Dienstag, 2. März 2021
01.05.2013 10:00
Milchvieh

Vom Schwanzvieh zur Graskuh

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Von: Susanne Meier

Früher musste man das Vieh im Frühling am Schwanz aus dem Stall ziehen, weil es so entkräftet war. Dann wurde die Fütterung intensiviert. Nun soll der Trend wieder zu mehr Auslauf und zur Grasfütterung gehen.

Bereits zum 15. Mal konnte Hansuli Huber, Geschäftsführer des Schweizer Tierschutz (STS), am Donnerstag vergangener Woche die traditionelle Nutztierschutz-Tagung eröffnen. Dieses Jahr stand sie unter dem Motto «Freilandhaltung – artgerecht und ökologisch». Dennoch bezog sich Huber zuerst auf die Lebensmittelskandale. Es sei schade, dass man sich immer nur über den Bschiss aufrege, nie aber darüber, dass man Fleisch industriell unter zwielichtigen Bedingungen produziere und dann um die halbe Welt karre.

Am Schwanz gezogen

Diese industriellen Haltungs- und Fütterungsbedingungen kamen erst in den letzten Jahrzehnten auf. Diesbezüglich sei früher tatsächlich alles besser gewesen, betonte Anita Idel. Die Tierärztin aus Berlin (D) beleuchtete in ihrem Vortrag die Entwicklung der Tierhaltung vom 17. bis ins 19. Jahrhundert. Bei ihren Nachforschungen sei sie einmal auf den Begriff «Schwanzvieh» gestossen, erzählte Idel.

«Mit Schwanzvieh waren Kühe und Rinder gemeint, die nach der Winterperiode so entkräftet waren, dass sie nur noch am Schwanz aus dem Stall gezogen werden konnten.» Auch die Bezeichnung Mistvieh stamme aus früheren Jahrhunderten, als der Ackerbau aufkam und damit die Notwendigkeit, Dünger für die Böden zu haben. «Mist und Gülle waren das Ziel der Mistviehhaltung», erzählte Idel, «deshalb war es nicht verwerflich, die Tiere monatelang im Dreck stehen zu lassen, auch wenn das aus heutiger Sicht tierschutzwidrig war.»

Unterschiede gabs laut Idel auch bei der Fütterung. Früher habe der Hunger Mensch und Tier geplagt – in einer Form, die man heute auch als Tierschutzverstoss ahnden würde. Heute sei die Überfütterung, die Mast der Tiere mit proteinreichen Futtermitteln, das tierschutzrelevante Problem. Idel plädierte dafür, die Tiere mit mehr Gras und weniger Protein zu füttern.

Kraftfutter reduzieren

Daran knüpfte Christophe Notz vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau in seinem Vortrag an. Er stellte das dreijährige Forschungsprojekt Feed no Food (Verfüttert keine Lebensmittel) vor. 69 Milchviehbetriebe vollzogen in dieser Zeit einen vollständigen oder teilweisen Ausstieg aus der Kraftfutterfütterung, oder sie wollten den Gesundheitsstatus ihrer bereits ohne Kraftfutter gefütterten Kühe verbessern.

Pro eingespartes Kilo Kraftfutter habe sich die Milchleistung um lediglich 0,7 kg verringert, bilanzierte Notz – «das ist weniger, als wir erwartet haben». Auch habe die Fruchtbarkeit nicht massgeblich gelitten. Notz hält eine standortangepasste Milchproduktion ohne oder mit sehr wenig Kraftfutter für möglich. «In der Agrarpolitik 2014–2017 (AP2017) sind mit dem freiwilligen Programm zur graslandbasierten Milch- und Fleischproduktion sogar Beiträge dafür vorgesehen.»

Auf die von Notz angesprochenen Graslandsystembeiträge ging Patricia Steinmann, stellvertretende Leiterin Fachbereich Öko- und Ethoprogramme beim Bundesamt für Landwirtschaft (BLW), in ihrem Vortrag ebenfalls ein.

Mastkälber sollen raus

Sie informierte zudem über BTS und Raus. Diese Programme seien bei Konsumenten und Bauern akzeptiert. Sie würden neu unter der Bezeichnung Tierwohl-Programme statt wie bisher Etho-Programme laufen.

Neuer Name, fast gleicher Inhalt: «Bei den Anforderungen gibt es keine Anpassungen», betonte Steinmann. Änderungen gebe es aber bei der Tierkategorien. Jene der Kälber solle neu bis 160 Tage gelten. Der GVE-Faktor pro Kalb (0 bis 160 Tage) soll laut Steinmann neu 0,13 betragen. «Zudem wollen wir den Raus-Beitrag für die Tierkategorie der bis 160 Tage alten Kälber von 180 auf 360 Franken pro GVE verdoppeln», so die BLW-Mitarbeiterin. «Mit dieser Massnahme möchte der Bund mehr Kälberhalter zur Teilnahme motivieren.»

Schliesslich soll – anstelle der von der Branche geforderten Erhöhung des GVE-Faktors für Mutterkühe – der entsprechende BTS-Ansatz von 90 auf 115 Franken pro GVE und der Raus-Ansatz von 180 auf 225 Franken pro GVE erhöht werden. «Wir streben bei Raus eine Beteiligung von 80 Prozent an», so Steinmann. Damit erfülle man eine der Forderungen des STS, mehr für das Tierwohl zu tun.

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