Sonntag, 23. Januar 2022
02.12.2021 10:57
Milchvieh

«Keimfreiheit ist nicht realistisch»

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Von: sum

Umweltkeime wie Kolibakterien oder Streptokokken kommen im ganzen Stall vor. Sie können Kühe befallen, wenn deren Immunsystem geschwächt oder der Keimdruck zu hoch ist. Einige bilden starke Gifte. 

Beat Berchtold ist Tierarzt in Bargen BE und hat sich auf die Bestandesmedizin spezialisiert. Er wird auf Betriebe gerufen, wenn beispielsweise Euterentzündungen gehäuft auftreten. Dann beginnt seine Arbeit, die oft einem Puzzlespiel gleichkommt.

Bis 300 Franken 

«Viele Keime, nämlich die sogenannten umweltassoziierten Keime oder Umweltkeime, kommen natürlicherweise im Stall vor. Und zwar vor allem im Zusammenhang mit Kot – also in den Laufgängen, den Liegeboxen und auch am Euter, wenn dieses verschmutzt ist», erklärt er. «Damit eine Kuh erkrankt, müssen verschiedene Faktoren zusammenspielen – etwa ein sehr hoher Keimdruck und ein geschwächtes Immunsystem der Kuh.

Bei Bestandesproblemen müssen wir diverse Merkpunkte abarbeiten und alle Risikofaktoren eliminieren. Diese sind auf jedem Betrieb anders. Es gibt keine Schablone.» Aber es ist wirtschaftlich enorm wichtig, die Ursache für solche Euterentzündungen zu finden. Denn, so Beat Berchtold: «Eine Mastitis kostet rund 300 Franken, je nachdem, in welchem Laktationsstadium sie auftritt, welcher Erreger festgestellt wird und in welcher Laktationsnummer sich die Kuh befindet. Daneben kann mit der durchschnittlichen Herdenzellzahl die Milcheinbusse geschätzt werden.»

Tendenz steigend

Dass auch Kühe als unheilbar ausgemerzt werden müssen, ist keine Seltenheit, denn zu den Umweltkeimen gehören neben Streptokokken auch alle Kolibakterien, also E. coli und die ganze Untergruppe der Klebsiellen (siehe Kasten). Und sowohl Klebsiellen wie auch E. coli produzieren extreme Giftstoffe. Sie können vor allem bei Tieren mit einem geschwächten Immunsystem zu starken Allgemeinstörungen führen und bei Kälbern Durchfall auslösen.

Es kann aber auch vorkommen, dass sie nicht erkannt werden und trotzdem die Leistung reduzieren. «Ich habe am häufigsten mit Streptokokkus uberis zu tun», stuft der Tierarzt die Häufigkeit ein. «Klebsiellen sind auf einzelnen Betrieben aber ebenfalls Auslöser für Bestandesprobleme. Generell kommen Euterentzündungen durch Umweltkeime immer öfter vor, während euterassoziierte Keime wie Staph. aureus zumindest in meiner Region eine eher abnehmende Bedeutung haben.»

Beat Berchtolds Einschätzung wird gestützt durch aktuelle Untersuchungen in Norddeutschland. Diese zeigen, dass bei 12 bis 16 Prozent der Kühe mit sichtbaren Mastitissymptomen coliforme Keime, vor allem E. coli und Klebsiellen, nachgewiesen werden. Tendenz steigend.

Klebsiellen

Klebsiellen kommen überall in der Umwelt und vor allem auch im Mist vor. Sie infizieren das Euter von der Umwelt über den Strichkanal und nützen eine Schwäche der Kuh aus. Diese Schwächung kann verschiedenes beinhalten wie etwa einen geschädigten Strichkanal, einen ungenügenden Strichkanalschluss wegen Kalziummangels oder eine Immunschwäche wegen Hitzestress oder Ketose. Der Behandlungserfolg bezüglich Erhaltung des Viertels ist sehr gering, laut der VetsuisseFakultät der Universität Bern rund 20 Prozent. Meist werden die Milch produzierenden Zellen im Euter durch die starke Entzündungsreaktion mit Bindegewebe ersetzt und der Viertel versiegt.

Zusätzlich ist das Überleben der Kühe ebenfalls akut gefährdet. Eine Eigenschaft von Klebsiellen wie auch von E. coli ist die Bildung von Giftstoffen, welche in den Kreislauf gelangen und eine innere Vergiftung hervorrufen, die auch mit der Schädigung anderer Organe einhergehen kann und unbehandelt zum Tod führt. Nach einer Behandlung kann es passieren, dass die Kühe sich etwas erholen, aber nie mehr richtig in Schuss kommen. Wichtig ist zu wissen, dass diese Giftstoffe auch wirken, wenn die Klebsiellen durch eine Antibiotikabehandlung abgetötet wurden. Die schlechten Heilungschancen sind also vor allem durch die starke Entzündungsreaktion und die Bakteriengifte bedingt und nicht direkt durch die Bakterien. sum

Gute Lägerpflege 

Doch wie kann man solchen Erkrankungen vorbeugen? «Ein Keim-Grunddruck ist im Stall immer da, den bringt man nicht weg», zeigt sich Beat Berchtold realistisch. «Die Bakterien dürfen aber nicht überhandnehmen. Das erreicht man mit einer guten Pflege der Liegeboxen respektive des Lägers und der Laufgänge.» Zudem seien eine einwandfrei gewartete Melktechnik und eine tadellose Melkarbeit wichtige Faktoren.

Und nicht zuletzt stelle die Fütterung ein zentrales Puzzleteil. Hier müssten nicht nur Nährstoffe und Energie stimmen. Schimmliges Futter habe in der Fütterung nichts zu suchen. «Weitere Stichworte sind ein gutes Stallklima und das Vermeiden von Stress jeglicher Art. Man muss versuchen, die Balance zu finden zwischen Immunsystem und Keimdruck. Keim

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One Response

  1. Und was ist mit dem wichtigsten Nahrungsmittel für die Kühe, dem Tränkewasser? Wird das auch geprüft? Welche Keime findet man dort? Die Tränkestellen haben meist Biofilme, oder?

    Es wird oft geschrieben, wie wichtig einwandfreies Wasser ist, aber praktisch nie erklärt, wie man einwandfreies Tränkewasser bekommt?

    Wir, die AquaJet AG, helfen gern, das zu erklären.

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