18.12.2015 06:07
Quelle: schweizerbauer.ch - Franz Bamert, lid
Freiburg
«Man will ein Bauernbild aus dem 19. Jahrhundert erhalten»
Technische Umwälzungen sind nicht aufzuhalten. Davon ist der Bio-Bauer Cyril de Poret überzeugt. Zumal diese Umwälzungen ihm, seiner Familie und seinen Tieren zu mehr Lebensqualität verholfen haben.

Eigentlich konnte es nur schief gehen, damals 1996, als Cyril de Poret (45) anfing zu bauern: Er war Quereinsteiger, der Rinderwahnsinn machte auch die Konsumenten verrückt und dann stieg der Neo-Bauer nach ein paar Jahren auch noch auf Bio um. Und das in Riaz bei Bulle, also in der Westschweiz, die ja nicht gerade als bio-affin verschrien war. Warnende Stimmen hatten damals nicht gefehlt.

Alle Daten immer dabei

Heute, 20 Jahre später, ist de Poret ein zufriedener Mensch. Er bewirtschaftet mit einem Lehrling und einem Angestellten rund 85 Hektaren Land und melkt gut 80 Fleckvieh-Kühe mit einer Jahresleistung von 6'000 bis 7'000 Litern Milch. Das Melken übernimmt der Melkroboter. Der melkt nicht nur, wann immer den Kühen gerade drum ist. Er reinigt das Euter, misst die Temperatur der Milch, die Zellzahl, das Fett und das Protein.

Via Internet könnte de Poret die Daten aus der ganzen Welt abrufen, meistens tut er das nur von unterwegs in der Schweiz. "Ich arbeite noch als Übersetzer", sagt der Bio-Bauer. Das erweitert nicht nur den Horizont, das ist auch der Preis dafür, dass er nicht mit Stallstiefeln auf die Welt gekommen ist: "Bauern können handwerklich ja fast alles. Mir gehen als Quereinsteiger ein paar handwerkliche Fähigkeiten ab, also bezahl ich mit dem Übersetzerlohn teilweise meinen Angestellten."

Unrealistisches Bauernbild

Und noch einen hohen Preis hat de Poret bezahlt. Die Sortenorganisation Gruyère will keine Milch, die von Robotern gemolken wird. Also muss der Bio-Bauer sie in den Industriekanal liefern. Als Journalist fragt man sich unwillkürlich: Was ist eigentlich der Unterschied von einer erlaubten Melkmaschine zu einem unerwünschten Melkroboter - der Melkroboter ist ja nur ein "mechanischer Arm", der die "erlaubte" Melkmaschine an die Zitzen anhängt?

De Poret hat eine Antwort: "Man will ein Bauernbild aus dem 19. Jahrhundert aufrecht erhalten." Dabei habe sich alles verändert: Chemie, Käseschmierroboter etwa oder Hochleistungskühe gehören heute zum Alltag für die Herstellung diverser Nahrungsmittel. Nur zeigen wolle man das nicht. Man verkaufe Milch immer noch in Tüten mit behornten Kühen und fördere ein Image, gemäss dem die Bauern jedes Tier einzeln in den Schlaf wiegen. "Dabei ist die Welt einem ständigen Wandel unterworfen: Bei der Industrie oder den Banken blieb doch in den letzten Jahren kein Stein auf dem anderen. Warum soll das im Agrarbereich anders sein?"

Lebensqualität um ein x-faches verbessert

De Poret bereut keinen Moment, dass er damals auf die Knospe gesetzt hat: "Bio hat einen ständig grösser werdenden Marktanteil. Der Preis für meine Bio-Milch liegt mit 78 Rappen immer noch weit über dem, was konventionelle Kollegen leider erhalten." Von der Agro-Chemie also hat der Bio-Bauer seine Finger gelassen, auch auf Fleischproduktion wollte er seinen Bergbetrieb auf 1000 m.ü.M. nie umstellen. Beides widerspricht meinem Empfinden", sagt der Bauer. "Chemie macht auf die Dauer Böden und Umwelt kaputt und der Gedanke, dass ich ein Rind nur unter dem Aspekt der Gewichtszunahme sehen soll, behagt mir nicht."

Seit jeher habe der Mensch mit Mehrnutzungs-Rassen gewirtschaftet. "Wir leben vorwiegend in einem Grasland. Aus diesem Gras wird Milch. Fleisch ist nur ein Nebenprodukt. Diese Milchproduktion ist ein natürlicher, in sich geschlossener Zyklus." Mit der Technologie im Stall hat sich auch das Leben im Haus stark verändert: "Ich stehe nicht mehr um 5 Uhr auf und melke jeden Tag vier Stunden. Unsere Lebensqualität hat sich um ein x-faches verbessert."

Lebensqualität bedeutet für de Poret, dass seine beiden Töchter auf einem Hof aufwachsen dürfen, dass er Zeit für seine Tiere und für seine Familie hat. Oder dass seine Frau ebenfalls einem Beruf nachgehen kann.  "Für all das bin ich dankbar. Nicht zuletzt den Mitbürgern gegenüber, die unsere Leistungen mit Direktzahlungen abgelten", sagt de Poret.

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