22.01.2017 06:32
Quelle: schweizerbauer.ch - Eveline Dudda, LID
Hornlosigkeit
«Hornkuhprämie ist mir egal»
Die Kühe und Kälber in Daniel Zellwegers Stall tragen keine Hörner, obwohl sie nicht enthornt wurden. Denn Zellweger züchtet auf Hornlosigkeit. Das ist für ihn die Zukunft.

Am Anfang stand ein Inserat. «Ich erinnere mich noch genau, wie mein Vater in einer deutschen Tierzuchtzeitung ein munzig kleines Inserat entdeckte», erzählt Daniel Zellweger. «Darin wurde Sperma von Hornlos-Exoten angeboten.» Sein Vater schnitt das Inserat nicht einfach aus, sondern bestellte zehn Dosen Sperma vom Stier «Expert». Der Grundstein für eine hornlose Herde war gelegt. Das war vor 15 Jahren. Aus tierzüchterischer Sicht ist das ein kurzer Zeitraum.

Langlebige Kühe

Trotzdem ist heute schon ein stattlicher Teil von Zellwegers Milchkuhherde genetisch hornlos. Der erste heterozygot hornlose Brown Swiss Zuchtstier der Schweiz stammt aus Zellwegers Stall: Er heisst «VW P» und stammt noch aus einer Zeit, in der die genetische Hornlosigkeit in Züchterkreisen ein Randthema war. Letztes Jahr konnten Zellwegers mit Willi PP eine weitere Premiere feiern: Es handelt sich um einen reinerbigen, also homozygot hornlosen Zuchtstier.

«Wir haben schon immer nicht mit der Masse gezüchtet», erklärt Zellweger die ungewöhnliche Strategie. Der Erfolg gab ihnen Recht. In Zellwegers Stall im thurgauischen Weiningen stehen zahlreiche Kühe, die nicht nur viel Milch geben, sondern diese Milchleistung auch über einen langen Zeitraum hoch halten. Mehrere Kühe glänzen mit einer Lebensleistung von über 100'000 Kilo Milch, sie wurden zehn, zwölf und mehr Jahre alt. Wenn Kühe viel leisten und auch noch alt werden, ist das nicht nur der Genetik zuzuschreiben, sondern auch ein Verdienst des Tierhalters. Denn dazu müssen ganz viele Faktoren stimmen: Fütterung, Haltung, Tierbeobachtung und vieles mehr.

Arbeitsersparnis steht nicht im Vordergrund

Daniel Zellweger hat den Hof in «Hinterzelg» im Jahr 2011 vom Vater übernommen. Zum Betrieb gehören 22 Hektaren landwirtschaftliche Nutzfläche, auf drei Hektaren wird Weizen, auf einer Hektare Gerste und auf zwei Hektaren Mais angebaut. Dazu kommen knapp sechs Hektaren Wald und – wie es sich für einen Thurgauer gehört – 180 Hochstammbäume in Produktion. Weitere 80 Hochstämmer sind noch nicht soweit, sie wurden erst vor kurzem gepflanzt.

Zellwegers 16 Bienenvölker sichern die Bestäubung. Und alles zusammen sorgt dafür, dass dem jungen Landwirt die Arbeit nicht ausgeht. Er bewirtschaftet den Betrieb mehr oder weniger allein. Der Vater hilft zwar aus und seine Frau geht ihm ab und zu beim Melken zur Hand, wenn die Betreuung der kleinen Kinder das überhaupt zulässt.

Doch die Hauptarbeit bleibt am Betriebsleiter hängen. Züchtet er nur deshalb auf Hornlosigkeit, um sich den Aufwand des Enthornens zu sparen? Zellweger schüttelt den Kopf. Wichtiger als die Viertelstunde, die das Enthornen eines einzelnen Kalbs in Anspruch nimmt ist für ihn ein anderer Faktor: «Wenn man die Kälber gerade frisch enthornt hat und sie den Kopf aus dem Fressgitter zurückziehen, stossen sie manchmal an. Das tut ihnen weh und danach saufen sie eine Zeitlang fast nichts.» Mit der Folge, dass das Wachstum stoppt.

Hornlos gleich mehr Sicherheit

Die 24 Kühe in Zellwegers Stall haben keine Hörner, auch das Jungvieh ist durchwegs ohne Horn unterwegs. Ob genetisch bedingt oder künstlich enthornt sieht man den Tieren nicht an. Nur wer genau hinsieht, entdeckt da und dort ein Kalb, bei dem das Fell den Kopf ganz gleichmässig überzieht; ohne die üblichen Dellen an den Stellen, an denen sich der Hornansatz befand. «Beim neugeborenen Kalb muss man nur mit der Hand über den Kopf streifen. Dann merkt man sofort, ob es hornlos ist oder nicht.» Wenn sich später doch einmal so etwas wie ein Hörnli entwickelt, handelt es sich um ein Wackelhorn (siehe Kasten).

