26.03.2019 07:01
Quelle: schweizerbauer.ch - Susanne Meier
Fütterung
«Billigstes Futter ist Weidegras»
Christophe Notz ist Tierarzt am FiBL: Er weiss, wie und wann man das Kraftfutter beim Milchvieh reduzieren kann.

«Schweizer Bauer»: Wieso ist eine Kraftfutterreduktion aus Sicht der Kuh sinnvoll?
Christophe Notz: Die Kuh ist eine Zelluloseverwerterin. Dank ihrer Pansenflora kann sie Zellulose und Eiweiss aus Gras in Energie und Körper- oder Milcheiweiss umwandeln. Kraftfutter, welches aus Futtergetreide und Eiweissträgern wie Soja besteht, ist für die Raufutterverwerterin Kuh zu leicht abbaubar und senkt den pH-Wert  im Pansen. Kombiniert mit der fehlenden Strukturwirkung des Kraftfutters käut sie zu wenig wieder und produziert zu wenig Speichel, der den Panseninhalt abpuffert. Diese Übersäuerung hat einen negativen Einfluss auf ihren Stoffwechsel, die Fruchtbarkeit und die Klauengesundheit. 

Wie gross sind die finanziellen Einsparungen für den Landwirt – weniger Kraftfutter muss ja mit mehr Grundfutter kompensiert werden?
Die Kraftfutterkosten machen bis zu 50 Prozent der Direktkosten pro Kilo Milch aus. Das billigste Futter für den Bauern ist das Futter, welches die Kuh auf der Weide frisst. Durch die Reduktion oder den Verzicht auf Kraftfutter wird die Kuh mehr Rau- und Grundfutter fressen. Laut Studien verdrängt 1kg Kraftfutter bis zu 0,5kg Grundfutter, bei den nicht sehr hohen schweizerischen Kraftfuttergaben ist also von einem nicht allzu erhöhten Grundfutterverzehr auszugehen. Zudem müsste bei den schweizerischen Kraftfutterpreisen pro Kilo Kraftfutter mindestens 1,4kg Milch mehr gemolken werden, was sich leider in keiner der Studien bestätigen liess. Also ist das Kraftfutterfüttern an und für sich in den meisten Fällen ein Minusgeschäft. Und wenn auch schlussendlich weniger Milch gemolken wird, weniger Milch auf dem Markt heisst auch ein besserer Milchpreis!

Falls es nicht ohne geht: Bei welchen Milchleistungen und in welcher Phase der Laktation macht es Sinn, Leistungsfutter zu verfüttern?
Da die Milchkuh in der Startphase an einem Energiedefizit leidet, welches bis zu 15 Wochen andauern kann, ist eine Ergänzung mit energiebetontem Kraftfutter bei hohen Milchleistungen in dieser Phase sinnvoll. Ich empfehle den Bauer dann bei bestätigter Trächtigkeit oder wenn die Milchleistung unter 25 kg pro Tag fällt, mit dem Kraftfutter zurückzufahren.

Welche Punkte müssen erfüllt sein, um probieren zu können, das Kraftfutter schrittweise zu reduzieren?
Der wichtigste Faktor ist, wie bei jeder Managementänderungen auf dem Landwirtschaftsbetrieb, der Bauer. Er muss eine Ist-Analyse des Betriebes und der Milchviehherde machen und seine Ziele definieren: kraftfutterfrei, einen Viertel oder die Hälfte weniger Kraftfutter füttern. Dann kann er gezielt Massnahmen auf Herden- oder Einzeltierebene ergreifen, die ihn und seine Kühe an dieses Ziel führen. Im Merkblatt «Kraftfutterreduzierte Milchviehfütterung» (Kasten) findet er Anleitungen zum Einschätzen seiner Situation und Hinweise, wie das Ziel erreicht werden kann. Klar spielt auch die Genetik eine gewisse Rolle, aber auch Holstein- und Brown-Swiss-Kühe können kraftfutterreduziert oder gar kraftfutterfrei gefüttert werden.

Leitfaden

Tipps zur Reduktion von Kraftfutter  Hohe Kraftfuttergaben sind für Kühe nicht gesund und belasten die Umwelt. Zudem reduzieren die geringe Effizienz und die hohen Kosten unter Schweizer Bedingungen die Wirtschaftlichkeit der Milchproduktion vieler Betriebe. Mehrjährige Praxisversuche des FiBL haben gezeigt, dass der Kraftfuttereinsatz in vielen Fällen ohne wirtschaftliche Einbussen und ohne Verschlechterung der Tiergesundheit und Fruchtbarkeit reduziert werden kann. Im Gegenteil: Die Reduktion der Kraftfuttergaben resultiert häufig in einer besseren Gesundheit der Kühe und tieferen Produktionskosten. Eine erfolgreiche Kraftfutterreduktion setzt jedoch eine optimale Grundfutterproduktion und eine gute Herdengesundheit voraus. Das Merkblatt erläutert die Problematik hoher Kraftfuttergaben an Milchkühe, liefert Anhaltspunkte für das Einschätzen des Einsparungspotenzials im Landwirtschaftsbetrieb und führt Schritt für Schritt durch den Prozess der Kraftfutterreduktion. sum

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