29.04.2019 14:33
Quelle: schweizerbauer.ch - blu
Forschung
«Kuhbrille» zeigt Welt aus Kuhsicht
Das Landwirtschaftliche Bildungszentrum Echem in Deutschland hat eine Brille entwickelt, die den Stall aus Sicht einer Kuh erlebbar macht. Der Perspektivenwechsel soll helfen, Kühe besser zu verstehen.

Wie eine Kuh den Alltag im Stall, auf der Weide oder im Melkstall erlebt, ist bisher verborgen. Die Kuhbrille des Landwirtschaftliche Bildungszentrum Echem (D) macht nun die Welt der Kuh sichtbar.

Sichtfeld von 330 Grad

Mit der speziellen Brille lässt sich die visuelle Wahrnehmung einer Kuh nachempfinden. «Wer einmal selbst erlebt hat, wie die Kuh ihre Umwelt wahrnimmt, kann sie besser verstehen und besser mit ihnen umgehen», sagt Projektleiter Benito Weise zur «Landeszeitung».

Mit der Brille können Landwirte virtuell durch den Stall und den Melkstand laufen und in Erfahrung bringen, was eine Kuh hört und sieht. Denn die Vierbeiner nehmen die Umwelt anders wahr als die Menschen. Die Sehkraft einer Kuh entspricht nur etwa 30 Prozent der eines Menschen, dafür liegt das Sichtfeld bei 330 Grad. Wie der «NDR» berichtet, nehmen die Kühe Unterschiede zwischen Hell und Dunkel extremer wahr.  -> TV-Bericht vom NDR

Anderes Hörvermögen

Ihre Augen brauchen länger, um sich neuen Lichtverhältnissen anzupassen. Stress können die Tiere auch beim Melken haben. Dort kommen je nach Betriebsgrösse viele Tiere zusammen. Je nach Melkstand sehen die Rinder ihre Nachbartiere nicht, es ist hektisch und laut. Auch Gitter am Boden oder Farbwechsel irritieren die Kühe.

Ebenfalls das Hörvermögen der Kühe unterscheidet sich stark vom Menschen. «Kühe hören bis zu 36’000 Hertz, Menschen nur bis 15’000 Hertz», sagt Weise zur «Landeszeitung». Man habe Stressmomente entdeckt, von denen man zuvor nicht wusste. «Die Melktechnik erzeugt etliche Geräusche im hochfrequenten Bereich, die Ursache dafür sein könnten, warum manche Kühe nicht in den Melkstand gehen», so der Forscher weiter. Auch andere Lärmquellen seien für die Kühe problematisch.

Stallsysteme «revolutionieren»


Die Wiederkäuer nehmen Situationen also völlig anders wahr als Menschen. Das erzeugt Stress. Mit der virtuellen Brille die Tierhalter auf die Ängste sensibilisiert werden. Ziel sei es, dass Bauern Massnahmen ergreifen, um den Stress zu mindern und das Tierwohl zu steigern, so die Forschungsanstalt.

Momentan wird die virtuelle Brille in der Aus- und Weiterbildung eingesetzt. Später sollen auch Tierärzte, Stallbauer oder Melksystem-Hersteller von der Technik profitieren. Die Forschungsanstalt hofft, mit der Brille Stallsysteme zu «revolutionieren». «Vorerst allerdings wollen wir vor allem die Wahrnehmung der Menschen verändern», sagt Benito Weise. 

Später ist auch denkbar, die Brille für andere Tierarten einzusetzen. Die Forscher denken an Pferde oder Kamele.

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