Selbst wenn es dereinst einmal eine Hornkuhprämie vom Staat geben sollte, wird Zellweger das Ziel einer genetisch hornlosen Herde weiterverfolgen. Auch weil die Sicherheit bei ihm vorgeht: «Mein Grossvater musste einmal eine Kuh in die Metzg geben, weil ihr eine andere Kuh mit dem Horn den Bauch aufgeschlitzt hat.» Und er selbst sei froh gewesen, dass die Kuh, die ihn als Kind gegen die Wand gedrückt hat, keine Hörner hatte. «Die Hornkuhprämie ist mir egal.»

Die Zukunft gehört der Hornlosigkeit

Zellweger zieht alle weiblichen Kälber nach, bei den Stierkälbern nur die vielversprechendsten. Im Zweifelsfall lässt er auch mal für dreissig Franken einen Genomtest machen, um festzustellen, ob die Hornlosigkeit reinerbig oder mischerbig ist. Zellweger ist überzeugt, dass den hornlosen Stieren die Zukunft gehört. «Das wird sich langfristig auch im Preis niederschlagen.» Da Hornlosigkeit dominant vererbt wird, ist das Merkmal relativ einfach zu züchten.

Trotzdem dauert es lange, bis eine ganze Herde genetisch hornlos ist. Hornlosigkeit ist schliesslich nicht das einzige Zuchtmerkmal, dass es zu berücksichtigen gilt. Daneben legt Zellweger auch viel Wert auf Persistenz, also die Fähigkeit, die Milchleistung über lange Zeit hoch zu halten. Ein gebärfreudiges Becken und die Zucht auf Langlebigkeit gehören ebenfalls zu den Faktoren, die ihm wichtig sind. Und dass die Tiere zutraulich sind, sowieso. Wer in seinem Stall steht, merkt rasch, dass er dieses Zuchtziel bereits erreicht hat: Die Kühe und Kälber bemühen sich regelrecht darum, von ihrem Besitzer gestreichelt zu werden.

Wackeltheorien und Wackelhörner

Was war zuerst da: Die Hornlosigkeit oder das Horn? Für Professor Hannes Jörg lautet die Antwort sowohl als auch: «Die These, dass alle Urrinder Hörner hatten, kann jedenfalls nicht bestätigt werden.» Jörg ist Dozent für Tiergenetik an der Berner Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (HAFL). Er forscht seit Jahren auf dem Gebiet der Hornlosigkeit. «Es hat schon immer sowohl hornlose als auch horntragende Rinder gegeben.» Bereits im dritten Jahrtausend vor Christi wurden im Alten Ägypten hornlose Rind gezeichnet. Molekulargenetisch kam man der Hornlosigkeit allerdings erst vor ein paar Jahren auf die Schliche. «Man unterscheidet Hornlosigkeit keltischen und friesischen Ursprungs.» Erstere kommt vor allem bei Fleischrassen wie Aberdeen Angus, Galloway oder Polled Hereford vor. Das ist die ursprünglichere Variante. Letztere tritt auch bei milchbetonten Rassen wie Holstein und Braunvieh sowie bei Charolais und Limousin auf. Hierbei handelt es sich wohl um eine Spontanmutation.

Noch nicht restlos geklärt ist die Ursache für die Erscheinungsform zwischen Hornlosigkeit und Horn. Vereinzelt entwickeln genetisch hornlose Rinder nämlich Hornwucherungen, Knollen und andere hornähnliche Gewächse an genau derselben Stelle, an der andere Rindern Hörner tragen. Diese Wucherungen sind, im Gegensatz zum echten Horn, nicht fest mit dem Schädel verwachsen. Die knöcherne Verbindung mit dem Stirnbein fehlt, das Pseudo-Horn ist in der Regel sogar beweglich. Es wird deshalb Wackelhorn genannt. Wäre das nicht ein Hinweis darauf, dass das Horn doch zwingend zum Rind gehört? Jörg winkt ab: «Wackelhörner treten nur bei heterozygoten Rindern auf.» Also bei Rindern, die sowohl das horntragende, als auch das hornlose Gen in sich tragen. Das Gen für Hornlosigkeit ist dominant, es setzt sich durch. Dass sich trotzdem ein Wackelhorn entwickelt, scheint an anderen Genen, am Geschlecht und an bestimmten Genkombinationen zu liegen. Was es genau damit auf sich hat, ist derzeit Gegenstand von Jörgs Forschungsarbeit.

Hörner mit Nutzwert

Ob behornte Wildrinder früher einen Vorteil hatten, weil sie sich gegen die unbehornten Rinder besser wehren konnten, ist nicht sicher. Fest steht dagegen, dass behornte Rinder von den Tierhaltern jahrhundertelang bevorzugt wurden. Solange man das Rind nicht nur zur Milch- und Fleischproduktion sondern auch als Zugtier einsetzte, war das Horn ausgesprochen nützlich. Man konnte das Zuggeschirr daran befestigen. Auch in der Anbindehaltung haben die Hörner praktischen Nutzen: Man kann sie als als natürlichen «Haltegriff» verwenden. Weil behörnte Tiere den Kopf schlechter «aus der Schlinge ziehen» können, lassen sie sich einfacher fixieren. Kein Wunder, stehen die allermeisten behornten Kühe auch heute noch in Anbindeställen. In Laufställen haben die Hörner den praktischen Wert verloren, weshalb das Interesse an hornloser Genetik steigt.

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