25.03.2019 16:45
Quelle: schweizerbauer.ch - pd
Tiergesundheit
Kühe: Tonsignal meldet Erkrankung
Wissenschaftler des Leibniz-Institutes für Nutztierbiologie Dummerstorf (FBN) entwickeln in Kooperation mit der Argus Electronic ein Frühwarnsystem, das den akustischen kranken Fussabdruck von Milchkühen und somit auch beginnende Anzeichen einer Klauen- und Gliedmassenerkrankung erkennen kann.

Erkrankungen der Klauen und Gliedmassen gehören neben einer gestörten Fruchtbarkeit und Eutergesundheit zu den grössten Problemen in der Milchviehhaltung. Es existiert derzeit keine praxisbewährte Frühdiagnostik, um Erkrankungen an den Klauen zu erkennen.

Bisher visuelle Kontrolle

Gesunde Klauen sind jedoch Voraussetzung für einen guten Allgemeinzustand des Tieres. Die Trittschallplatte ist patentrechtlich geschützt und soll auf der weltweit führenden Fachmesse für Tierhaltung, der EuroTier in Hannover, im nächsten Jahr erstmals der Nutztierbranche vorgestellt werden.

Liegen Beeinträchtigungen an den Klauen vor, versucht das Tier die krankhafte Stelle zu entlasten und lahmt. Auf der Trittschallplatte zeigt sich im akustischen Gangbild der Kuh diese Lahmheit. Die bislang gebräuchlichste Methode zur Kontrolle der Klauengesundheit ist die visuelle Lahmheitsbeurteilung durch den Landwirt.

Zuverlässiges Warnsystem für grössere Herden 

Diese erfordert ein geschultes Auge, ist zeitaufwändig und somit schwierig in die tägliche Routine einzubinden. Automatische und zuverlässige Messmethoden sind daher für die Halter von Milchkühen von grossem Interesse, zumal die Folgen von Lahmheit für die Tiergesundheit und den wirtschaftlichen Prozess enorm sind. Zuchtverbände und Unternehmen schätzen die Kosten für Lahmheit auf 150 Euro (170 Fr.) pro Tier.

Im Jahr 2018 gab es insgesamt rund 4,17 Millionen Milchkühe in Deutschland. Dabei liegt der Anteil der Betriebe mit 200 und mehr Milchkühen bei rund 50 Prozent. Auch in Zukunft ist mit einer Erhöhung des Tierbestandes je Betrieb zu rechnen, wenn die Milchproduktion rentabel sein soll. „Angesichts dieser Entwicklungen gehen wir davon aus, dass der Bedarf an zuverlässigen automatischen Tier-Monitoring-Systemen nicht nur in Deutschland, sondern auch international stark steigen wird“, sagte Projektleiter Peter-Christian Schön vom FBN-Institut für Verhaltensphysiologie.

Sensoren erfassen unterschiedlichen Gangrhythmus 

Nach einer Idee der Argus Electronic ist die Trittschallplatte entwickelt worden. Es erfolgt eine akustische Aufnahme über Beschleunigungssensoren und die mathematische Bewertung der einzelnen Auftritte auf der Platte. Krankhafte Auftritte sollen so klassifiziert werden. Die kompletten akustischen Gangmuster werden digitalisiert, modelliert und in einer tierindividuellen Datenbank abgelegt.

Gesunde Kühe haben ein fliessendes, sicheres Gangmuster, kranke Tiere bewegen sich unregelmässiger. Veränderungen des Bewegungsverhaltens und der Auftritte sollen genutzt werden, Lahmheit frühzeitig zu erkennen und die entsprechenden Tiere dem Landwirt zeitnah zu melden, um Schritte für eine Behandlung einzuleiten. Die Trittschallplatte kann in einer Milchrinderanlange so integriert werden, dass die Tiere diese bei jedem Melkvorgang überqueren müssen.

Digitalisierung vorantreiben

„Besonderes Augenmerk haben wir auf die Robustheit und Praxistauglichkeit des Systems gelegt“, sagt Peter-Christian Schön vom FBN-Institut. „Die Trittschallplatte ist einer unserer Beiträge, mit denen wir die Digitalisierung in der Nutztierhaltung vorantreiben. Sie kann problemlos in jeder Laufstallumgebung einsetzt werden. Wir bewerten sie zunächst für die Milchrindhaltung. Andere Haltungsformen und Tierarten sind denkbar.“

„Unser Unternehmen hat sich im Rahmen des Projektes vorrangig auf die Geräteentwicklung und Programmierung fokussiert“, sagt der verantwortliche Projektleiter Stefan Ibendorf von Argus. „Der innovative Kern des Projektes liegt hier klar in der Erfassung und Aufbereitung von Schrittgeräuschen auf einer Trittplatte durch geeignete akustische Sensoren“, so der Elektronikingenieur.

Bis in 3 Jahren Marktreife

Akustische Messsysteme kommen in fast allen Industriebereichen zur Anwendung, lediglich in der Landwirtschaft eher noch selten. „In zwei bis drei Jahren wollen wir gemeinsam das neue System zur Marktreife führen, so dass es ergänzend zu den schon bestehenden Herdenmanagementsystemen eingeführt werden kann“, kündigt Peter-Christian Schön an.

„Bis dahin werden wir die Zeit nutzen, um mit weiteren Praxiseinsätzen in Ställen Erfahrungen zu sammeln und die Software anwenderfreundlich zu optimieren. Wir sind überzeugt, dass die Tierhalter künftig durch eine Früherkennung von Lahmheit mit der Trittschallplatte die Tiergesundheit von Milchkühen deutlich verbessern können.“ 

Die Leibniz-Gemeinschaft verbindet 93 selbständige Forschungseinrichtungen. Ihre Ausrichtung reicht von den Natur-, Ingenieur- und Umweltwissenschaften über die Wirtschafts-, Raum- und Sozialwissenschaften bis zu den Geisteswissenschaften. Leibniz-Institute widmen sich gesellschaftlich, ökonomisch und ökologisch relevanten Fragen

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