13.08.2013 06:17
Quelle: schweizerbauer.ch - Marcel Wipfli
Kühe
«Mastbesamungen drücken auf die Kuhzahl»
Lucas Casanova, Direktor von Braunvieh Schweiz und Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Schweizer Rinderzüchter (ASR), äussert sich zum rekordtiefen Schweizer Milchkuhbestand und den Folgen.

«Schweizer Bauer»: Diesen Sommer erreichte der Schweizer Milchkuhbestand einen neuen Tiefststand. Wie ist die Lage bei Braunvieh Schweiz?
Lucas Casanova: Bereits im Jahr 2012 hatten wir gegenüber 2011 eine Abnahme bei der Neuausstellung von Abstammungs- und Leistungsausweisen von 6 Prozent. Bei den Milch-Laboruntersuchungen bei Suisselab verzeichneten wir 2012 keinen Rückgang. Nun hatten wir aber in den ersten 7 Monaten einen Rückgang von rund 2 Prozent. Daraus sehen wir, dass der Schweizer Kuhbestand abnimmt und zudem weniger Remonten aufgezogen werden. Dies ist vor allem mit dem hohen Anteil an Fleischrassenbesamungen von gegen 40 Prozent über alle Rassen zu erklären. Beim Braunvieh  ist der Anteil an Mastbesamungen 5 Prozent höher als bei anderen Rassen.

Was ist der Grund für den hohen Mastbesamungsanteil beim Braunvieh?
Es gibt mehrere Gründe. Zum Beispiel zeigen die Zahlen von Swissgenetics, dass der Anteil an Mastbesamungen mehr eine geografische Frage als eine Frage der Rasse ist. In der Ostschweiz werden generell über alle Rassen mehr Mastbesamungen verzeichnet als in der Westschweiz. Diese geografische Lage des Braunviehs führt folglich zu einem höheren Anteil an Mastbesamungen und  zu weniger Braunviehkühen.

Braunvieh Schweiz ist also von der Abnahme an Kühen betroffen?
Ja. Neben den Mastbesamungen sind oft auch strukturelle Veränderungen ein Grund für weniger Kühe. Wir befragen seit Jahren Betriebe, die aus dem Verband aussteigen. Eine Analyse ergab, dass eine Betriebsaufgabe oder der Ausstieg aus der Milchproduktion die Hauptgründe für den Verbandsausstieg sind. Der Verlust an Kühen aufgrund eines Wechsels zu einer anderen Milchviehrasse ist nur sehr gering und liegt im tiefen Prozentanteil.

Hat es eine solche Abwärtstendenz des Milchviehbestandes schon in früheren Jahren gegeben?
Kleinere Schwankungen gab es schon immer. Aber die aktuelle Abnahme an Milchkühen ist neu. Die schlechte Situation im Milchmarkt steht der eher komfortableren Situation im Fleischmarkt gegenüber. Der Fleischmarkt ist nach wie vor geschützt. Hingegen ist der Milchmarkt liberalisiert und leidet unter starkem Preisdruck. Die Bauern haben aus rein wirtschaftlichen Überlegungen auf Mastbesamungen gesetzt.

Welche Folgen hat diese Entwicklung auf das Geschäft und die Strukturen der Schweizer Zuchtverbände?
Bei Braunvieh Schweiz arbeiteten vor rund 30 Jahren noch über 90 Personen. Heute sind keine 30 Personen im Verbandshaus tätig. Neben dem technischen Fortschritt hat auch eine stetige Anpassung der Ressourcen stattgefunden. Inzwischen haben die Schweizer Zuchtverbände dort die Dienstleistungen zusammengelegt, bei denen eine Effizienzsteigerung drinlag. Aus den Zusammenlegungen der Dienstleistungen sind die Betriebe Suisselab als Milchlabor und die Qualitas mit ihren Abteilungen Informatik und Zuchtwertschätzung entstanden. Die Zuchtverbände haben also ihre Strukturen frühzeitig dem Markt angepasst.

Macht es aktuell Sinn, den Viehexport über ein ASR-Projekt zu stärken, wenn im Inland zu wenig Milchkühe vorhanden sind?
Österreich mit vergleichbaren Strukturen zur Schweiz hat im letzten Jahr über 37'000 Tiere exportiert. Die Schweiz nur 250 Tiere. Der Unterschied im Preisniveau ist der Grund für dieses eklatante Gefälle. Neben dem Kostenumfeld haben die Agrarpolitik und der Grenzschutz für Fleisch zu diesem Preisunterschied geführt. In der Diskussion zum Viehexport haben Experten davor gewarnt, diesen ganz aufzugeben. Schliesslich weiss man nicht, was in fünf Jahren der Markt bringt. Die ASR hat beschlossen, für die nächsten drei Jahre je 250'000 Franken für projektbezogene Exporte zur Verfügung zu stellen. Es wird ein Höchstbeitrag von 500 Franken je Exporttier diskutiert. Diese Begrenzung führt dazu, dass bei knappem Angebot an Nutzvieh im Inland und folglich höheren Zuchtviehpreisen der Export kaum genutzt wird. Hingegen würde bei tiefen Inlandspreisen der Export wieder attraktiver. Da die 250'000 Franken über die Jahre übertragen werden könnten, hätte man mehr finanzielle Mittel in Krisenzeiten und erzielte damit eine grössere Wirkung bei der Marktentlastung.

Zur Person

Lucas Casanova (52) ist seit 2001 Direktor von Braunvieh Schweiz. Der gebürtige Bündner stammt aus Siat und wohnt mit seiner Familie im Freiamt im Kanton Aargau. Seit diesem Jahr ist er auch Vorsitzender des Geschäftsauschusses der Arbeitsgemeinschaft Schweizer Rinderzüchter (ASR). Weiter ist Casanova bei der Qualitas AG in Zug Verwaltungsratspräsident und in der Suisselab AG in Zollikofen als Vorstandsmitglied tätig. Auch bei der Schweizerischen Vereinigung für Tierproduktion (SVT) amtet er als Geschäftsführer. wpf

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