29.03.2019 10:21
Quelle: schweizerbauer.ch - Eveline Dudda, lid
Alpwirtschaft
Bündner Alpkäse bald Mangelware?
Immer mehr Bauern stellen von Milch- auf Mutterkuhhaltung um. Das ist auch auf den Alpen spürbar. In Graubünden wurde in den letzten zehn Jahren auf jeder sechsten Kuhalp das Melken eingestellt. Auf einzelnen Alpen wurde das Melken dagegen intensiviert.

Alpwirtschaft wird oft mit Alpkäse gleichgesetzt. Dabei wird schweizweit nur auf jeder dritten Alp gemolken. Und es werden immer weniger. Auf der Alp Lerch im Prättigau wurde zum Beispiel bis vor kurzem noch Alpkäse und Alpbutter hergestellt. Doch seit zwei Jahren steht der Käsekeller leer. Kühe hat es zwar immer noch auf der Alp, aber es sind Mutterkühe, deren Milch nur fürs Kalb bestimmt ist.

Weidfachchef Markus Michel erklärt wie es zu dieser Umstellung kam: "Mit der Gemeindefusion der Gemeinden Landquart und Mastrils wurden auch die Alpen zusammengelegt." Statt einer standen den Bauern der Gemeinde nun plötzlich zwei Kuhalpen zur Verfügung. Der Unterhalt einer Milchalp ist aufwändig, die Infrastruktur teuer. "Wir haben die Vor- und Nachteile jeder Alp sorgfältig gegeneinander abgewogen."

Was im Tal passiert, beeinflusst die Alp

Am Ende vereinte die Calanda-Alp mehr Vorteile auf sich, sie soll deshalb auch weiterhin als Milchkuhalp betrieben werden. Vom Tierbesatz her ist das kein Problem, denn die Zahl der gealpten Milchkühe ist von 75 auf 40 Stück gesunken. Die Milchviehhaltung ist einfach nicht mehr attraktiv genug. Und wenn im Tal wegen der tiefen Milchpreise das Melken eingestellt wird gibt es auch keine Milchverarbeitung mehr auf der Alp. Michel ist überzeugt: "Die Alpbetriebe verändern sich mit den Talbetrieben."

Damit meint er nicht nur das Aufgeben der Milchproduktion, sondern auch das Gegenteil. Wenn ein Talbauer voll auf Milchleistung setzt, seine Herde vergrössert und einen Roboter anschafft, ist die Kuhalp auch nicht mehr gefragt. "Dann fehlt die Zeit für das Alpen oder die Milchleistung geht während der Alpzeit zu sehr zurück." Im Berggebiet sieht das etwas anders aus. Dort ist die Alpung aus arbeitstechnischen Gründen ein Muss. Zu kurz ist die Vegetationszeit, zu lang dauert die Phase Winterfütterung. Insgesamt sieht Michel eher schwarz für die Zukunft der Milchkuhalpen. "Ich glaube zwar nicht, dass die Milchkuhalpen aussterben, aber sie werden weniger."

Sind unsere Milchalpen ein Auslaufmodell?

Diese Frage war das Thema des Wintergesprächs im März, das der Bündner Älplerinnenverein organisiert hat. Dass die Frage viele Alpnutzer und -besitzer beschäftigt war offensichtlich: Der Saal im Plantahof war übervoll.

Trotz der regen Diskussion mit verschiedenen Teilnehmern aus unterschiedlichen Blickwinkeln konnte die Frage nicht abschliessend beantwortet werden. Zu vielfältig sind die Strukturen der Talbetriebe und der jeweiligen Alpen. Selbst wenn die Gemeinde und Bevölkerung den Milchkuh-Alpen viel Goodwill entgegenbringt, wie das die Bonaduzer Gemeinderätin Elita Florin schilderte, kann die Bestossung einer Alp mit Milchkühen nicht garantiert werden.

Die Kühe müssen schliesslich auch den Rest desJahres gemolken werden. Ausserdem braucht es nicht nur Bauern, sondern bei den im Bündnerland vorherrschenden Gemeinschaftsalpen auch zusätzliches Alppersonal. Arbeitskräfte, so meinte Alpkassier Teodor Solèr, seien zwar genug vorhanden, doch „dem guten Alppersonal“ müsse man Sorge heben.

Ein Problem sei, dass man die Leute nur drei bis fünf Monate auf der Alp beschäftigen könne. Am Lohn, glaubt jedenfalls Solèr, könne es nicht liegen, wenn jemand der Alp den Rücken zukehre. „Wenn ein Senn gemäss Richtlohn 5000 brutto im Monat bekommt hat er einen anständigen Lohn.“ Niemand widersprach, obwohl diesem Lohn oft bis zu 80 Wochenarbeitsstunden gegenüberstehen.

