4.04.2018 09:50
Quelle: schweizerbauer.ch - blu
Viehschau
Volle Euter erneut in der Kritik
Einmal mehr wurden in der Konsumentensendung «Kassensturz» des TV-Senders SRF die Viehschauen und die Euter thematisiert. Die neuen Regeln seien zu wenig streng, kritisieren Tierschützer. Man müsse die Fakten sprechen lassen, so die Züchter. An der Expo Bulle kam es zu einem Handgemenge.

Den grossen Viehschauen weht eine steife Brise entgegen. Die Kritiker weisen darauf hin, dass Kühe mit übervollen Eutern in der Gesundheit beeinträchtigt sind. Es sei wissenschaftlich und international anerkannt, dass der Euterdruck ansteige, werde eine Kuh nicht gemolken, berichtet der Kassensturz. Die Folge sind Ödeme, Wasseransammlungen im Euter, die für die Kühe schmerzhaft sind.

Studie erstellt

Prof. Dr. Adrian Steiner von der Vetsuisse-Fakultät untersuchte während mehreren Monaten an verschiedenen Schauen die Euter mit Ultraschall, nahm Blut und untersuchte, ob die Kühe Medikamente, Entzündungshemmer und Entwässerungsmittel, erhalten haben. Ziel der Studie war es, eine Art Ausbildungsdokumentation für Kommissionen und Tierärzte als Lehrmaterial und Handlungsanleitung zu erstellen.

Die Resultate: Für die Studie wurden 321 Kühe an vier Milchvieh-Ausstellungen (Swiss EXPO 2017, Tier&Technik 2017, BRUNA 2017, Swiss Red Night 2017) untersucht. Bei 72 Kühen (23%) wurde mittels Ultraschall ein Euterödem nachgewiesen. Bei 29 der untersuchten Kühe (16%) wurden im Blut Entzündungshemmer nachgewiesen. Dies lasse einen Rückschluss auf eine Behandlung am Tag oder in den Tagen vor der Ausstellung zu, so die Folgerung der Studienautoren. Bei 263 Kühen (86%) waren die Zitzen nach Angaben der Tierhalter mit Kollodium verklebt.

Kühe haben Schmerzen

«Die beiden Studien haben gezeigt, dass die Untersuchung auf Euterödem per Ultraschall ein verlässliches Instrument zum Nachweis von überladenen Eutern ist. Denn je stärker das Euterödem ausgeprägt ist, desto grösser ist auch die Beeinträchtigung des Wohlbefindens der Kuh zu werten», lautet das Fazit der Studie. «Die Kühe fressen weniger, der Gang wird breitbeiniger, die Oberflächenspannung des Euters nimmt zu (Tropfen) und die Milch hat mehr Entzündungszellen», sagt Steiner zu Kassensturz.

In der Folge reagierte die Arbeitsgemeinschaft für Rinderzüchter ASR mit einer Überarbeitung des Reglements. Seit Januar müssen bei jedem Wettbewerb die beiden erst platzierten Kühe direkt nach der Vorführung zum Ultraschall geführt werden. Das Reglement erlaubt es unter anderem, dass bei Kontrollen beim Eingang in den Ring Tiere ausgeschlossen werden könnten.

Neue Strafenkatalog

Je nach Schweregrad des gefundenen Ödems (1 ist das leichteste, 3 das schwerste), hat das Konsequenzen für den Halter. 1. Grad bedeutet, die Kuh muss um vier Liter Milch erleichtert werden. Bei Grad 2 und Grad 3 muss die Kuh ganz gemolken werden, sie wird vom Wettbewerb disqualifiziert. Für den Besitzer kann es eine Strafanzeige zur Folge haben.

Der Kassensturz reiste an die Expo Bulle. «Wenn es neue Regeln gibt, gibt es eine gewisse Unruhe. Es braucht eine gewisse Zeit, bis sich alles eingespielt hat», sagt Pascal Monteleone, Geschäftsführer des Verbandes der Holsteinzüchter, in der TV-Sendung. «Ich mache mir jedoch keine Sorgen, das kommt gut», fuhr er fort.

Kühe schützen, nicht Bauern bestrafen

Das sieht die Tierärztin des Schweizer Tierschutzes, Julika Fitzi, nicht so. Die Kuh werde weiter gequält. Für die Kuh ändere sich mit den Regelungen nichts. Denn solche Kühe würden oft nur zufällig entdeckt. Die Tierärztin versteht nicht, warum die Besitzer erst ab Schweregrad 2 mit Konsequenzen rechnen müssen.

Wichtig sei, dass die Kuh entlastet werde, entgegnet Kaspar Jörger vom Bundesamt für Veterinärwesen. Wenn dies mit Verwarnungen geschehe, sei die auch ein wichtiges Ziel. Mit den neuen Regelungen gehe es darum, die Kühe zu schützen und nicht die Bauern zu bestrafen.

Züchter: Fakten sprechen lassen

An der Expo Bulle von Mitte März waren knapp 250 Tiere gemeldet. Es wurden auch Kontrollen durchgeführt. Der Kantonstierarzt Grégoire Seitert entdeckte mehrere Ödeme der Stufe 1. Bei sieben Kühen wurde eine Entleerung des Euters angeordnet. Zuerst wurden keine Ödeme der Stufe 2 und 3 beobachtet. Im Verlauf der Ausstellung wurden jedoch 3 Fälle mit stärkeren Ödemen entdeckt, berichtet der Kassensturz.

Züchter Patrick Rüttimann sagt jedoch, es sei in den vergangenen Monaten viel Polemik betrieben worden. Man müsse die Fakten sprechen lassen. «Ausstellungskühe werden älter, haben eine höhere Lebensleistung und sind gesünder als der Schweizer Durchschnitt», so Rüttimann. «Die meisten Kühe hier geniessen eine gute Pflege und haben ein schönes Leben», fährt der Holstein-Züchter fort.

Handgemenge in Bulle

Tierärztin Fitzi war in Bulle nicht willkommen. Nach kurzer Zeit musste sie das Gelände verlassen. «Als wir an der «Expo Bulle» im Stall waren, wollten mich die Leute vertreiben. Es gab ein Handgemenge und kam zu Handgreiflichkeiten. Es waren Personen in meiner Nähe, die mich beschützt und heraus begleitet haben», sagt sie dem «Kassensturz».

Die Tierschützer seien nicht akkreditiert gewesen und hätten sich am Eingang nicht gemeldet, teilte die Organisatoren dem Kassensturz mit. Dies verstosse gegen ihr Sicherheitsprinzip. 


Schaufenster der Milchvieh-Hochleistungszucht


Verschiedene nationale und internationale Viehschauen verlieren zunehmend ihren traditionellen, volkstümlichen Charakter und werden stattdessen zu einem hochdotierten, prestige- und finanzträchtigen Schaufenster der einseitigen Milchvieh-Hochleistungszucht, schreibt der Schweizer Tierschutz in einer Mitteilung am Mittwoch. Entgegen den gesetzlichen Vorschriften würden teilweise Kühe mit manipulierten, völlig überladenen und schmerzhaften Eutern präsentiert. Diese würden oft die vordersten Plätze belegen. Obwohl die Milchleistung jedes einzelnen Tieres umfassend dokumentiert wird und aus Katalogen und von Informationstafeln abgelesen werden kann, sind diese Show-Wettbewerbe nach dem Motto «je voller das Euter desto besser die Leistung» ausgerichtet, kritisiert der Tierschutz. Die Kontrollen würden offensichtlich nicht greifen, so die Kritik.

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