20.02.2019 08:05
Quelle: schweizerbauer.ch - Michael Götz*
Smart Farming
Die intelligente Ohrmarke
Mit Hilfe einer Ohrmarke sammelt Smartbow nicht nur Daten über das Verhalten von Kühen, sondern macht den Landwirt frühzeitig auf Brunst und Krankheitssymptome aufmerksam.

Der Milchviehstall von Alex und Noemi Rutz in Egnach TG ist modern eingerichtet. Ein erweiterbarer 2x4 Side-by-Side-Melkstand macht das Melken einfach und die Spaceboardwände sowie die Firstentlüftung sorgen für ein gutes Stallklima. Ausser ein paar Kühen am Fressgitter liegen fast alle in den mit Sägemehl und Strohpellets eingestreuten Tiefboxen. Ganz so, wie es sich Milchviehhalter für eine gute Milchleistung ihrer Kühe wünschen. 

Das verbesserte Auge des Landwirtes 

Doch mit der guten Stalleinrichtung allein ist es nicht getan. Die Tierbeobachtung spielt für den Landwirt eine wichtige Rolle. Gut 60 Kühe im Auge zu haben, ist nicht einfach – auch wenn der Landwirt jede Kuh zwei Mal pro Tag beim Melken sieht und vom Futtertisch aus eine gute Übersicht über den Stall hat. Auch die Abrufstation liefert ihm wichtige Hinweise. Doch manchmal kommt es vor, dass eine Kuh in der Nacht Anzeichen der Brunst zeigt, aber am Morgen schon wieder ruhig ist. 

Auch gibt es Kühe, die kaum Brunstsymptome zeigen – das ist vermehrt bei Hochleistungskühen der Fall. (Die Kühe im Stall – Schwarz-, Rotbunte und Braunvieh – geben immerhin durchschnittlich 9‘500 kg Milch.) Um die Brunst seiner Kühe auch dann zu erkennen, wenn er nicht im Stall ist, hat sich der Landwirt im Herbst 2017 ein spezielles Gerät, den Smartbow, angeschafft.  

Verhalten der Kühe rückverfolgen 

Smartbow besteht im Wesentlichen aus vier Bestandteilen: Einer Ohrmarke, die einem Knopf gleicht, sowie mehreren an den Stallwänden angebrachten Empfängern. Diese nehmen die Signale auf, welche die Ohrmarke sendet. Der Server im Büro analysiert die Daten und leitet sie an den PC weiter. «Jeden Morgen schaue ich am PC nach. Er zeigt mir die Kühe, die vom normalen Verhalten abweichen», sagt Rutz. Sein Smartphone hat ihm zwar die Kühe schon gemeldet, aber am Monitor erhält er noch detailliertere Informationen. 

Er sieht anhand von Kurven, wie sich Aktivität und Wiederkauhäufigkeit im Laufe der Nacht verändert haben. Eine dritte Kurve zeigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Kuh brünstig ist. Bei brünstigen Kühen steigt die Aktivität und das Wiederkauen nimmt ab. Das Smartbow-Programm stützt sich im Hintergrund auch auf Bewegungsmuster des Ohres, die Anzeichen für die Brunst geben. 

System lernt jede Kuh kennen 

«Jede Kuh hat ein anderes Verhaltensmuster», erklärt Hansueli Rüegsegger. Er ist Leiter Milchvieh bei der Fenaco-Tochter UFA AG, die das Gerät als Generalimporteur in der Schweiz vertritt. Das Smartbow-Programm erlernt die Eigenheiten jedes Tieres. Je länger es das macht, desto besser kann es das Verhalten der Kuh interpretieren. Smartbow erkennt nicht nur die Brunst, sondern auch, wenn ein Tier krank ist oder erste Krankheitssymptome zeigt. 

Oft entgehen dem Tierhalter diese, weil er nicht immer bei den Tieren sein kann. Eine akute Euterentzündung kann sich innerhalb weniger Stunden bilden. Beim Morgenmelken ist die Kuh noch gesund, gegen Mittag kann sie schon Fieber haben. Smartbow erkennt die Entzündung frühzeitig daran, dass die Kuh zwar liegt, aber nicht wiederkaut. Der Server löst einen Alarm aus und macht den Landwirt auf die Kuh aufmerksam. Je schneller dieser das kranke Euterviertel erkennt, desto schneller kann er reagieren und desto besser sind die Heilungschancen. «Das ist ein grosser Vorteil», betont Rutz. 

Krankheiten frühzeitig erkennen 

Rutz erinnert sich daran, wie ihn Smartbow auf das Festliegen einer Kuh nach dem Abkalben aufmerksam machte. Das Gerät gab einen Alarm, weil die Kuh nicht wiederkaute. Er selber war damals gerade im Ausland, als er mit dem Smartphone alarmiert wurde. Sofort nahm er per WhatsApp Kontakt mit seinem Vater auf, der nach der Kuh schaute und den Tierarzt rief. 

