22.07.2017 08:34
Quelle: schweizerbauer.ch - Susanne Meier
Zürich
Wo die Kuh zur Schule geht
Anne Wiltafsky betreibt in Kilchberg ZH eine Kuhschule. Sie lernt den Rindern, auf Kommando zu gehen, sich reiten zu lassen oder eine Kutsche zu ziehen – vor allem aber lernt sie ihnen, Vertrauen zu haben. Mit Video

Lovely, die schwarzweisse Kuh im Werbespot der Schweizer Milchproduzenten, ist ein Filmstar. Und wie jeder richtige Star hat sie ein Double, das an ihrer Stelle bei den Filmaufnahmen eingesetzt wird. Das Double heisst Gianna und wurde von Anne Wiltafsky ausgebildet.

Kinder, Tierärzte, Bauern

Die gebürtige Deutsche, die Kunst und Philosophie studiert hat und seit elf Jahren in der Schweiz lebt, betreibt eine Kuhschule. Ihre Tiere leben auf dem Stockengut in Kilchberg ZH, wo Wiltafsky auch mit ihnen arbeitet und Kurse für Kinder, Tierärzte, Bauern und andere Interessierte gibt. «Die Nachfrage dafür nimmt zu, immer mehr Bauern wollen die Körpersprache ihrer Tiere verstehen», sagt Wiltafsky.

«Sie können sich das Rüstzeug dazu bei meinen bereits ausgebildeten Rindern holen und dann zu Hause ihre eignen Tiere anlernen. Ich weiss von Landwirten, die im Gemüsebau mit einem Rind das Unkraut hacken oder es im Winter einen Schlitten ziehen lassen.»

Über Hürden springen


Einige ihrer ausgebildeten Kühe hat Wiltafsky auch verkauft, so etwa Zirze, die heute in der Tierschau von Bruno Isliker über die Hürden springt. «Dafür braucht es ein flinkes Rind, das gut gehen kann und eher feingliedrig ist», nennt sie die Voraussetzungen. «Rinder, die etwa in der tiergestützten Therapie eingesetzt werden, sollten demgegenüber eher ruhig und etwas langsamer sein.»

Seit die Rinder in der Schweiz nicht mehr zur Arbeit eingesetzt und als Dreinutzungsrassen gezüchtet würden, seien sie zum Reiten oder Ziehen weniger geeignet. Am ehesten kämen dazu Kreuzungen oder alte Rassen in Frage.

Das älteste Arbeitstier

Die Kuhtrainerin oder eher Kuhflüsterin betont, dass sie keineswegs ein Freak sei, der etwas Neues erfunden habe: «Das Rind ist, das belegen Höhlenmalereien, das älteste Reit- und Arbeitstier des Menschen. Und auch heute noch werden viermal mehr Rinder als Pferde zur Arbeit auf dem Feld eingesetzt – man denke nur an die Yaks in der Mongolei oder an die Wasserbüffel auf den Reisfeldern in Asien.»

Auf dem Stockenhof arbeitet Wiltafsky, die schon als Kind eine enge Beziehung zu Rindern hatte und einige Jahre auf einem Biohof gearbeitet hat, mit Grauvieh- und Kreuzungskühen. Das Alter, in dem man mit dem Training beginne, sei eigentlich nicht massgebend, meint sie: «Ich habe schon Kälber und 14-jährige Kühe angelernt. «Wichtig ist, dass man zuerst eine Beziehung zum Tier aufbaut. Das geschieht, indem man es streichelt und krault. So schöpft es Vertrauen. Wenn es mehr Streicheleinheiten möchte, ist es bereit, etwas dafür zu tun.» So laufe ein Rind hinterher und bleibe auf Kommando stehen.

Kommandos verstehen

In einem weiteren Schritt lehrt Wiltafsky es, sich nach links und nach rechts zu drehen – dies, indem sie sich selber um ihre Achse dreht und das Rind der Bewegung folgt, immer hoffend, weiter gestreichelt zu werden. Bis dahin hat sie weder Halfter noch sonst ein Hilfsmittel eingesetzt.

«Ich finde es schade, wenn Rinder sogenannt halfterführig gemacht werden, indem man einfach am Strick der Halfter zieht. Das Tier sollte die Kommandos verstehen und meine Körpersprache kennen. Dann macht es auch Tricks wie Verbeugen oder Hinknien freiwillig oder es lässt sich anspannen oder reiten, wozu ich ihm eine Decke und einen Voltigiergurt anlege», betont sie – oder es bewegt sich auf Kommando in einem fremden Gelände, zum Beispiel auf dem Filmset als Double von Lovely. 

SCHWEIZER BAUER
BEKANNTSCHAFTEN
DER SCHWEIZER BAUER AUF YOUTUBE