21.04.2019 07:14
Quelle: schweizerbauer.ch - Susanne Meier
Milchproduktion
Kühe geben ihre Milch wieder
Seit knapp zwei Jahren melken Joël und Marianne Fenner aus Ottikon ZH ihre 55 Braunvieh-Kühe mit dem Roboter. Dieser war ihre letzte Rettung. Ansonsten hätten sie die Milchproduktion wohl aufgeben müssen.

Durchschnittliche Zellzahlen von 57'500 während eines ganzen Jahres – das ist top. Joël und Marianne Fenner aus Ottikon ZH haben das geschafft. Und beim Wettbewerb Milchqualität 2018/19 des Vereins «natürli Qualität Zürioberland» den zweiten Rang belegt (siehe Auszeichnung). Noch viel erstaunlicher ist aber die Geschichte, die hinter der herausragenden Milchqualität steckt. 

Probleme im Melkstand

Joël und Marianne Fenner bewirtschaften einen Betrieb mit 55 Braunviehkühen. Die Milch geht in eine Käserei im Zürcher Oberland. Daraus gibt es Rohmilchkäse wie Lützelsee- und Margritli-Käse oder Rostiger Ritter – insgesamt zehn Sorten. Der Käse, der über die Vermarktungsorganisation «Natürli Zürioberland AG» vertrieben wird, ist bekannt – und gut. Kein Wunder, bei der guten Milch. Letztes Jahr wurde erstmals der Qualitätswettbewerb durchgeführt, bei dem Fenners den zweiten Platz belegten.

Joël und Marianne Fenner bauten 2004 einen neuen Laufstall mit 23er-Tandem-Melkstand. «Damals haben wir gemerkt, dass die Kühe die Milch nicht mehr geben», erinnert sich Joël Fenner. «Wir hatten Probleme mit Kriechströmen, es standen Forscher und Experten  von Agroscope, vom Tierspital und vom Starkstrominspektorat im Stall – wirklich helfen können hat uns keiner von ihnen. Nach kurzen Entlastungen war das Problem immer wieder da.»

Die Uhr stand still

Marianne Fenner bestätigt: «Es gab einfach keine Lösung. Eine Zeit lang sind die Kühe nicht einmal mehr abgelegen im Stall. Auf dem Gummi der Zitzenbecher haben wir Strom gemessen, und Joëls Uhr ist im Melkstand regelmässig stillgestanden. Die Milchleistung fiel von 9000 auf 6000kg, und auch dies nur dank dem Einsatz von Oxytocin, einem Hormon, das gespritzt wird und so die Milchabgabe auslöst.»

Von 30 auf 3kg Milch

Sie hätten gehört, dass Melkroboter das Problem beheben könnten, erinnert sich Joël Fenner. Marianne Fenner ergänzt: «Vor gut zwei Jahren standen wir vor der Entscheidung, die Milchviehhaltung aufzugeben oder einen Roboter einzubauen. Wir hatten viele Abgänge von Kühen und Kälbern. Es gab Erstmelkkühe, die von 30kg Tagesmilch innert drei Wochen auf 3kg gefallen sind.»

Vor zwei Jahren an der Tier&Technik haben Fenners sich erstmals konkret mit dem Roboter beschäftigt. Lely machte ihnen das Angebot, den Astronaut 60 Tage auszuprobieren. Tiziano Ziliani von Lely: «Für 10'000 Franken können Betrieben einen Astronaut probeweise einbauen. Wird der Roboter dann gekauft – was in 100 Prozent der Fälle der Fall ist – werden die 10'000 Franken an den Kaufpreis angerechnet.»

Erst stand er im Laufhof

Anfang Juni 2017 wurde der Astronaut auf dem Laufhof probeweise installiert. «Der Roboter kommt steckerfertig, man kann ihn überall aufstellen», erklärt Ziliani. Marianne und Joël Fenner, die fast alle Kühe mittlerweile mit Oxytoxin behandeln mussten, waren verblüfft: «Nach drei Tagen war auch die letzte Kuh so weit, dass sie die Milch ohne Spritze in kürzester Zeit gab.»

Der Entschluss war dank der herausragenden Ergebnisse schnell gefällt: Melkstand raus und den Roboter am Ort der Melkgrube aufgestellt. «Die Grube wurde mit Kies, Geröll und Kunststoff-Faserbeton, aber ohne Eisen aufgefüllt», erzählt Joël Fenner. «Der Stall wurde belassen, die Kühe sind nun viel entspannter, bleiben gern im Stall, und unsere Lebensqualität ist deutlich besser. Eine Zeit lang waren wir wirklich am Anschlag.»

Zwischenmelkzeit regeln

Das Oxytocin, das weder Marianne noch Joël Fenner freiwillig eingesetzt hatten, führte dazu, dass die Milchqualität auch im Melkstand einigermassen in Ordnung war. Mit dem Übergang zum Lely Astronaut wurde es überflüssig – und die Milchqualität war so gut und die Zellzahlen waren so tief, dass es zum 2. Rang im Qualitätswettbewerb gereicht hat. «Daran hätten wir vor drei Jahren nie im Traum geglaubt», sagen beide.

Mittlerweile sei auch der Käser überzeugt, dass der Roboter gute Käsereimilch ermöglicht, sagen Fenners (siehe Kasten). «Der Probelauf hat ihn überzeugt», erinnert sich Marianne Fenner. «Wichtig ist, dass die Zwischenmelkzeit nicht zu kurz ist, damit die Fettqualität nicht geschädigt wird.» Das Betriebsleiter-Ehepaar ist dankbar, dass neben den massiven Kriechstrom-Problemen, die sie bis kurz vors Aufgeben brachten, auch die Käsereimilchtauglichkeit bescheinigt wurde – der zweite Platz im Qualitätswettbewerb ist noch das Tüpfelchen auf dem i.

Skeptische Käser

Viele Käser und auch Käse-Sortenorganisationen – von Greyerzer, Emmentaler oder Tilsiter – sind skeptisch, was mit dem Roboter gemolkene Käsereimilch anbelangt. Tatsache ist, dass es bei einer zu kurzen Zwischenmelkzeit zur Fettspaltung kommt. Die Haut um die Fettkügelchen wird ungenügend ausgebildet. Das Fett ist für die milcheigene Lipase besser angreifbar; der Käse wird ranzig. Um dies zu vermeiden, verlangen die Sortenorganisationen eine minimale Zwischenmelkzeit. Bei Emmentaler Switzerland sind das 8 Stunden, bei Rohmilch-Tilsiter und bei Appenzeller 7,5 Stunden. Bei diesen beiden  darf die durchschnittliche Anzahl Melkungen aller Kühe in 24 Stunden nicht über 2,5 liegen. Tilsiter Switzerland verlangt zudem, dass der Melkberater neu installierte Roboter prüft. sum

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