4.08.2020 07:00
Quelle: schweizerbauer.ch - sum
Milchkühe
«Je mehr Milch, desto länger Pause»
Martin Wirth aus Mörschwil SG gönnt seinen Kühen eine verlängerte Rastzeit bis zur ersten Besamung. Seine Faustregel lautet Einsatzleistung mal zwei. Bei 60 Kilo Milch wird nach 120 Tagen erstmals besamt.

Martin Wirth aus Mörschwil SG hält 45 Holsteinkühe mit einer sehr hohen Milchleistung von durchschnittlich 11'500 Kilo. Vor zehn Jahren hat er einen Roboterstall gebaut und dabei auch dem Kuhkomfort hohes Gewicht eingeräumt: «Wir haben bewusst offene Wände und ein hohes Dach gewählt, in den Tiefboxen streuen wir Strohpellets ein und machen damit sehr gute Erfahrungen bezüglich Eutergesundheit.»

Nach 90 bis 130 Tagen

Das Tierwohl ist Martin Wirth auch sonst sehr wichtig – anders wären so hohe Milchleistungen auch gar nicht möglich. So setzt er bewusst auf eine freiwillig verlängerte Rastzeit.

«Das heisst, dass ich meine Kühe je nach Leistung 90 bis 130 Tage nach dem Abkalben erstmals besame –  je mehr Milch, desto länger die Pause. Meine Faustregel lautet ‹Einsatzleistung mal zwei›, was heisst, dass bei 60 Kilo Milchleistung zu Laktationsbeginn die erste Besamung nach 120 Tage stattfindet.» Wirths Kühe sollen, bevor er sie selber besamt, zwei bis drei Mal stierig gewesen sein. 

Fütterung anpassen

Milchviehspezialist Hansueli Rüegsegger von der UFA meint zur Strategie der verlängerten freiwilligen Rastzeit: «Je nach Einsatzmilchleistung kann die freiwillige Rastzeit ruhig länger sein. Bei sehr hohen Leistungen über 10000kg Milch ist das Ziel von einem Kalb pro Kuh und Jahr nicht mehr unbedingt anzustreben. Wird aber eine Hochleistungsstratgie verfolgt, müssen die Gegebenheiten wie etwa die Grundfutterproduktion danach ausgerichtet werden. Die Versorgung in der Startphase ist noch wichtiger als ohnehin schon. Während den ersten 70 Tagen dürfen keine Kompromisse eingegangen werden. Daran ändert nichts, auch wenn die Kuh erst nach vier Monaten besamt wird. sum

1,8 Samendosen pro Kuh

Die durchschnittliche Rastzeit auf dem Betrieb in Mörschwil lag letztes Jahr bei 103 Tagen. Sie war damit zwei Wochen länger als die durchschnittliche Rastzeit aller Herdebuchkühe von Holstein Switzerland. Dennoch hatten Martin Wirths Kühe im Schnitt eine Zwischenkalbezeit von 417 Tagen, das ist gleich lang wie die durchschnittliche Zwischenkalbezeit aller Herdebuchkühe des Zuchtverbandes. Was heisst, dass Martin Wirths Kühe rascher trächtig werden.

Dies belegt auch die Anzahl Besamungen bis zur Trächtigkeit. In Mörschwil sind es 1,8 und im Verbandsschnitt 2. «Die freiwillig verlängerte Rastzeit lohnt sich», ist sich Martin Wirth sicher. Er setzt diese Strategie  seit zehn Jahren um. «Obschon ich alle zur Nachzucht bestimmten  Kühe gesext besame, was  zu einem eher tieferen Besamungserfolg führt, brauche ich weniger Dosen pro Kuh.» Vorteile hat die freiwillig verlängerte Rastzeit auch bezüglich Trockenstellen, vor allem bei so hohen Milchleistungen. 

Selektiv trockenstellen

«Ich stelle meine Kühe mit 230 Trächtigkeitstagen trocken», sagt der Betriebsleiter dazu, «zu diesem Zeitpunkt geben sie immer noch zwischen 18 und  30 Kilo Milch pro Tag.» Er setzt dabei auf ein selektives Trockenstellen, alle Kühe werden dabei mit Zitzenversiegler behandelt. Bei rund 15 Prozent der Kühe, die im routinemässig durchgeführten Schalmtest anzeigen, kommen zusätzlich antibiotische Trockensteller zum Einsatz.

Vor- und Nachteile

Vor- und Nachteile einer längeren freiwilligen Wartezeit laut dem Positionspapier der Deutschen Gesellschaft für Züchtungskunde:

Vorteile:

  • Wertsteigerung der Kälber, da weniger verfügbar
  • Geringere Ausprägung der negativen Energiebilanz zu Laktationsbeginn
  • Höhere Lebenstagleistung
  • Geringeres Risiko von Stoffwechselkrankheiten und Folgeerkrankungen
  • Geringerer Einsatz von Antibiotika zum Trockenstellen
  • Längere Nutzungsdauer
  • Niedrigere Reproduktionsrate 
  • Reduzierung der Umweltbelastung
  • Weniger Kalbungen, abnehmende Risiken zur Geburt und zum Laktationsstart für Einzeltiere und Herde
  • Verbesserter Besamungserfolg

Nachteile:

  • Gefahr der Verfettung der Kuh bei energetischer Überversorgung in der Spätlaktation, angepasste Fütterung der altmelken Kühe, steigende Anforderungen an das Fütterungsmanagement
  • Vermehrte Verletzungsgefahr durch mehr Brunsten
  • Nicht für jeden Betrieb geeignet
  • Weniger Jungtierverkäufe realisierbar
  • Verlangsamung des Zuchtfortschritts

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