11.02.2020 09:52
Quelle: schweizerbauer.ch - Adrian Zürcher
Viehzucht
Die Anfänge der Einkreuzung
Die Verdrängungskreuzung von Original Braunvieh mit Brown Swiss startete unter anderem aufgrund des wirtschaftlichen Drucks als Versuch und wurde zum Erfolg. Ein Rückblick in die Anfänge der Einkreuzung.

Mit der nach dem 2. Weltkrieg einsetzenden Mechanisierung änderte sich das Zuchtziel beim Braunvieh von der Dreinutzungsrasse (Milch, Fleisch, Arbeit) zur Zweinutzungsrasse.

Rufe nach Wirtschaftlichkeit

Zu Beginn der 1960er-Jahre besteht die Schweizer Braunviehpopulation – nach jahrzehntelanger Zucht auf «Schönheit» – aus gedrungenen Kühen mit einem Stockmass unter 130 cm und einer durchschnittlichen Milchleistung um die 3600 kg. Zudem hat sie mit hohen Inzuchtgraden zu kämpfen. 

Zu Beginn der 60er-Jahre wurden in progressiven Züchterkreisen die Rufe nach Wirtschaftlichkeit und insbesondere nach mehr Milchleistung immer lauter.  Die zunehmende Verfügbarkeit von Kraftfutter hat die Entwicklung zu mehr Milchleistung bereits bei den anderen Schweizer Rassen vorangetrieben, was den Konkurrenzkampf anheizte. 

Italien importierte früher

Der traditionelle Viehabsatz ins benachbarte Ausland – um 1960 handelt es sich immerhin um 10'000 Tiere – ging merklich zurück, da Italien, Deutschland und Österreich bereits auf der Suche nach einer Möglichkeit zur Leistungssteigerung und Erhöhung der Linienvielfalt ihre ersten Erfahrungen mit US-Blut machten. 

Italien hatte bereits Ende der 1950er-Jahre einige Deckbullen importiert, in Deutschland und Österreich fing man in den frühen 60er-Jahren mit dem Import von US-Samen an.

Grosse Widerstände

Nach einem halben Jahrzehnt Hinhaltetaktik wurde im Herbst 1966 der Druck vonseiten progressiver Züchterkreise so gross, dass der Verbandsvorstand widerwillig einlenkte und der Durchführung eines Einkreuzungsversuchs zustimmte. Je 100 Samendosen von 5 «geprüften» und 5 ungeprüften BS-Stieren werden bestellt, noch ehe der Versuchsaufbau steht und ohne Besichtigung, was heftigen Widerstand seitens traditioneller Züchterkreise auslöst.

Im folgenden Jahr liess der Verbandspräsident an der Delegiertenversammlung sinngemäss verlauten, er sei der Überzeugung, dass die ursprüngliche Rasse (d.h. Original Braunvieh) aus eigener Kraft mittels konsequenter Selektion die Anforderung des Marktes besser und sicherer erfüllen könne. Wie gut und wie schnell das gelungen ist (oder eben auch nicht), lässt sich im Nachhinein anhand der Entwicklung bei der Originalrasse beurteilen.

Vorversuch 1967

Der Samen der Stiere des Vorversuchs (siehe Tabelle) wurde 1967 importiert und durfte ausschliesslich in 33 ausgelesenen Vertragsbetrieben und mit hohen Auflagen eingesetzt werden. Der Handel mit weiblichen Nachkommen aus dem Vorversuch sowie die Anpaarungsmöglichkeiten waren eingeschränkt. Die Nachkommen wurden genau untersucht und deren Entwicklung mit Argusaugen verfolgt.

Die männlichen Tiere wurden bis auf 9 Jungstiere, die auf die KB-Station gelangten, gemästet und geschlachtet, um Mastleistungsdaten zu gewinnen. Die 9 KB-Stiere wurden im Rahmen von Rückkreuzungsversuchen und zur Produktion der 2. Generation eingesetzt. Auch die weiblichen F1-Produkte wurden genau verfolgt. Von diesen schlossen 153 ihre erste Laktation ab.

Auswahl in den USA

Da die Ergebnisse entgegen den Erwartungen der damaligen Verbandsleitung, und zum Verdruss der Gegner, sowohl in der Schweiz wie auch im Ausland insbesondere punkto Frühreife (EKA 4  Monate früher), Leistung (+700 kg) und Rahmen (+3cm) positiv ausfielen, wurde von progressiven Züchtern auf eine Weiterführung und Ausweitung des «Interzuchtversuchs» gedrängt. Dabei haben die Erfolge, die von den andern Schweizer Milchrassen mit ihren Einkreuzungsprogrammen erzielt wurden, sicher als Argument mitgewirkt.

Erst vier Jahre nach dem Erstimport reiste 1971 eine aus sieben Züchtern und Vorstandsmitgliedern bestehende Auswahlkommission in die USA und wählte nach Besichtigung der Nachzuchten weitere 9 Stiere aus, die im ersten «Grossversuch» auf Vertragsbetrieben eingesetzt werden durften. Nochmals 5 Stiere wurden 1972 ausgewählt, nachdem von einer 10-köpfigen Auswahlkommission im Mai weitere Betriebe und Nachzuchten, insbesondere auch in Kanada und im Westen der USA, besichtigt wurden. 

Grosse Nachfrage

Waren es 1971 erst etwas über 400 Vertragsbetriebe, die sich für die Einkreuzung entschieden hatten, hatte sich deren Zahl  bereits ein Jahr später verdoppelt, und bei Versuchsende 1978 waren es mehr als 5700. Auch gegen den Grossversuch von 1971 regte sich von konservativen Kreisen starker Widerstand, und sie unternahmen mehrere Anläufe, um auf Entscheidungsträger Druck auszuüben mit dem Ziel, den Versuch zu stoppen, noch ehe die ersten Leistungen der weiblichen Nachkommen überhaupt vorlagen. Das führte dazu, dass 1973 kein Samen von weiteren Stieren importiert wurde. 

Daraufhin entschieden die Befürworter der Einkreuzung, sich zusammenzutun. Deshalb wurde Anfang 1974 in Pfäffikon SZ die Interessengemeinschaft der Brown-Swiss-Züchter IGBS gegründet. Massgebend an der Gründung beteiligt waren damals u.a. Alfred Binder, Ernst Niklaus, Roland Baumgartner, Franz Schuler, Rudolf Feitknecht und Dr. Michael Theurillat.

IGBS 1974 gegründet

Dass die Einkreuzung von Brown-Swiss-Blut trotz der vielen Anfeindungen und Anzüglichkeiten immer mehr Anhänger fand, zeigt sich auch am grossen Zulauf an Mitgliedern, deren Anzahl wenige Jahre nach der Gründung bereits knapp 1100 betrug. Die ersten Jahresversammlungen fanden damals im vollen Saal des Kaufleuten in Zürich statt. Mit der IGBS hatten die Teilnehmer am Vorversuch sowohl in den Verhandlungen mit dem Braunviehzuchtverband wie auch gegenüber den Behörden einen kompetenten Vertreter und Ansprechpartner.

Die IGBS konnte sehr früh bewirken, dass sie mit drei Sitzen in der Brown-Swiss-Kommission und auch in der Auswahlkommission des Zuchtverbandes vertreten war, was eine direkte Einflussnahme und Interessenvertretung ermöglichte und eine praxisnahe Berichterstattung der besichtigten Nachzuchten gewährleistete in einer Zeit, in der nur sehr spärliche Informationen zum amerikanischen Zuchtgeschehen verfügbar waren. 

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