15.07.2013 16:56
Quelle: schweizerbauer.ch - Interview: Marcel Wipfli
Braunvieh
«Die Schaustiere haben einen zu hohen Stellenwert»
«Die Schaustiere haben einen zu hohen Stellenwert»Beat Imfeld (65) arbeitete sein Berufsleben lang bei Braunvieh Schweiz. Er spricht zur Lage der Braunviehzucht.

«Schweizer Bauer»: 1969 betrat Neil Armstrong als erster Mensch den Mond. Und Sie, damals 21-Jährig, nahmen beim Braunviehzuchtverband in Zug eine Stelle an. Was geht Ihnen dabei durch den Kopf?
Beat Imfeld: Die Arbeiten im Büro von damals und heute sind nicht zu vergleichen. Es dominierten Lochkarten, mechanische Schreibmaschinen und viele handschriftliche Arbeiten. Wir im Verbandshaus druckten die Abstammungsausweise väterlicherseits vor und schickten  sie den  Zuchtbuchführern per Post zu. Diese füllten dann die Abstammungen mütterlicherseits selbst nach. Die technischen Errungenschaften von heute waren damals kaum vorstellbar.

Aber auch die Braunviehkuh hat sich enorm gewandelt.
Die Entwicklung von der Original Braunvieh über die Einkreuzung von Brown-Swiss-Blut zur heutigen Braunviehkuh war damals unvorstellbar. Ich war noch als Bub bei meinen Onkeln auf der Alp. Die Kühe produzierten in den Fünfzigerjahren rund 3000 Kilogramm Milch pro Laktation. Die Abkalbeprobleme von damals  sind verschwunden. Heute sind die Geburten eine Stärke des Braunviehs. Es gibt aber noch viele weitere Beispiele für den Zuchtfortschritt.

Und trotzdem  steht im Moment die Rasse unter Druck. Weshalb ist der Braunviehbestand abnehmend?
Braunvieh steht meistens in Regionen mit verschiedenen Strukturen für die Milchproduktion. Der Milchmarkt und die Agrarpolitik haben den Strukturwandel besonders in den Braunviehgebieten beschleunigt. Oft wurde die Milchproduktion aufgegeben und auf Mutterkuhhaltung umgestellt. Der klar grösste Anteil des Verlustes an Herdebuchtieren ist  diesem Strukturwandel zuzuschreiben.

Gibt es auch Fehler der Braunviehzüchter in ihrer Zucht?
Grosse Fehler haben die Züchter keine begangen. Jedenfalls nicht mehr oder weniger als Züchter anderer Rassen. Es ist aber so, dass die Braunviehkuh unter  unterschiedlichen Bedingungen auf kleinstem Raum verschiedenen Anforderungen gerecht werden muss. Dieser Spagat ist nicht nur für die Braunviehkuh schwierig, sondern auch  für jede andere Rasse. Probleme mit dem Rindvieh sind  oft Managementprobleme und keine Frage der Rasse. Meistens kommt das Erwachen für die Betriebsleiter, wenn der Rassenwechsel auch nicht den erhofften Erfolg bringt.

Sie haben  gute Argumente für das Braunvieh.
Ja. Ich erlebte immer wieder, wie Bauern die Braunviehkuh lobten. Dabei wurde der ruhige Charakter im Laufstall, die Fundamente und die Euterqualität hervorgehoben. Einige kurzfristige Probleme wie die Melkbarkeit konnte man züchterisch immer schnell korrigieren. Aufpassen muss man auf die langfristige Entwicklung einer Rasse. Wir könnten aber beim Braunvieh in bestimmten Merkmalen  noch  besser sein.

Weshalb könnte das Zuchtniveau noch besser sein?
Man hätte die Original-Braunvieh-Züchter früher in ihrer Zuchtarbeit unterstützen müssen. Lange Zeit wurde Original Braunvieh vernachlässigt. Und die Einkreuzung mit Brown-Swiss galt von Anfang Siebzigerjahre bis 1993 als ein Versuch. Das war viel zu lange. Unter dem Titel des Versuches war aber die finanzielle Unterstützung und eine Absicherung  bei einem Scheitern für die Verbandsspitze gewiss. Im Nachhinein hätte  eine konsequentere Einkreuzung mit BS-Blut schnelleren Zuchtfortschritt gebracht.

Was raten Sie den Braunviehzüchtern für die Zukunft?
Man muss unbedingt von diesem starken Einsatz der Schaustiere wegkommen. Auch wenn diese Stiere Exterieur bringen, ist die Nachhaltigkeit für die Rasse nicht gegeben. Aktuelle Stiere wie Astro, Elroy, Anthony oder Nelgor bringen Milch und verbessern weitere wichtige wirtschaftliche Merkmale.

Wie sehen Sie neue Zuchttechniken und Hilfsmittel?
Alle grossen technischen Neuerungen wie die künstliche Besamung, der Embryotransfer oder das Spermasexing brachten immer  Fortschritt. Heute muss man auf die genomische Selektion setzen. Der Einbezug von Gesundheitsdaten der Kühe in die Leistungsprüfung mit Unterstützung der genomischen Selektion wird wichtig werden.

Was war rückblickend für Sie die Stärke des Braunviehzuchtverbandes?
Braunvieh Schweiz war ein sehr guter Arbeitgeber. Diese Zufriedenheit hat bis zu den Züchter ausgestrahlt. Es waren immer Leute an der Spitze, die offen und innovativ genug waren, um neue Produkte im Dienstleistungsbereich zu entwickeln.

Wie halten Sie als Pensionär den Kontakt zu Ihrer geliebten Züchterfamilie?
Ich bin   als Verbindungsperson und Milchkontrolleur  tätig, und an Zuchtveranstaltungen werden Sie mich weiterhin sehen. Unter meinen Kollegen sind einige Landwirte und Züchter dabei. Dort gibt es immer etwas zu tun. Zudem gehe ich meinem Hobby, der Fotografie, nach.

Zur Person

Beat Imfeld (65) ist verheiratet, hat zwei Kinder und stammt aus Lungern OW. Er wohnt in Steinhausen ZG und war fast 44 Jahre beim Braunviehzuchtverband in Zug tätig. Der Allrounder machte seine Leidenschaft Braunvieh zum Beruf. Als Ausstellungsfotograf oder direkte Ansprechsperson ist er im ganzen Zuchtgebiet bekannt.

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