1.08.2018 09:29
Quelle: schweizerbauer.ch - Daniel Salzmann
1. August
Ohne Rindvieh gäbs keine Schweiz
In den Jahren vor 1291 hielten die Innerschweizer, besonders die Urner, immer mehr Rindvieh. Das trug entscheidend dazu bei, dass Bündnisse geschlossen und die althergebrachten Freiheiten gegen die Habsburger verteidigt wurden.

Jeweils am 1. August feiert die Schweiz ihren Nationalfeiertag. Der Zeitpunkt rührt daher, dass der Bundesbrief auf «Anfang August» 1291 datiert ist. In diesem Vertrag, der auf einen früheren Zusammenschluss verweist und dem weitere Bündnisverträge folgen sollten, versichern sich die drei Waldstätten Uri, Schwyz und Unterwalden der gegenseitigen Hilfe, lehnen fremde Richter ab und wollen in ihren Talschaften auch Ruhe und Ordnung (nicht: gleiche Rechte für alle) durchsetzen. 

Aufschwung der Rindviehhaltung im 11.-13. Jahrhundert

Soweit wäre es aber nie gekommen, wenn die Innerschweizer Bevölkerung in den Jahren 1100 bis 1250 sich nicht immer mehr auf die Rindviehhaltung spezialisiert hatte. Am raschesten voran gingen dabei die Urner, am langsamsten die Obwaldner, die noch relativ lange auf die Selbstversorgung mit Ackerbau (Weizen, Gerste Roggen), ergänzt mit vielleicht einer Kuh und ein bis zwei Ziegen oder Schafen, setzten. 

In Obwalden waren rund um den Alpnachersee, den Sarnersee und den Lungernsee auch naturräumlich die Voraussetzungen für den Ackerbau besser.  Bereits vor dieser «gewaltigen Umstellung», wie sie Historiker Jean-François Bergier nannte, gab es aber in der Innerschweiz bereits verbreitet Kühe, während in anderen Alpenregionen, z. B. in Graubünden und im Tirol, die Schafe viel wichtiger waren als die Kühe. Denn kurzfristig ist das Schaf vorteilhafter als die Kuh: Es liefert ebenso Milch und Fleisch, aber das Leder ist feiner (d.h. wertvoller) und vor allem liefert es noch Wolle, aus der sich Kleider machen lassen.  

Die Urner brauchten Land für ihr zusätzliches Vieh 


Auf den Aufschwung der Grossviehhaltung geht auch der berühmte Uri-Stier im Wappen des heutigen Kanton Uri zurück. Laut Historiker Bergier ist es vermutlich zwischen 1231 und 1243 entstanden. Das zusätzliche Rindvieh benötigte zusätzliche Weiden. So wurde damals allenthalben Wald gerodet – unter anderem auf dem «Rütli», der Wiese am Vierwaldstättersee, welche laut der Überlieferung Ort des Schwurs der drei Eidgenossen war. 

Der Name «Rütli» kommt von «Rüten», was «Roden» bedeutet. Der Hunger der Urner nach Weiden für ihr Vieh zeigt sich bis heute auch an der Kantonsgrenze, die an mehreren Stellen nicht der naturräumlichen Logik folgt. So ist die Grenze zwischen Obwalden und Uri nicht oben auf dem Surenenpass, sondern weiter unten in Richtung Engelberg – die Urner schnappten sich die fruchtbare Surenenalp. 

Auch den sogenannten Urnerboden, der ennet des Klausenpasses liegt und heute die grösste Kuhalp der Schweiz ist, gewannen die damals rabiaten und streitlustigen Urner für sich. Man spricht dabei von den «Sennenkriegen». Da wurden Kühe auch mal schlicht geraubt, Alphütten überfallen. Mord und Totschlag gehörten dazu.   

Geschäftschancen in den Städten genutzt

Der Aufschwung der Rindviehhaltung in der Innerschweiz darf nicht einfach allein der Tüchtigkeit und der Weitsicht der Bergbevölkerung zugeschrieben werden. Sie nutzte aber die Chancen, die sich aus dem damaligen Wachstum der Städte ergaben. Denn dort entstanden Absatzmärkte für Schlachtvieh und Käse – wer mehr Tiere hält, als er für sich und die Familie braucht, ist auf einen Käufer angewiesen. 

Teilweise siedelten sich im Berggebiet auch Leute aus dem «Unterland» an und brachten neue Ideen und Erfahrungen mit, z. B. Reben, Hülsenfrüchte und widerstandsfähigere Getreidesorten. Als Vermittler dienten auch kleine Adlige, die von ihren Herren im Mittelland mit Gütern ausgestattet wurden, sich aber im oft unwirtlichen Berggebiet nicht niederlassen wollten. Auch Mönche aus Klostern pendelten zwischen den Regionen, z. B. hielt das Kloster Wettingen Ländereien im Urnerland. Auch von und zu den Benediktinerklöstern in Engelberg und Einsiedeln herrschte immer reger Verkehr. 

Der Gotthard ging auch wegen des Viehexports auf 

Warum aber war der damalige Aufschwung der Rindviehhaltung so wichtig für die Zukunft? Gleich mehrere Folgen und Zusammenhänge lassen sich festhalten:

1) Mit dem Rindvieh wurde eine Überschussproduktion aufgebaut. Mit Schlachtvieh und Käse wurde Handel getrieben (natürlich vor allem von den Grossbauern und Gutsbetrieben, viele kleine Bauernfamilien hielten lediglich eine oder zwei Ziegen für sich). Geliefert wurde in die Stadt. Damit wurden Handelswege interessant, die Findigsten und geschäftlich Mutigsten suchten nach neuen Absatzmärkten. Für die Urner lag der interessanteste Markt im Süden, in der Lombardei, im heutigen Norditalien. Dort brummte nämlich die Wirtschaft.

