27.08.2017 13:00
Quelle: schweizerbauer.ch - Ann Schärer. lid
Milchproduktion
Umsatzplus trotz tieferer Milchleistung
In Irland und Neuseeland ist die saisonale Milchproduktion schon seit jeher gängig. Hierzulande entscheiden sich ebenfalls immer mehr Betriebe für diese Produktionsart. Die Schweiz bietet sich als Grasland dafür bestens an.

Auf den ersten Blick sieht die Holsteinherde von Silvia und Adrian Stohler in Olsberg ganz normal aus. Doch wirken die Tiere klein und leicht. Das liegt daran, dass es sich dabei um Holsteinkühe neuseeländischer und irischer Abstammung handelt. Die Tiere sind zwischen 130 und 135 Zentimetern gross und 480 bis 520 Kilogramm schwer, während hiesige Holsteinkühe im Normalfall mindestens 145 Zentimeter gross sind und zwischen 600 und 750 Kilogramm wiegen.

Viel Milch aus Weidefutter


Das Ziel von Silvia und Adrian Stohler lautet: möglichst viel Milch aus Weidefutter produzieren und so eine Steigerung der Milchleistung pro Fläche erreichen. Oder wie es Remo Petermann vom Berufsbildungszentrum Natur und Ernährung im luzernischen Schüpfheim formuliert: "Bei der saisonalen Milchproduktion produziert man mit weniger Milchmenge dasselbe Einkommen wie ein Hochleistungsmilchbetrieb".

Angesichts des tiefen Milchpreises auf den ersten Blick erstaunlich. Doch geht es bei der saisonalen Milchproduktion vor allem darum, die Kosten insgesamt tief zu halten. Dem Landwirt mit Vollweidesystem bleibt unter dem Strich 2 bis 2,5 Mal mehr aus dem Umsatz erhalten als in einem Hochleistungsbetrieb. Es fallen also viel weniger Kosten für die Fütterung an.

Zwei bis dreimal günstiger 


Während die meisten Betriebe in der Jahresration einen Anteil von Weidegras unter 50% aufweisen, kann dieser bei der saisonalen Weidehaltung bis auf 70% gesteigert werden. Weidegras ist zwei bis dreimal günstiger als konservierte Grundfuttermittel. "Konventionelle Betriebe kaufen dazu bis zu zwei Tonnen Kraftfutter pro Jahr und Kuh zu", sagt Petermann. Doch die Wirtschaftlichkeit lasse sich grundsätzlich nicht mit einer höheren Milchleistung steigern. Das sehe man häufig erst beim Erstellen einer Vollkostenrechnung, denn dort zeige sich, wie wirtschaftlich ein Betrieb die Milch produziert.

Familie Stohler verfüttert gar kein Ergänzungs- und Leistungsfutter. Im Sommer werden ihre Tiere gänzlich über die Vollweide ernährt und nur in sehr trockenen Phasen wird zugefüttert. Die Winterfütterung während der Galtphase besteht aus Ökoheu, älterem Bodenheu und Grassilage und in der Startphase aus 75 Prozent Grassilage und 25 Prozent Belüftungsheu und Emd. So können sie die Futterkosten konsequent tief halten. 2016 lag der Milchpreis bei ihnen bei 52,7 Rappen. Sie konnten 177'383 Kilogramm konventionelle Milch an Mooh abliefern, 43'680 Kilogramm wurde für die Kälbermast und Aufzucht eingesetzt.

Vollweidesystem als Kompromiss

Konsequenz ist im Zusammenhang mit der Vollweide und saisonaler Abkalbung ein zentraler Begriff. Denn die Kosten müssen über den gesamten Betrieb gesehen möglichst tief gehalten werden. "Insbesondere beim Maschinenpark", sagt Petermann. Wer dieses Milchproduktionssystem betreibe, müsse zu 100 Prozent davon überzeugt sein und sich davon distanzieren können, die Milchleistung zu maximieren. Saisonale Weidebetriebe in Irland erreichen maximal 7'700 Kilogramm Milch pro Kuh und Jahr - das aber bei einem Einsatz von rund 1000 Kilogramm Kraftfutter.

In der Schweiz ist das Kraftfutter teurer und viele Betriebe mit saisonaler Abkalbung und Vollweide verwenden nur sehr wenig bis gar kein Kraftfutter. Um mit Vollweide gut Geld zu verdienen, braucht es viel Knowhow bezüglich Weidemanagement und natürlich arrondierte Flächen.  

Das Vollweidesystem ist, gemäss Remo Petermann, letztlich ein Kompromiss, der sich aus drei Fragestellungen ergibt:

Was möchte die Kuh?
Was möchte ich als Landwirt?
Was möchte das Gras?  

