4.02.2018 19:51
Quelle: schweizerbauer.ch - Adrian Haldimann
Viehzucht
Gezielte Selektion zahlt sich aus
Die Zucht auf Fitness lohnt sich trotz tiefer Erblichkeit – dank genomischen Zuchtwerten – je länger je mehr. Genetik mit hoher Leistung schliesst gute Merkmale wie Zellzahl und Fruchtbarkeit nicht aus.

In der Milchviehzucht sollte sich jeder Betriebsleiter seiner eigenen Ziele bewusst sein. Die einen Milchproduzenten legen Wert auf exterieurstarke Tiere, die anderen geben der Selektion auf Leistung mehr Gewicht. Nicht nur der Züchter, sondern auch die Zuchtverbände legen mit ihren Rassenzielen fest, in welche Richtung sich eine Rasse genetisch entwickeln soll. Dieses Ziel wird mit dem Gesamtzuchtwert definiert. Der Gesamtzuchtwert ist eine Kombination aller züchterisch wichtigen Merkmale entsprechend ihrer wirtschaftlichen Bedeutung.

Einzelmerkmale beachten

Zuchttiere mit hohen Gesamtzuchtwerten sind deshalb beliebt und attraktiv, weil sie dem Rassenzuchtziel am nächsten kommen. Einzelmerkmale sollten aber nicht ausser Acht gelassen werden. Die Zucht auf zu viele Merkmale blockiert den Fortschritt in Einzelmerkmalen. Wie das Magazin «Elite» schreibt, sei es besser, sich zielgerichtet und intensiv auf ein bis zwei Merkmale zu konzentrieren und diese alle fünf Jahre anzupassen. 

Bekanntlich haben Fitness- und Gesundheitsmerkmale wie die Nutzungsdauer, die Zellzahl oder die Fruchtbarkeit eine tiefe Erblichkeit. Sie werden viel stärker von Management und Umwelt der Kühe beeinflusst als von der Genetik. Ignorieren ist aber auch keine Lösung, wenn zukünftig in Zeiten steigender Kosten noch effizientere, gesündere und leistungsstarke Kühe gefragt sind.  

Zuchtwert Zellzahl 

Die wirtschaftliche Bedeutung von Mastitis ist in der Milchproduktion sehr gross. Die durchschnittlichen Kosten pro Jahr und Kuh aufgrund Mastitis belaufen sich auf 200 bis 300 Franken. Aufgrund des hohen genetischen Zusammenhangs zwischen Mastitis und der Zellzahl bietet sich der Zuchtwert Zellzahl als Hilfsmerkmal für eine indirekte Selektion auf Eutergesundheit. 

«Elite» präsentiert ein Beispiel aus Norwegen, bei dem die Mastitishäufigkeit in einem Selektionsexperiment in acht Herden innerhalb von sechs Generationen von 18 Prozent auf 2 bis 4 Prozent abgesenkt  werden konnte. Die Selektion auf Zellzahl zahlt sich also aus.

Daten erheben hilft

Wichtig ist zudem, möglichst direkt auf die Merkmale zu züchten, die man verbessern möchte. Weiter wird erklärt, dass früher bestimmte Merkmale nur über Hilfsmerkmale züchterisch bearbeitet werden konnten (z.B. Klauenrehe-Befunde verringern, indem man auf ein gut gewinkeltes Sprunggelenk und eine ausreichende Trachtenhöhe hinten achtet). Die genomische Selektion schafft diesbezüglich neue Möglichkeiten und führt dazu, dass die Züchter jetzt häufig nicht mehr auf Hilfsmerkmale angewiesen sind. 

Damit genomische Zuchtwerte für Nutzungsdauer, Zellzahl und längerfristig für Ketose, Metritis (Gebärmutterentzündung), Milchfieber, Nachgeburtsverhalten und Labmagenverlagerung überhaupt geschätzt werden können, braucht es die Mitarbeit der Milchviehhalter. Genomische Zuchtwerte entstehen durch den Vergleich eines Genotyps des Tieres mit den Leistungen, die andere Tiere mit einem bestimmten Genotyp tatsächlich erbracht haben. Dafür müssen zum einen die Daten sehr vieler Tiere vorliegen, die zum anderen die Population realistisch abbilden. Dazu braucht es sowohl das Genotypisieren der eigenen Herde als auch die Erfassung von Gesundheitsdaten auf den Portalen der Zuchtverbände (siehe Kasten).

«Alleskönner» auswählen 

Dank immer mehr Informationen wird es möglich, bei der Stierenauswahl die «Alleskönner» zu finden. Obschon die genetische Beziehungen zwischen Produktion- und funktionellen Merkmalen schwach gegenläufig sind, schliesst sich die Zucht auf das eine und das andere nicht aus. Es gibt Stiere, die sowohl viel Milch als auch gute Fitnessmerkmale vererben. Der Züchter soll zielgerichtet auf das Gesundheitsmerkmal züchten, das im eigenen Betrieb die meisten Probleme bereitet.

Gesundheitsdaten

Mit der Erfassung der Gesundheitsdaten auf den Portalen der Zuchtverbände Swissherdbook, Holstein Switzerland und Braunvieh Schweiz wird die Aufzeichnungspflicht erfüllt und gleichzeitig das Herdenmanagement verbessert. Die Gesundheitsdatenerfassung gilt als Basis für die Schätzung von Gesundheitszuchtwerten. Die Zucht nach Fitness- und Gesundheitsmerkmalen kann damit effektiver gestaltet werden. Weiter wird die Entwicklung der Krankheiten in der Herde ersichtlich. hal

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