 

Nur noch jede dritte Alpkuh wird gemolken

Die Zahlen geben Michel Recht. Zwischen 2008 und 2018 wurden im Kanton Graubünden 30 von 176 ehemaligen Milchkuhalpen in Alpen für Mutterkühe, Rinder oder Jungvieh umgewandelt. Auf 9 von 125 Sennalpen wurde das Käsen in dieser Zeit eingestellt. Deshalb wurden in Graubünden letztes Jahr auch 400 Tonnen weniger Alpkäse hergestellt als früher. Für Valentin Luzi vom Bündner Amt für Landwirtschaft und Geoinformation ist das keine gute Nachricht, schliesslich geht ein Teil der Wertschöpfung verloren. Für den Tourismus ist die Entwicklung ebenfalls ein Verlust, denn kaum etwas versinnbildlicht die Alpwirtschaft so sehr wie der Alpkäse.

Dennoch schätzt Luzi die Zukunft der Milchkuhalpen optimistischer ein als Michel. "Die verbleibenden Milchkuhalpen sind dafür sehr gut ausgelastet. Zudem wird die Alpung neu finanziell noch ein wenig attraktiver." Ab 2019 zahlt der Bund nämlich pro Normalstoss 40 Franken mehr Alpungsbeitrag für Tiere die gemolken werden. Aber ob das reicht um die Milchkühe auf die Alp zu locken? Zweifel sind erlaubt. Immerhin sind die Preise für Biomilch noch relativ gut, selbst wenn diese Milch im Tal verkäst wird. Und im Bündnerland ist ja bekanntlich jeder zweite Bauer ein Biobauer.

Den Heimbetrieb auf die Alp ausrichten

Bio ist auch bei Fadri Riatsch Programm. Er ist der einzige Bauer der in Vnà im Unterengadin noch Kühe melkt. Die anderen vier Betriebe haben in den letzten Jahren auf Mutterkuhhaltung umgestellt. "Diese Umstellung erfolgte im Generationenwechsel zwischen 2000 und 2005", erzählt Riatsch.

Kurz zuvor, in den Jahren 1999 und 2000, hat die Korperation auf der Alp Pradgiant noch kräftig investiert, die Zufahrtswege verbessert, die Wasserversorgung ausgebaut und den Melkstand und die Käserei saniert. Riatsch fühlte sich den Geldgebern verpflichtet. "Wir haben einen Weg gesucht um weiterhin Milch zu produzieren." Aber möglichst viel auf der Alp und wenig auf dem Heimbetrieb. Als Riatsch kurz darauf den Betrieb von seinem Vater übernahm stellte er zuerst einmal auf Original Braunvieh um. Dann verlegte er den Abkalbe-Termin in den Dezember. "So melken wir mehr Milch auf der Alp und die Auslastung der Sennerei ist höher."

Rund 50 Kühe werden den Sommer hindurch auf Pradgiant gemolken, 25 davon gehören Riatsch, die anderen stammen von zwei Bauern aus Nachbargemeinden. Den Alpkäse vermarktet jeder Bauer selbst. "Absatzprobleme haben wir keine. Dadurch, dass so viele mit Melken aufgehört haben, ist die Nachfrage nach Alpkäse noch gestiegen", stellt Riatsch fest. Der Käse vom letzten Jahr ist jedenfalls bereits ausverkauft. Die Alp musste anders organisiert, die Alpweiden neu verteilt werden. Ein Teil ist nun für Milchkühe und Rinder reserviert, der Rest für Mutterkühe und Jungvieh vorgesehen.

Saisonales Abkalben- Futter richtig nutzen 

Die konsequente Ausrichtung des Betriebs auf die Alpsaison hat für Riatsch positive Nebenwirkungen. „Wir sind mit den Kühen 110 Tage auf der Alp, bis zum 20. September. Danach stellen wir alle galt.“ Im Oktober und November gibt es Melkerferien. Mit der saisonalen Abkalbung hat Riatsch gute Erfahrungen gemacht.

„Natürlich gibt es einzelne Tiere, die länger galt sind als andere und auch mal eine Kuh, die nicht ins Zeitfenster passt.“ Das stellt für ihn aber kein Problem dar: „Dann muss man halt flexibel sein.“ Ein grosser Vorteil ist die Tatsache, dass er so das ganze Ökoheu auf dem Betrieb verfüttern kann. „Wir haben ziemlich viele Ökowiesen und können auf diese Weise das gute Futter für die Zeit nach dem Abkalben sparen.“

Mehr Milch auf der Alp

Mitte Dezember kalben die Kühe nacheinander ab, die Milch verfüttert Riatsch an die Mastkälber. Die Biokälber vermarktet er nach fünfeinhalb bis sechs Monaten grösstenteils an Metzgereien in der Region, rund ein Viertel der Tiere verkauft er direkt an die Endkunden. Für ihn geht die Rechnung auf.

„Wir haben zwar nur eine Milchleistung von 5'000 Kilo pro Kuh, aber davon melken wir 1200 bis 1300 Kilo auf der Alp, wo wir eine hohe Wertschöpfung haben.“ Und dank der Umstellung auf Original Braunvieh erreicht er mit der Vollmilchfütterung bei den Kälbern eine gute Fleischqualität und einen hohen Ausmastgrad. Für Riatsch ist deshalb klar, dass auf seinem Betrieb die Milchkuhalp alles andere als ein Auslaufmodell ist. Sie ist Teil seiner Zukunft.

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