29.04.2019 06:39
Quelle: schweizerbauer.ch - hal
Interview
«Wir profitieren von der neusten Entwicklung»
Urs Spescha, Bereichsleiter Genetik bei Swissgenetics, spricht im Interview über die neusten Entwicklungen beim Samensexing und über die eigene Anpaarungsstrategie, die er als Züchter wählen würde.

«Schweizer Bauer»: Sie selbst sind  gelernter Landwirt. Welche Anpaarungsstrategie käme für Ihre eigene Kuhherde zum Einsatz?

Urs Spescha: Ich würde die besten 25 Prozent der Tiere mit gesexten Samendosen belegen. Dies für die eigene Remontierung. Wenn ich Zuchtvieh zu überdurchschnittlichen Preisen absetzen kann, eventuell mehr. Die restlichen Tiere würden mit Fleischrassenstieren angepaart, womöglich mit männlich gesexten.

Wie würden Sie die besten Tiere selektieren?

Vor allem bei den Rindern betrachte ich die genomische Selektion als sinnvoll. Dann zählen weitere Faktoren wie die eigenen Leistungen, das Exterieur und die Kuhfamilie. Ich bin überzeugt, dass der grösste Zuchtfortschritt erzielt werden kann, wenn die Resultate der genomischen Selektion den Einsatz gesexter Samendosen mitbestimmt.

Ihr Ziel wäre es also, mit der Nachzucht aus den besten 25Prozent der Tiere das genetische Niveau der eigenen Herde zu verbessern?

Nicht nur. Mit den Mastkälbern könnte ich zudem höhere Erlöse beim Verkauf der Tränkekälber erzielen.

Würden Sie den Nutz- und Zuchttierverkauf anstreben?

Jedenfalls, wenn sich meine Herde auf  hohem genetischem Niveau befinden würde und ich dadurch Vermarktungschancen hätte. Der Anteil gesexter Samendosen würde ich entsprechend erhöhen. Ich glaube, dass in Zukunft Jungkühe wieder gefragt sind.

Wie rassenabhängig ist Ihre beschriebene Strategie?

Bei dieser Strategie habe ich eine Holstein- oder Brown-Swiss-Herde vor Augen. Aber auch bei Zweinutzungsrassen wie Swiss Fleckvieh oder Original Braunvieh macht der Einsatz gesexter Samendosen Sinn, weil der Zuchtfortschritt aus den besten weiblichen Tieren grösser ist.

Seit über zehn Jahren steigt der Anteil gesexter Samendosen kontinuierlich an. Wann wird sich der Absatz stabilisieren?

Ich rechne damit, dass im aktuellen Geschäftsjahr über zehn Prozent mehr gesexte Samendosen als im Vorjahr verkauft werden. Das Wachstum wird sich in den nächsten Jahren abflachen.

Trotzdem gehe ich davon aus, dass etwa bei der Rasse Holstein der Anteil gesexter Samendosen auf rund 60 Prozent ansteigen wird (aktuell 44 Prozent). Der Landwirt erkennt die gute Wirtschaftlichkeit, wenn er gesexte Samendosen mit geprüften Fleischrassenstieren kombiniert. Der Grund für diese Entwicklung sind die hohen Preise für Tränkekälber. Zudem hat er mittlerweile Erfahrung mit gesexten Samendosen, vertraut ihnen und kennt deren Fruchtbarkeitserfolg.

Trotzdem verkauft Swissgenetics kaum gesexte Samendosen des führenden kanadischen Spermaanbieters Semex. Wird sich das in Zukunft ändern?

Für Semex ist es aktuell nicht möglich, der grossen Nachfrage auf dem Weltmarkt mit gesexten Samendosen gerecht zu werden. Semex investiert zwar in Maschinen für das Samensexing, die Situation bleibt aber herausfordernd. Semex ist  für die Produktion von gesexten Samendosen auf die Technologie von Sexing Technologies angewiesen und ist sich bewusst, dass sie mit einer Ausdehnung der Produktion die Konkurrenz stärken würde. Tatsache ist, dass es in Zukunft für viele Stiere schwierig sein wird, wenn sie nicht gesext verfügbar sind.

Sie sprechen die Technologie von Sexing Technologies an, die seit 2015 in Mülligen AG im Samensexing-Labor im Einsatz steht. Welche Lizenzgebühren zahlt Swissgenetics?

Je mehr wir die Produktion ausdehnen können, umso tiefere Preise müssen wir ST für die Herstellung bezahlen. Deshalb konnten wir die Verkaufspreise für gesexte Samendosen laufend reduzieren – zuletzt im vergangenen Herbst im Durchschnitt um fünf Franken. Swissgenetics lag damals beim Entscheid, in ein Labor für das Samensexing zu investieren, goldrichtig. Dank der Nähe und der sehr guten Partnerschaft zu Sexing Technologies, die das Labor betreiben, kann Swissgenetics heute das weltweit breiteste Angebot an gesexten Stieren anbieten. Zudem können wir von den neusten Entwicklungen profitieren.

An welche Entwicklungen denken Sie, auch an sexed Ultra 4M?

Von einigen Stieren wie Red Impulse (RH), Simbaboy (BS) oder Pinch (HO) bieten wir gesexte Samendosen mit vier Mio. Spermien (International unter sexed Ultra 4M vermarktet, Standard sind 2,1 Mio. Spermien) an.

Aktuell überprüfen wir laufend die Befruchtungserfolge anhand der Nonretourrate (NRR 56) im Feld. Wir beobachten, dass das Sperma von nur wenigen Jungstieren sich heute zu gesexten Samendosen mit 4Mio. Spermien verarbeiten lässt. Zudem sind die Produktionskosten höher. Diese mit X4 gekennzeichneten Samendosen sollen eine höhere Fruchtbarkeit haben. Ob dies tatsächlich so ist, wissen wir noch nicht.

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