22.05.2015 06:11
Quelle: schweizerbauer.ch - Esther Siegenthaler
Sömmerung
«Mit Lastwagen ist z Bärg ga nicht das Gleiche»
Die traditionelle Form der Alpauffahrt ist aufwendig. Immer mehr Bauern führen die Tiere auf die Alp. Zwei Junge diskutieren.

Auf dem Milchwirtschaftsbetrieb der Eltern von Maria Gfeller aus Schangnau BE werden die Tiere auf die Alp Tannisboden mit Lastwagen geführt.  Thomas Fankhauser aus Süderen BE nimmt gemeinsam mit seinen Eltern und vielen Helfern diesen Stress auf sich und treibt die Tiere traditionell mit Blumenschmuck und grossen Treicheln den 22 Kilometer weiten Weg auf die Alp Hirschwendiberg.

«Schweizer Bauer»: Warum haben Sie diese Form der Alpauffahrt gewählt?
Maria Gfeller: Für uns ist es einfacher, da der Arbeitsaufwand kleiner ist. Seit drei Jahren führen wir die Kühe auf die Alp. Als Gemeindepräsident muss mein Vater in dieser Zeit viele Termine wahrnehmen. Zudem treiben wir nicht alle Tiere gleichzeitig auf die Alp, die Rinder gehen etwa 10 Tage vorher. Für frisch gekalbte  oder hochträchtige Kühe ist der 17 km lange Fussmarsch ohnehin ein grosser Stress.

Thomas Fankhauser: Bei uns ist es vor allem die Freude, die uns zum Treiben veranlasst. Es ist eine Pracht, die geschmückten Tiere zu sehen und den Ton der Treicheln und Glocken zu hören. Zudem haben wir dies meist so gemacht, die Tiere sind sich dies gewohnt. Bei einigen Kühen merkt man auch deutlich, dass sie sich freuen, sie sind stets an der Front des Alpaufzuges.

Maria Gfeller: Hinzu kommt, dass wir nicht die ideale «Zügelkuh» haben. Für mich braucht es Simmentaler Kühe mit Hörnern und Blumenschmuck. Wir haben Swiss Fleckvieh, Red Holstein und einige Holstein-Kühe.

Stichtwort Tierwohl: wo liegen da die Vor- und Nachteile?
Thomas Fankhauser: Wie gesagt, unsere Kühe gehen gerne. Wichtig ist, dass wir ihnen während des Marsches Wasser geben. Wir machen auch eine Pause, damit  sie sich etwas ausruhen können. Einige Kühe liegen jeweils. Zudem machen wir die Klauenpflege bereits Ende Winter, denn der grösste Teil der Strecke ist asphaltiert. Auch müssen sie gut angeweidet werden.

Maria Gfeller: Das ist ein weiteres Argument, warum wir nicht marschieren. Wir haben kaum Weideland um die Scheune. Bei nassem Wetter geht beim Weiden in der Matte viel kaputt. Wenn wir die Tiere führen, sind wir flexibler. Zum Tierwohl; bereits die Kälber werden mit der Viehbänne transportiert, als Rinder dann mit dem Lastwagen. Die Tiere sind sich den Transport gewohnt. Somit ist es kein Stress für sie.

Alp Gfeller
Alp: Tannisboden
(Flühli LU)
Kühe: 22
Rinder: 17 (inkl. Sömmerungsrinder)
Kälber: 12
Stier: 0
Rasse: SF, RH, HO
Ziegen: 4 + 1 Zicklein
Grösse: 44 Normalstösse
50 Hektar
Milch: 2,5 Tonnen Käse, zum Teil wird auch abgeliefert
Personal: 3,5 Personen

Immer wieder wurde der Arbeitsaufwand erwähnt; was genau sind die Vorbereitungen?
Maria Gfeller: Wir müssen den Lastwagen organisieren. Meist kommen zwei gleichzeitig. Die Kühe werden dann verladen und auf der Alp Tannisboden in Empfang genommen. Dort waschen wir sie alle. Wenn wir auf dem Talbetrieb bereits «gweidet» haben, behalten sie die Weidetreicheln und -glocken auch im Lastwagen an. Ansonsten müssen diese speziell hochgeführt werden.

Thomas Fankhauser: Bei uns ist die Liste etwas länger. Wir putzen die Treicheln und Glocken fürs Zügeln, diejenigen fürs Weiden werden auf die Alp Hirschwendiberg geführt. Dann werden an zwei Tagen alle Kühe, Rinder und Kälber gewaschen. Den Blumenschmuck und das Organisieren der Kleider erledigt die Mutter. Am Zügeltag selber melken wir um zwei Uhr in der Nacht, vor fünf Uhr laufen wir los. Da ist es noch kühler, und der Verkehr auf der Hauptstrasse ist bedeutend weniger. Nach etwa 5 Stunden sind wir angekommen. Es folgen alle Wegräumarbeiten.

Alp Fankhauser
Alp: Hirschwendiberg (Schangnau BE)
Kühe: 22
Rinder: 30 (15 davon sind Sömmerungsrinder)
Kälber: 10
Stier: 1
Rasse: SI, SF
Ziegen: 12 + 3 Zicklein
Grösse: 54 Normalstösse
83 Hektar
Milch: 35 000 Kilogramm in rund 100 Tagen abliefern
Personal: 3 Personen

Was bedeutet dies vom Personenaufwand her?
Maria Gfeller: Die beiden Chauffeure, meine Eltern und ich. Zusätzlich wird noch ein Helfer aufgeboten.

Thomas Fankhauser: Am Zügeltag selber sind wir rund 15 Personen. In der Woche vorher erledigen wir alle Arbeiten familienintern. Also meine Eltern und ich, und am Abend helfen noch die Brüder. Besonders wenn es Heuerwetter ist, wird die Woche vor dem Zügeln extrem stressig.

Und die Kosten?
Maria Gfeller: Wir müssen für den Transport 400 bis 500 Franken bezahlen.

Thomas Fankhauser: Die Mutter kauft einen Teil der Blumen. Zudem verpflegen wir Helfer oder Helferinnen am Zügeltag und geben ihnen 30 Franken. Viele machen es aber ehrenamtlich.

Zügeln ist ein Mehraufwand; was ist die persönliche Bedeutung?
Thomas Fankhauser: Für mich ist es eine grosse Freude. Ich gehe im Frühjahr sehr gerne auf die Alp mit dem frischen Gras.

Maria Gfeller: Beim Transportieren ist z Bärg ga schon nicht mehr ganz das gleiche Gefühl. Früher haben wir die Tiere auch getrieben. Damals hatte ich Hühnerhaut, das fehlt heute. Die Tiere merken auch,  wenn es mit dem Lastwagen losgeht, und steigen gerne die Rampe hoch im Wissen, das frische Alpengras demnächst zu geniessen.

Wie sehen Sie die Zukunft?
Thomas Fankhauser: Beispielsweise letzten Herbst, wir hatten bereits früh kein Gras mehr und nach dem Unwetter, von welchem wir auch betroffen waren, haben wir entschieden, die Tiere zu führen. Denn die Kühe hatten aufgrund des nassen Sommers extrem weiche Klauen, was zu Problemen geführt hätte. Sicherlich planen wir zu zügeln, doch wir schliessen einen Transport nicht aus.

Maria Gfeller: Früher sind wir immer marschiert. Heute sind die Umstände etwas anders. Doch ich kann mir gut vorstellen, dass wir auch wieder zügeln werden. So oder so, z Bärg ga ist mit sehr viel Aufwand verbunden für die Älplerfamilie. Trotzdem freue ich mich jedesmal darauf!

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