18.02.2018 11:50
Quelle: schweizerbauer.ch - Julia Spahr
St.Gallen
Sie besamt fern ihrer Heimat
Aurane Freudiger aus dem Berner Jura ist Besamerin. Seit ein paar Monaten arbeitet sie im Toggenburg. Die Sprache und die fremde Umgebung machen ihr noch etwas zu schaffen. Der Beruf bringt ihr aber auch viel Schönes. -> Mit Video

Es fängt erst an zu tagen auf dem Parkplatz in Bütschwil SG. Die Luft ist kühl, und es riecht nach Winter. Die 19-jährige Besamerin Aurane Freudiger kommt aus dem Gebäude ihres Arbeitgebers Swissgenetics. Dort hat sie ein Zimmer gemietet. Auf dem Weg zu ihrem Dienstauto liest sie die Whatsapp-Nachricht ihres Besamer-Kollegen. «Hier steht, wo ich heute hin muss», sagt sie auf Berndeutsch mit einem französischen Akzent. «Sieben Betriebe sind es heute morgen.»

Erfahrungen sammeln

Die Fahrt zum ersten Betrieb führt über Schotterwege. «Das sieht ziemlich abgelegen aus, ob das der richtige Weg ist?», fragt sie. Sie lächelt und kratzt sich an der Stirn. Sie blickt aufs Navigationsgerät. «Doch, das stimmt schon. Hätte ich das Navi nicht, würde ich mich andauernd verfahren», sagt sie. «Daheim hatte ich das Problem nicht. Dort weiss ich, wo die meisten Höfe liegen.»  

Aurane Freudiger kommt aus Court im Berner Jura. In dieser Gegend war ihre Arbeit als Besamerin aber nicht so gefragt. Sie konnte nur Teilzeit arbeiten. «Wir haben zu Hause keinen Bauernbetrieb, deshalb hatte ich in den anderen 50 Prozent nichts zu tun. Ich will aber arbeiten und Erfahrungen sammeln.» Im Toggenburg kann sie jeden Tag auf Touren gehen.

Gelernte Landwirtin

Freudiger ist gelernte Landwirtin. Da sie nach der Lehre nicht in einen Betrieb einsteigen konnte, besuchte sie den dreimonatigen Kurs zur Besamungsexpertin. «Mich interessiert der Kontakt mit den Bauern und die Auseinandersetzung mit dem Genmaterial der Tiere.» Zudem sei sie viel unterwegs.

«Oft alleine, aber das gefällt mir. Ich brauche nicht viele Leute um mich herum», erzählt sie. Der Blick geht aufs Navigationssystem. «Bald sollten wir dort sein», sagt sie und lenkt den Wagen auf einen anderen Feldweg. An ihrem Handgelenk baumelt eine Kette mit Fatimas Hand, einem Glücksbringer, der vor bösen Blicken schützen soll. 

«Was soll ich drauftun?»

«Hier müsste es sein», sagt Aurane Freudiger und hält vor einem Hof. Mit schnellen Schritten geht sie auf den Stall zu. Niemand ist zu sehen. Sie stösst die Türe auf. Drinnen riecht es nach Kuhmist und frischem Gras, die Tiere bewegen sich frei. Durch die Gitterstäbe scheint die Sonne auf die Hügel des geschnittenen Grases.

«Oh schaut her, ein neues Gesicht», tönt es aus der einen Ecke des Stalls. Der 14-jährige Sohn des Hauses kommt mit der Mistgabel in der Hand auf Freudiger zu. «Welche Kuh ist es?», fragt sie. «Die angebundene dort.» Der Junge deutet mit der Rückseite der Mistgabel auf das Tier. «Was soll ich drauftun?», fragt Freudiger.

«Sie kommen von weit her»

Der Junge nennt einen Namen. Aurane Freudiger versteht es nicht. Ob es am Ostschweizerdialekt oder an der undeutlichen Aussprache des Jungen liegt, ist nicht ganz klar. «Was?» nach der zehnten Wiederholung sagt der Junge: «Ich hole schnell den Vater.» «Einen Blauen Belgier», ruft dieser schon von Weitem.

In einem blauen Überkleid kommt er daher. Er stellt sich neben Freudigers Auto. Die Hände in die Seiten gestemmt. «Einen Blauen Belgier?», wiederholt Freudiger. «Gesext?», «Nein, nein, einfach normal», antwortet der Bauer. «Sie kommen von weit her», sagt er mit Blick auf das Berner Nummernschild. Aurane Freudiger lächelt. Mit der Pinzette holt sie das Röhrchen mit der betreffenden Spermadosis aus dem Stickstoff-Behälter und macht es parat. Bei der Kuh angekommen streicht sie ihr über die Flanke. «So chumm», sagt sie zur ihr und besamt sie.

«Gopferdeli, dieser Dialekt»

Sie steigt wieder ins Auto, gibt die Adresse des nächsten Hofs ins Navi ein fährt los. Plötzlich ertönt das Lied «Hulapalu» von Andreas Gabalier. Es ist Freudigers Klingelton. Ihr Besamerkollege ruft an, um zu fragen, wie es geht. «Ja, ja gut», sie legt auf. «Gopferdeli, dieser Dialekt», sagt sie mit ihrem französischen Akzent. «Aber es ist nett von ihm, dass er nachfragt, und dass sich jemand um mich kümmert.» Es sei schon nicht so einfach, hier zu arbeiten. Ziemlich weit weg von zu Hause.

«Wenn ich am Nachmittag früher fertig bin mit meiner Tour, weiss ich nicht, was machen. Ich bin dann einfach ganz alleine in Bütschwil. Nur alle zehn Tage habe sie frei und könne dann für etwa drei Tage heim. «Aber es geht schon, wenigstens kann ich arbeiten», sagt sie. 

Hat eine gute Quote

Und die Arbeit ruft auf dem nächsten Hof. Bauer und Bäuerin kommen näher, als sie das Berner Auto sehen und die junge blonde Frau. «War sie gestern brünstig?», will Aurane Freudiger wissen und nähert sich der Kuh.  «Ja, ja, gestern wollte sie aufhocken», sagt der Bauer. «So chumm», sagt sie zur braunen Kuh und besamt sie.

«Bei ihr ist es wirklich gut gegangen. Sie war richtig brünstig und wird bestimmt tragen.» Würde sie nicht tragen, müsste Freudiger wiederkommen und es erneut probieren. Die junge Besamerin hat aber eine gute Quote, wie sie selber sagt. Sie lächelt.

Die Frucht der Arbeit

Nach fünf weiteren Besamungen, die alle schnell und reibungslos laufen, fährt Aurane Freudiger zurück zu Swissgenetics nach Bütschwil. Die Sonne steht hoch am Himmel. «Es war eine gute Tour», sagt sie. Obwohl sie manchmal etwas alleine ist, will sie weiterhin dableiben. «Mein Freund hat einen Bauernhof im Jura, wer weiss, vielleicht steige ich einmal dort ein.»

Aber bis dahin geniesse sie besondere Momente bei der Besamung. «Einmal bin ich gerade auf einen Hof gekommen, als eine Kuh abkalben wollte. Der Bauer bat mich um Hilfe. Als wir das Tier geholt hatten, war ich sehr berührt. So konnte ich die Frucht unserer täglichen Arbeit lebendig vor mir sehen. Ein besonderes Gefühl», sagt sie und fährt auf den Parkplatz vor Swissgenetics.     

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