13.07.2014 07:31
Quelle: schweizerbauer.ch - Interview: Esther Siegenthaler
Viehzucht
«Die KB sollte abgeschafft werden»
Adelboden. Ein Dorf, zwei komplett unterschiedliche Züchter: Bei Simmentaler-Züchter Ueli Germann wurde noch nie eine Kuh künstlich besamt. Peter Aellig setzt ausschliesslich ausländische Holstein-Genetik ein.

«Schweizer Bauer»: Nur wenige SF- und  RH-Stiere werden für den Natursprung gross gezogen, im Gegensatz dazu gibt es im Angebot der Simmentaler-Reinzucht kaum einen ET-Stier. Auch Sie folgen diesem Trend. Warum setzen Sie nicht mehr künstliche Besamung beziehungsweise Natursprung ein?
Peter Aellig: Bei Natursprung ist mir das Risiko zu hoch. Ich will geprüfte Stiere, dies ist auch der Grund, warum ich meine Kühe nicht mit genomisch geprüften Stieren decke. Für kleinere Betriebe braucht es eine möglichst hohe Sicherheit, nur die besten Stiere, die ihre Vererbung bereits unter Beweis stellten, sind gut genug. In grossen Betrieben mit über 60 Kühen ist dies anders.

Ueli Germann: Ich verkaufe jährlich 20 bis 25 Stiere für den Natursprung. Da kann und will ich nicht KB und somit auch nicht ET einsetzen. Zudem werden durch die genomische Selektion Stiere zum Tod verurteilt, die bestimmt gut züchten würden.

Gegner von Embryotransfer argumentieren, nebst dem ethischen Aspekt mit den hohen Kosten und der fehlenden Chance für ein Trägertier die eigenen Gene zu vererben. Was sagen Sie dazu?
Ueli Germann: Für die Kühe sei es zudem unangenehm, und es entstehen immer wieder Probleme bei der Befruchtung nach einer Spülung.

Peter Aellig: In den letzten 15 Jahren habe ich eine Kuh gespült, doch mein Betrieb ist zu klein. Momentan hätte ich eine im Stall, bei der man es sich überlegen kann. Die Kosten sind aber enorm hoch. Die Kuh muss etwas sehr Exklusives sein, zum Beispiel eine Gewinnerin einer grossen Ausstellung. Ich gehe nur noch an Ausstellungen im Kanton Bern. Eine «Bergkuh» hat im nationalen wie auch internationalen Vergleich keine Chance. Auch wenn die Rasse Holstein sicherlich nicht ideal für die Alpung ist.

Angenommen, ab 2015 dürfen nur noch Stiere eingesetzt werden, die einen Gesamtzuchtwert  (GZW) von über 130 haben. Was würde dies für Sie bedeuten?
Ueli Germann: Im Natursprung ist der Zuchtwert ungenau. Um einen Stier einzusetzen, ist dies für mich absolut kein Kriterium. Niemand kann mir erklären, wie der Zuchtwert berechnet wird. Das Erstkalbealter wie auch die Jahreszeit beim Abkalben werden nicht beachtet, dies ist fatal für das Berggebiet. Zudem hat ein Stier fast nie negative Zahlen, solange ein Samenlager besteht. Da wird viel Unwesen getrieben. In meinem Stall stehen Kühe mit Milchzuchtwerten bis zu –500 kg, und dennoch geben sie viel Milch. Ich setze auf gezielte Linienzucht und bin klar gegen die Bestimmung des Zuchtwertes.

Peter Aellig: Im Angebot der KB haben wohl alle Stiere einen hohen GZW. So schaue ich nicht auf diesen. Exterieur und eine optimale Euteranlage sind für mich die viel wichtigeren Kriterien.

Ist der Trend zur genomischen Zucht rassenbedingt? Warum?
Peter Aellig: Man kann dies nicht generalisieren. Das Angebot der Rassen Red Holstein und Holstein ist international, während die Simmentaler-Reinzucht vor allem in der Schweiz besteht. Ich selber setze keine genomisch geprüften Stiere ein, weil mir das Risiko zu hoch ist.

Ueli Germann: Ich traue der genomischen Zucht auch nicht, denn schon der Zuchtwert stimmt offensichtlich nicht. So sehen dies wohl viele andere Reinzüchter. Zudem wird hier zu stark ins Züchten eingegriffen. Nebst dem Klonen sollte auch dieser Trend wieder verschwinden!

Ihr seid beide Mitglied von Swissherdbook: Kann der Verband ein so breites Spektrum von Rassen von Simmentalern über Montbéliarde, Normande bis hin zu Holstein abdecken?
Peter Aellig: Ich bin sowohl bei Swissherdbook wie auch bei Holstein Switzerland Mitglied. Beide Verbände machen ihren Job sehr gut.

Ueli Germann: Da kann ich dir zustimmen. Swissherdbook ist innovativ, ein Beispiel ist die Trächtigkeitsuntersuchung in der Milch.

Wieso, Herr Aellig, bringen Sie nur noch wenige Kühe auf den Schauplatz? Wieso, Herr Germann, sind Ihre Kühe nicht linear beurteilt?
Peter Aellig: Ich habe nicht den Typ Kuh, der auf den Berner Schauplätzen gefragt ist. Holstein-Kühe sind zu gross und zu scharf. Zudem werden zum Beispiel die Zitzen auf den Schauplätzen zu stark gewichtet. Die typische Zitze einer Holstein-Kuh wird degradiert, weil sie zu lang sei. Für mich ist aber die Platzierung viel wichtiger. Bei der linearen Beschreibung und Einstufung (LBE) zählen mehr Faktoren. Zudem ist es weniger die persönliche Einschätzung des Richters, sondern eine Beurteilung nach klaren Kriterien.

Ueli Germann: Ich erhoffe mir ein Umdenken die Zitzen  betreffend. Das berühmte «Bärner Strichli» ist zu kurz. Die Platzierung muss stimmen, und eine minimale Länge soll da sein. Damit der Zitzenbecher nicht ständig runterfällt. Ich selber lasse meine Tiere nicht linearen, weil der Vergleich auf den Schauplätzen grösser ist. Ich sehe, was andere Bauern für Kühe haben, zudem wird die Kuh von mindestens vier Richtern bewertet. Bei der linearen Beurteilung ist dies bloss einer. Auch schätze ich die Einfachheit, beim Linearen gibt es zu viele Zahlen. Ähnlich wie beim Einsatz des Natursprungs sollten auch hier die Richter als Vorbild leben. Wer zu Hause linear beurteilt, sollte besser nicht auch Viehschau-Experte sein.

Blick in die Zukunft: Wie sieht das Angebot der Simmentaler-KB-Stiere  in zehn Jahren aus? Was erhoffen Sie sich?
Ueli Germann: Ich hoffe, dass es in zehn Jahren die KB nicht mehr gibt. Wenn doch, dann muss unbedingt mehr Blut aus dem Natursprung im Katalog zu finden sein. Momentan werden immer wieder Samenlager von Stieren aus den gleichen Blutlinien angelegt.

Peter Aellig: Das ist eine schwierige Frage. Bei allen Rassen erhoffe ich mir zukünftig eine robustere und komplettere Kuh. Die richtigen Stiere zu finden, ist eine Gratwanderung. Ich bin sicher, dass es international weitergeht, und rechne mit weiteren Holstein-Überfliegern, wie dies Goldwyn ist.

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