Sonntag, 17. Januar 2021
14.11.2015 10:09
Spermasexing

Wunschkalb auf Bestellung

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Von: Michael Wahl, LID

Warum in der konventionellen Landwirtschaft Milchbauern immer häufiger das Geschlecht der Kälber selber bestimmen. Und warum Biobauern Wunschkälber auf Bestellung ablehnen.

Kuhkalb oder Stierkalb? Über das Geschlecht der Kälber entschied auf Schweizer Bauernhöfen lange der Zufall. Seit ein paar Jahren tun dies immer häufiger die Bauern selbst. Möglich macht dies die Technologie einer US-Firma, welche die Trennung von X- und Y-Spermien erlaubt (siehe Textbox). Kühe können damit gezielt besamt werden – mit Spermien, die X-Chromosomen (Kuhkalb) oder Y-Chromosomen (Stierkalb) enthalten.

Die Nachfrage nach geschlechtergetrenntem Sperma, in der Branche wird von „gesextem“ Sperma gesprochen, hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Swissgenetics, der grösste Schweizer Anbieter von Rindersperma für die künstliche Besamung, hat im Geschäftsjahr 2014/15 rund 81’000 Dosen mit gesextem Sperma verkauft. Gegenüber dem Vorjahr entspricht dies einem Plus von 31%. Derzeit machen die gesexten Samendosen rund 7% aller Samendosen-Verkäufe aus.
Gesextes Sperma ist zwar etwas teurer als konventionelles, Bauern ermöglicht es aber eine gezieltere und effizientere Zucht: So können Landwirte bei den besten Kühen weibliche Kälber für die Milchproduktion zeugen lassen. Kühe, die für die Zucht nicht geeignet sind, können mit Sperma von Fleischrassestieren besamt werden. Das ergibt Kälber, die mehr Fleisch ansetzen und einen höheren Erlös einbringen.

Vor allem bei Milchrassen

Eingesetzt wird gesexter Samen vor allem bei Red Holstein-, Holstein- und Brown Swiss-Kühen. Das sind Rassen, die auf eine hohe Milchleistung gezüchtet wurden, jedoch kaum Fleisch ansetzen. Ein Problem ist das bei den männlichen Kälbern. Für die Milchproduktion haben sie keine Bedeutung, weil sie naturgemäss keine Milch geben, für das Zeugen von Nachkommen werden sie im Zeitalter der künstlichen Besamung ohnehin nicht gebraucht und für die Mast sind sie auch nicht geeignet, weil sie kaum Fleisch ansetzen. Entsprechend unwirtschaftlich sind männliche Milchrasse-Kälber für Bauern. Medien berichteten unlängst unter Berufung auf den Schweizer Tierschutz über Kälber, die kurz nach der Geburt getötet würden, weil deren Aufzucht unrentabel sei.
Einen Ausweg aus diesem Dilemma bietet das Spermasexing an: Denn mit der Geschlechtsbestimmung lassen sich unerwünschte männliche Milchrasse-Kälber vermeiden.


Spermientrennung

Das Geschlecht eines Kalbes kann bestimmt werden, indem Kühe entweder mit X-Spermien (weiblich) oder Y-Spermien (männlich) besamt werden. Dafür müssen die Spermien vorgängig getrennt werden. Samensexing wird dieser Vorgang in der Branche genannt. Inhaberin dieser Technologie ist die US-Firma „Sexing Technologies“, die weltweit rund 30 Trennlabors betreibt, seit Anfang 2015 auch eines bei Swissgenetics in der Schweiz. Unterschieden werden X- und Y-Chromosomen anhand der unterschiedlichen Menge an DNA. Die X-Spermien (weiblich) enthalten rund 3,8 Prozent mehr DNA als die Y-Spermien (männlich). Durch die Bearbeitung des Spermas im Labor verliert es leicht an Fruchtbarkeit. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kalb das gewünschte Geschlecht hat, liegt bei 90 Prozent.

Wandel zulassen

Im Biolandbau ist der Einsatz von gesextem Sperma indes untersagt. Das Verbot ist aber nicht unumstritten. Das zeigte die Delegiertenversammlung vom 11. November 2015. Bio-Bauern der Sektion Nordwestschweiz drängten auf eine Zulassung des Spermasexings. Treibende Kräfte hinter dem Vorstoss waren Knospe-Bauern, die ebenfalls Hochleistungsrassen einsetzen. Man könne sich der Modernisierung nicht verschliessen, argumentierten die Befürworter.

In der Vergangenheit sei man viele Kompromisse eingegangen, etwa bei der Milch. Diese durfte noch vor ein paar Jahren nicht zu UHT-Milch verarbeitet werden – heute jedoch schon. Gegenüber Anliegen des Handels, so ein Befürworter, habe man sich in der Vergangenheit teils grosszügiger gezeigt als gegenüber solchen von Produzenten. Ins Feld führten die Befürworter des Spermasexings zudem einen Vergleich mit der Obstproduktion: In Bio-Apfelanlagen würden Pheromone eingesetzt, um die männlichen Apfelwickler zu wirren, damit sie die weiblichen Tieren zur Paarung nicht finden würden.

Nicht natürlich

Der Bio Suisse-Vorstand sprach sich allerdings gegen das Spermasexing aus. Eine Zulassung wäre eine falsches Zeichen, begründete Bio Suisse-Präsident Urs Brändli die ablehnende Haltung. Es bestehe die Gefahr, dass die Breite der Genetik, die bei den Rindern heute noch vorhanden sei, durch das Spermasexing in Frage gestellt werde. Biobauern sollten statt auf spezialisierte Milchrassen stärker auf Rassen setzen, die sich sowohl für die Milch- wie auch Fleischproduktion eignen würden.

Gegner des Spermasexings bezeichneten die Technologie als „nicht natürlich“, die zudem nicht mit dem Bio Suisse-Slogan – „Mensch, Tier und Natur im Gleichgewicht“ – vereinbar sei. Geäussert zudem Bedenken, dass Konsumenten Spermasexing nicht goutieren würden.

Am Schluss fiel die Abstimmung trotz kontroverser Diskussion erstaunlich deutlich aus: Mit 59 zu 27 bei 4 Enthaltungen sprachen sich die Bio Suisse-Delegierten gegen den Einsatz gesexten Spermas auf Knospe-Milchbetrieben aus. Bio Suisse wertet die Abstimmung als „Richtungsentscheid“, als ein wichtiges Zeichen für die strategische Ausrichtung der Biomilchviehzucht.

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