2) Dieser Handelsgeist rund um das Vieh führte vermutlich auch zur eigentlichen Öffnung des Gotthardpasses. Denn bis in diese Zeit hinein war der Zugang von Altdorf her durch die Schöllenenschlucht versperrt. Historiker Bergier betont, dass die Urner das grösste Interesse hatten, dort einen Durchgang zu bauen – was zwischen 1215 und 1230 gelang. So konnten sie sich neue Märkte für Vieh, Fleisch, Häute, Butter und Käse erschliessen. Und gleichzeitig fand das Salz, von dem sie für ihr Vieh grosse Mengen brauchten, vom Mittelmeer her einen leichteren Weg. Mit dem Gotthard wird die Zentralschweiz auf einen Schlag geopolitisch und europapolitisch wichtig. Alle Waldstätten, die sich 1291 (erneut) verbündeten, liegen an der Handelsroute über den Pass. Der Gotthard war für die Gründung der Eidgenossenschaft zentral. 

Geld und Gemeinschaftsgeist 


3) Das Exportgeschäft mit Vieh und Milchprodukten und der Gotthardpass bringen Arbeit und Geld in die Region. Laut Berger waren diese Branchen «ungemein gewinnträchtig». Mit allerhand Dienstleistungen für die Handelsreisenden – z. B. Wirtshäuser, Bereitstellung von Pferden und Maultieren, Verkauf von Futter an diese, Säumertätigkeiten, Führung durch die Schöllenenschlucht – profitiert eine breite Bevölkerungsschicht finanziell. Bei durchgreifender Fremdverwaltung oder mit dem Eintreiben neuer, höherer Steuern hätte die lokale Bevölkerung viel zu verlieren gehabt. Bergier schreibt: «Das konnte zum mächtigen Ansporn werden, das System der kollektiven Selbstverwaltung um jeden Preis bewahren zu wollen.» Darum ging es ja 1291 – um das Weiterführen bestehender «Freiheiten», die von Habsburger Seite her bedroht waren. Mit dem Geld steigt bekanntlich auch das politische Selbstbewusstsein.

4) Die Hinwendung zum Rindvieh brachte mehr Gemeinschaftsgeist in die Talgesellschaften. Die Feldarbeit auf dem kleinen Acker machte jede Familie für sich. Beim Hüten des Viehs allerdings und erst recht bei der Erschliessung und Nutzung der Alpen wurde zusammengespannt – es wurde z. B. ein gemeinsamer Hirt bestimmt oder mindestens wechselte man sich ab. Auch bei der Vermarktung von Käse und Schlachtvieh entstanden gemeinschaftliche Lösungen. Wenn ein grösserer Bauer mit mehreren Tieren in die Stadt auf den Markt zog, nahm er auch gleich noch ein Tier vom Nachbar und von anderen kleineren Bauern mit. 

Um etwas zu schätzen, muss man das Gegenteil kennengelernt haben


5) Die Reisen in die Städte für die Vermarktung von Käse und Schlachtvieh und die Kontakte mit Durchreisenden öffneten auch den Horizont. Bergier schreibt: «Je mehr die Leute über andere Gesellschaften und Machtverhältnisse erfuhren, desto bewusster nahmen sie die Realität und politische Identität des eigenen kleinen Volkes wahr. Sie begannen es zu schätzen, dass sie trotz harter äusserer Bedingungen faktisch in Freiheit lebten, und sie schätzten es umso mehr, als diese Freiheit angesichts dessen, was anderen Völkern widerfuhr, nicht mehr so selbstverständlich war und verlorengehen konnte.» 

Das ist übrigens ein Gedanke, der durchaus heute noch von weitgereisten Schweizerinnen und Schweizern geäussert wird. Erst draussen in der weiten Welt, in Diktaturen, unter korrupten Regimen, sei ihnen den Wert der freiheitlichen Schweizer Gesellschaft (z. B. Meinungsäusserungsfreiheit) und der Demokratie (Initiativen, Referenden, freie Wahlen) bewusst geworden. 

So trug also das Rindvieh sehr viel zum Werden der alten Eidgenossenschaft bei. Wie diese Kühe genau aussahen, was für einer Rasse sie angehörten, darüber weiss man laut Archäologe Werner Meyer fast nichts. Aus Knochenfunden ist klar, dass die Tiere eher kleinwüchsig waren. Eine Leistungszucht auf Fleisch oder Milch hin scheint im Mittelalter noch nicht betrieben worden zu sein. Sicher ist auch, dass man bereits Kuhglocken, die das Hirten erleichterten, kannte. 

Bemerkung: 

Dieser Text basiert auf zwei wissenschaftlichen Büchern:
-Jean-François Bergier: Wilhelm Tell. Realität und Mythos. Aus dem Französischen von Josef Winiger. Römerhof Verlag, Zürich, 2012 (die französische Originalausgabe stammt von 1988). 
- Werner Meyer: 1291 – die Geschichte. Die Anfänge der Eidgenossenschaft. Silva-Verlag, Zürich, 1990.

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