse mitspielen. Für mich ist aber klar, dass wir aufpassen müssen, was im Ausland passiert. In Sachen Tierwohl und Nachhaltigkeit – Stichwort «Grüner Teppich» – reagieren die anderen Länder extrem schnell. Wir müssen aufpassen, dass sie nicht links und rechts an uns vorbeiziehen. Im Moment sind wir noch vorne, aber ausländische Milchproduzenten verkaufen sich viel besser.

Was schlagen Sie vor?
Wir müssen ein besseres Auslandmarketing aufbauen. Ein Schweizer Kreuz auf der Packung reicht nicht mehr. Den Konsumenten muss aufgezeigt werden, was alles dahinter-steckt, dass unsere Milch beispielsweise hauptsächlich von Betrieben kommt mit Herdengrössen unter 100 Tieren. Wir müssen unser Marketing überdenken und uns andere Sachen überlegen. Es wird aber immer eine Abhängigkeit vom Weltmarkt bestehen, ausser bei speziellen Produkten im Nischenbereich oder mit Selbstvermarktung. Das wird aber nie für die breite Masse taugen. Es wird immer Leute geben, die ihre Nische finden, genauso wie andere mit dem aktuellen Milchpreis zurechtkommen.

Was empfehlen Sie Berufskollegen?
Einen direkten Austausch mit Berufskollegen pflegen, selbstkritisch zu sein und den Betrieb regelmässig zu durchleuchten und schauen, wo man sich verbessern kann. Sich mit anderen zu vergleichen hilft, die Punkte zu finden, wo man noch Potenzial hat. Ehrlich sein mit sich selber und selbstständig Entscheidungen treffen und nicht weil es der Vater oder die Nachbarn so machen. Die meisten Betriebe haben ein Potenzial, aus dem sich etwas machen lässt. Man muss die Dinge dort ändern, wo man sie ändern kann – auf dem eigenen Betrieb. Jeder Betriebsleiter sollte stetig versuchen besser zu werden und seinen Weg zu finden. Unter Arbeitskollegen sollte man gnadenlos ehrlich sein – damit können aber nicht alle umgehen – und Kritik aufnehmen können und etwas daraus machen. Wir müssen uns gegenseitig helfen, die Betriebsblindheit zu durchbrechen. EDF ist dafür eine ideale Plattform.

Beenden Sie die Sätze: Milchmarkt ist...
eine grosse Herausforderung, bei der man nicht auf Wunder hoffen sollte.

Landwirtschaft ist...
spannend, intensiv und herausfordernd. 

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