7.02.2020 12:46
Quelle: schweizerbauer.ch - Video hal/blu
Klima
«Wir brauchen die Kuh»
Die deutsche Tierärztin und Dozentin Anita Idel war als Referentin am Milchviehforum 2020 in Hohenrain LU eingeladen. Im Interview mit schweizerbauer.ch erklärt sie, weshalb die Kuh keine Klimakillerin ist. Und Idel führt aus, wie die Kuh unsere Landschaften geprägt hat. -> Video

«Die Kuh rülpst Methan. Methan ist ein Klimagas. Ergo ist die Kuh ein Klimakiller. Das ist das Fazit, das viele Menschen über die Kuh ziehen. Aber dann schaut man nicht auf das Ganze», sagt Anita Idel zu schweizerbauer.ch.

Kuh kann Klimawandel begrenzen

Kühe hätten seit der vergangenen Eiszeit eine entscheidende Rolle gehabt, Böden aufzubauen. «Und Boden aufbauen heisst auch immer Kohlenstoff binden», fährt sie fort. Da Humus zu mehr als der Hälfte aus Kohlenstoff bestehe, entlaste jede zusätzliche Tonne Humus im Boden die Atmosphäre um rund 1,8 Tonnen CO2. Die Bodenbildung sei deshalb auch immer ein Prozess zur «Atmosphären-Entspannung». So könne die Kuh – entgegen der gängigen Annahme – sogar zur Begrenzung des Klimawandels beitragen, hielt Idel fest.

Die Aussage, «Je höher die Milchleistung, desto besser für das Klima», sei aber ein Mythos. Die Maximierung der Leistung bedeute das Füttern von Kraftfutter. Dies löse wieder andere Klimaeffekte aus. Idel nennt beispielsweise die Rodung von Regenwäldern für das Anpflanzen von Soja. Durch das Abbrennen werde CO2 freigesetzt. Auch der Grünlandumbruch oder die Produktion von Kunstdünger wirke sich auf das Klima aus. Beim Ausbringen von Stickstoffdünger werde Lachgas freigesetzt. Lachgas sei 300-mal so wirksam wie CO2, sagt Idel.

"Wir brauchen die Kuh"

Und sie bringt noch einen weiteren Punkt ein. «Wenn ich die Milchleistung maximiere, führt das dazu, dass das Fleischansetzungsvermögen sinkt. Um die Nachfrage nach Fleisch nachzukommen, müssen zusätzlich Fleischrinder gehalten werden.» Wie stellt sich Idel die Nutztierhaltung in Zukunft vor? «Mehr Kühe auf der Weide, aber weniger Schweine und Hühner. Wir Konsumenten müssen aber unser Ernährungsverhalten verändern. Auf Dauer brauchen wir die Kuh, um unsere Böden zu erhalten und aufzubauen», macht sie deutlich. 

Weshalb gelang es der Schweiz bisher nicht, ihre Vorzüge als Grasland in der Klimadiskussion aufzuzeigen? «Die Schweiz entspricht mit 70% Grasland und 30% Ackerland der weltweiten Situation. Für die Schweiz gilt es nun, diese 70 Prozent zu bewahren. Dazu gehöre auch die Aufrechterhaltung der biologischen Vielfalt», erklärt Idel. 

Wenn beispielsweise auf den Alpen den Kühen Kraftfutter zugefüttert werde, erhöhe das die Düngeintensität und reduziere gleichzeitig die Vielfalt der Gräser und Kräuter. «Damit verliert die Schweiz bei der Milch- und Fleischvermarktung ein Alleinstellungsmerkmal, mit dem man glänzen könnte.» 

Die Kuh ist Landschaftsgärtnerin

«Entscheidend für das Wasserbindungsvermögen der Böden sind der durchwurzelte Raum und sein Gehalt an Feinwurzeln. Auch darin liegt das Potenzial von nachhaltigem Beweidungsmanagement», so Idel. Gräser würden im Vergleich zu anderen Pflanzen generell über die spezielle Eigenschaft verfügen, mehr unterirdische als oberirdische Biomasse zu bilden – aufgrund ihrer Feinwurzeln. Auch deshalb würden weltweit die Böden der Grasländer 50% mehr Kohlenstoff speichern als Waldböden. 

Was bedeutet die Idel die Kuh? «In meinem Buch nenne ich sie den globalen Landschaftsgärtner. Es fasziniert mich, wie die Kuh in einer Welt ohne Zäune die Landschaften wesentlich mitgeprägt hat und zur Vielfalt beigetragen hat. Die Kuh hat so eine globale Fähigkeit und so ein globales Potenzial. Das finde ich beeindruckend», sagt Idel.

SCHWEIZER BAUER
BEKANNTSCHAFTEN
DER SCHWEIZER BAUER AUF YOUTUBE