27.06.2013 10:00
Quelle: schweizerbauer.ch - Susanne Meier
Klauenprobleme
Sehen, wo die Kuh die Klaue drückt
Wie muss ein Stallboden beschaffen sein, damit die Klauen gesund bleiben? Das möchte Karl Nuss wissen. Deshalb lässt der Forscher an Klauen von Rindern und Kühen mit Hightech die Druckbelastung messen.

Gelassen wiederkäuend steht Ricola da. Die Braunviehkuh ahnt nicht, dass sie auf einer hochsensiblen Druckmessplatte steht und ein Computerprogramm nun gleich die Druckbelastung ihrer Klauen messen wird. Anita Bruderer drückt eine Taste am Computer. Auf dem Bildschirm erscheint eine Farbgrafik der Klaue von unten in Rot-, Gelb- und Grüntönen. «Rote Stellen zeigen, dass dort der Druck auf die Klaue am grössten ist», erklärt die Doktorandin am Tierspital Zürich.

Ricola ist nur eines der Tiere, deren Klauen sie zusammen mit Eva Weidmann, die die Anlage eingerichtet hat, gescannt hat. Sie stellt jedes Tier auf die Anlage. Nach den ersten Scans wird deren Neigung verstellt, die Kuh steht vorn höher. Auch in dieser Position wird die Druckbelastung ermittelt. Dann müssen die Tiere für weitere Messungen vorn auf ein Podest stehen. Zu guter Letzt wiederholt Bruderer die Aufnahmen noch, wenn die Rinder oder Kühe auf handelsüblichen Laufgang-Gummimatten stehen.

Gummi ist nicht perfekt

Das Ziel der aufwendigen, mehrjährigen Prozedur ist hochgesteckt. «Wir möchten wissen, warum Sohlengeschwüre auf hartem oder weichem Boden entstehen», erklärt Karl Nuss, Professor an der Vetsuisse-Fakultät der Universität Zürich. Das aus gutem Grund: «Die Lahmheiten werden in der Milchviehhaltung immer mehr zum Problem. Die Herden werden grösser, die Leistung steigt, die Bauern haben weniger Zeit.»

Allein mit einer guten Klauenpflege könne man Klauenleiden nicht mehr vermeiden, betont er. Es gebe Herden, in denen mittlerweile 30 Prozent aller Tiere an Lahmheiten oder Sohlengeschwüren leiden würden. «Die Entwicklung der Gummimatten für Laufgänge war ein Schritt in die richtige Richtung», so seine Bilanz, «doch leider nehmen Sohlengeschwüre auf den Gummiböden nach bisherigen Untersuchungen nicht ab, und auch auf Mortellaro haben die Matten keinen positiven Effekt.»

Vorbeugen statt operieren

Richtig gut für die Klauen sei nur die Weide, betont Nuss. In einer früheren Studie hat er Hochlandrinder untersucht, die im Tessin den Sommer über auf der Weide gehalten wurden. Ihre Innen- und Aussenklauen waren gleich gross, der Tragrand gut ausgebildet, das Horn gesund. Doch dann folgte das böse Erwachen: «Nach nur acht Wochen im Laufstall war der Tragrand weg, die Aussenklaue deutlich breiter, und die Ballen waren angefault.» Das zeige, dass sogar die gesunden Klauen der Hochlandrinder nicht für Stallböden gemacht seien. Bei Hochleistungskühen falle der Effekt noch deutlicher aus.

Nuss, der selber auf einem Bauernhof aufgewachsen ist und sich seit Jahren mit den Klauen beschäftigt, fasste einen Entschluss: «Wir wollen am Tierspital nicht nur Klauengeschwüre operieren, sondern auch dazu beitragen, dass diese gar nicht mehr auftreten.» Dazu habe man vor drei Jahren die Druckmessplatte angeschafft und die Versuche geplant. «Die 30 Rinder, die wir bislang auf die Platte gestellt haben, wurden uns alle von Bauern zur Verfügung gestellt», fährt der Professor fort, «sie kamen extra für die Messungen zu uns. Zusätzlich haben wir bereits zehn Kühe mit gesunden Klauen gescannt. Nun werden wir auch Kühe mit Klauenerkrankungen auf der Platte untersuchen.»

Schon bei Rindern

Der Aufbau der Messungen – zuerst Rinder, dann gesunde Kühe, dann kranke Kühe – hat System. «Früher hat man gedacht, dass bei Rindern die Innen- und die Aussenklaue gleich stark belastet sind und dass die Gewichtsverlagerung auf die Aussenklaue erst nach dem Kalben stattfindet», erklärt Nuss. «Unsere Messungen zeigen aber, dass schon bei Rindern die Tendenz besteht, dass auf der Aussenklaue ein höherer Druck lastet.» Man habe in anderen Untersuchungen feststellen können, dass auch der Knochen in der Aussenklaue, die Zehe der Rinder, länger sei als jener in der Innenklaue.

Vom Abschluss ihrer Untersuchung sind Nuss und Bruderer noch weit entfernt. Es werde noch einige Zeit dauern, bis sie alle Messungen ausgewertet habe, sagt die Doktorandin: «Von jedem  Scan gibt es 500 Messpunkte.» Erste Analysen würden aber zeigen, dass Rinder die Neigung der Fläche – wie sie in der Liegeboxe oder auf dem Läger vorkommt – gut ausgleichen könnten. Auch wenn sie auf einem Podest stehen würden – also mit den Vorderbeinen in der Liegebox und hinten im Stallgang – könnten sie das kompensieren.

«Das sind nur Momentaufnahmen», warnt Nuss, «damit haben wir die Vermutung, dass geneigte Flächen Klauenprobleme verursachen, noch nicht widerlegt.» Dazu müsse man weiterforschen. Ricola und den anderen Rindern ist das egal. Hauptsache, sie können nach dem Termin auf der Messplatte wieder auf die Weide.

Tierspital Zürich: Tag der offenen Tür

Am Samstag, 29. Juni, feiert das Tierspital sein 50-Jahr-Jubiläum mit einem Tag der offenen Tür. An 30 Stationen wird gezeigt, wie ein Körper aufgebaut ist, wie Medikamente wirken, wie man Krankheitserreger erkennt und bekämpft, wie Tiere untersucht und behandelt werden und wie Röntgen, Narkose, Operationstechniken und Bestrahlung funktionieren.

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