Eine Vollweidekuh sollte dabei über folgende Qualitäten verfügen:

Hohes Futteraufnahmevermögen im Verhältnis zum Gewicht
Aggressives Fressverhalten
Hohe Mobilität
Gute Fruchtbarkeit
Hohe Stoffwechselstabilität
Relativ frühreif sein

Grösse der Tiere zentral

Bei Familie Stohler liegt das Erstkalbealter der Kühe aufgrund der Saisonalität (Abkalbung jeweils Anfang Jahr) bei 23 bis 25 Monaten. Die Grösse der Tiere ist ebenfalls zentral. Denn nur kleinere Kühe können ausreichend Gras fressen und so ihren Energiebedarf ausreichend decken. Deshalb sind Rassen aus Neuseeland und Irland, wo das saisonale Milchproduktionssystem seit jeher gängig ist, besonders gut geeignet. Sie wurden über lange Zeit auf diese Qualitäten hin gezüchtet.

Silvia und Adrian Stohler vertrauen aus diesem Grund dem irischen Economic Breeding Index (EBI). Dort stehen die Töchter der Stiere in einem Saisonalen Milchproduktionssystem. Das macht die Zuchtwerte aus der Nachzuchtprüfung besonders vertrauenswürdig. "Der EBI schliesst beispielsweise neben Produktion und Fruchtbarkeit auch Erhaltungsbedarf, Abkalbeverhalten, Fleischwert, Gesundheitsmerkmale und Management ein", sagt Remo Petermann.

Erfolgsfaktor Niederschlag

Dies ist ein Grund, weshalb die IG Neue Schweizer Kuh den Swiss Index (SWI) lanciert hat. Dort werden auch die funktionellen Merkmale und die Grösse stark einbezogen. Zudem werden keine Tiere ausgeschlossen, weil sie beispielsweise zu wenig Milchleistung aufweisen. Der SWI ist unabhängig von Rasse und Produktionsform wie Bio.

Die Schweiz kann als Weideland mit Irland und Neuseeland gut mithalten. Das Graswachstum in der Schweiz ist ähnlich wie in Irland, wenn auch die Vegetationsperiode bei uns etwas kürzer ist. Bei Familie Stohler beträgt die Weidedauer auf ihrem 31 Hektaren grossen Betrieb etwa 240 Tage, davon 180 bis 200 Tage Vollweide. Dies hat viel mit der Regenmenge zu tun. Grundsätzlich ist die saisonale Milchproduktion überall dort möglich, wo genügend Regen fällt, um Gras zu produzieren.

Aus der Saisonalität eine Effizienzsteigerung 

Dass die Kühe innerhalb dieses Produktionssystems saisonal abkalben, ist wichtig, damit aus dem vorhandenen Gras möglichst viel Milch produziert werden kann. Denn im Frühling ist das Gras qualitativ am besten, was in der Startphase, also in der Zeit nach dem Abkalben, besonders wichtig ist. Dann ist der Nährstoffbedarf der Kühe am höchsten.

Zusätzlich ergibt sich aus der Saisonalität eine Effizienzsteigerung bezüglich der Arbeit. Bei Familie Stohler kalben die Kühe zwischen Mitte Januar und März ab. So müssen nur während eines gewissen Zeitraums Kälber getränkt werden und es ergibt sich am Schluss des Jahreskreislaufs eine Melkpause. "Diese gibt diesen Landwirten unter anderem Zeit, strategisch zu denken. Das ist in konventionell geführten Betrieben aufgrund des langen Tagesgeschäftes oft kaum möglich", sagt Petermann.

Nur mit den Besten wird weitergezüchtet

Eine gute Fruchtbarkeit ist für das Vollweidesystem ebenfalls zentral. Bei Familie Stohler wird ausschliesslich während sechs Wochen pro Jahr mit Milchrassen besamt. In diesem Zeitraum wurden 2016 68 Prozent trächtig. Oder anders ausgedrückt: die 6-week-in-calf-rate lag bei 48%. Die restlichen Besamungen werden mit Mastrassen vorgenommen. Pro Tier gilt das Maximum von drei Besamungen. Hat ein Tier dann noch nicht aufgenommen, muss es weg.

Dazu kommt, dass Familie Stohler nur mit den 50 Prozent besten Tieres ihres Betriebes weiterzüchtet. Sicher ein Grund, weshalb die Fruchtbarkeit ihrer 55-köpfigen NZ-Holstein-Herde gut ist. "Ich bin überzeugt, dass die Fruchtbarkeit aber auch schon alleine aufgrund des Produktionssystems höher ist als bei konventioneller Milchproduktion", sagt Petermann.

 

Oft habe man den Eindruck, dass die Merzung (d.h., Tiere mit unerwünschten Eigenschaften werden aussortiert) bei saisonalen Systemen aufgrund von Fruchtbarkeitsproblemen besonders hoch sei. Doch falle das bei konventionellen Betrieben einfach weniger auf, weil diese laufend stattfinde. "Die Nutzungsdauer ist bei saisonalen System höher und auch die Tiergesundheit ist vermutlich besser", ist der Fachmann überzeugt.

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