Neben der Brunst- und Früherkennung von Krankheiten ist es dem Gerät auch möglich, die Tiere in der Herde zu orten. Das Smartphone zeigt an, wo sich das Tier im Stall befindet. Dies ist besonders bei sehr grossen Herden von Vorteil, doch Rutz kennt seine 60 Kühe und findet sie leicht. Dank der Ortung kann er allerdings herausfinden, wo sich Kühe besonders häufig aufhalten, ob sie zum Beispiel bestimmte Liegeboxen und Fressplätze bevorzugen oder meiden. 

Gerät an Situation anpassen 

Nicht alle Alarme sind relevant. Es gibt auch Fehlalarme, zum Beispiel dann, wenn ein Rind oder eine zugekaufte Kuh in die Herde eingeführt wird. Dann verhalten sich die Kühe anders als sonst, interessieren sich für das neue Tier und kauen weniger wieder. Auch während und vor allem zu Beginn der Weideperiode hatte es Rutz öfters mit Fehlalarmen zu tun. Das liege daran, dass die Kühe einen anderen Rhythmus haben, zum Beispiel darauf warten, hinausgelassen zu werden. 

Dann kann man die Grenzwerte im System erhöhen, es neu tarieren. Dazu telefoniert der Landwirt mit dem Servicecenter in Österreich, das per Teamviewer die Anpassung vornimmt. Sind die Kühe auf der Weide, dann sind sie nicht in Reichweite der Empfänger und werden während dieser Zeit nicht überwacht, ausser man bringt auch auf der Weide Empfänger an. 

15'000 Franken  

Das Gerät hat seinen Preis: 15‘000 Franken (inkl. MwSt) zahlte Rutz für das ganze System mit insgesamt 68 Ohrmarken und inklusive der Montage der Empfänger. Das ergibt 220 Franken pro Kuhplatz. Das System, das der Landwirt gekauft hat, beinhaltet drei Module: Die Brunsterkennung, die Früherkennung von Krankheiten und die Ortung der Kühe. Um etwa einen Viertel günstiger wird das System, wenn das Modul «Ortung» wegfällt, hält der Schweizer Verkäufer fest. 

Denn dann sind weniger Empfänger im Stall notwendig. Rutz wartet auf ein viertes Modul für die Erkennung eines bevorstehenden Abkalbens. Dieses befinde sich noch in der Entwicklung, die schon weit fortgeschritten sei. Das Modul würde die Gefahr vermindern, dass eine Kuh ihr Kalb im Laufstall zur Welt bringt und es vom Schieber erfasst wird. Pro Jahr zahlt der Landwirt eine Servicegebühr von rund 500 Franken. Das beinhaltet ein kontinuierliches Update der Programme, Datensicherung, telefonische Beratung sowie drei Jahre Garantie auf das Material.  

Ohrmarken lassen sich wieder verwenden 

Es kann vorkommen, dass eine Kuh am Fressgitter mit der Ohrmarke hängen bleibt und der Dorn abbricht oder die Marke ausreisst. Innerhalb des Jahres, in welchem der Landwirt das System verwendet hat, fielen acht von 60 Ohrmarken aus. Vier konnte der Landwirt dank der Ortung wieder finden, die anderen vier gingen in der Güllegrube verloren. Eine Ohrmarke kostet 30 Franken. Allerdings ersetzt die Smartbow GmbH jährlich 5% der Ohrmarken gratis, das heisst, der Landwirt musste für den Ersatz der vier verloren gegangenen Ohrmarken nichts bezahlen. 

Da die Ohrmarken aktiv senden, benötigen sie eine Knopfbatterie, die man etwa alle drei Jahre auswechseln müsse. Dafür muss der Dorn der Ohrmarke abgeschnitten und ersetzt werden. Der neue Dorn lasse sich mit der Zange wieder in das bestehende Loch im Ohr der Kuh drücken, sagt Rüegsegger. Zugekaufte Kühe erhalten die Ohrmarken von abgehenden Kühen.

* Der Autor hat den Artikel im Auftrag der Messe Tier&Technik verfasst.

Smartbow

Erfinder des Smartbows ist der österreichische Landwirt Wolfgang Auer. Der Name rührt vom Hersteller des Gerätes, die Smartbow GmbH in Weibern, Österreich. Die Firma ist ein Tochterunternehmen der Tierarzneimittelfirma Zoetis. «Über die Ohrbewegungen können wir bis zu einer Genauigkeit von bis zu 97% erkennen, ob das Tier zum Beispiel wiederkaut, steht, geht, etc», erklärt Auer. Das Gerät selbst ist autonom, das heisst, es ist nicht direkt mit anderen Programmen vernetzbar. Tierdaten lassen sich aber automatisch einlesen. «Landwirte sollen effizient wirtschaften und sich auf das Wesentliche konzentrieren können», sagt Smartbow-Erfinder Wolfgang Auer.

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