20.02.2018 08:00
Quelle: schweizerbauer.ch - Anja Tschannen
Pferdegesundheit
Dumme Fohlen brauchen Hilfe
«Dummy Foal» erscheinen, wie es der Name schon sagt, als etwas dumm. Sie verhalten sich unkoordiniert und untypisch. Ohne Hilfe und Behandlung durch den Tierarzt sind sie nicht überlebensfähig.

Schläfriges Verhalten mit sehr kurzen hyperaktiven Phasen, in denen sich das Fohlen unkoordiniert bewegt und nicht weiss, wie es trinken soll, sind einige der möglichen Symptome des Dummy-Foal- oder auch Fehlanpassungssyndroms (siehe Kasten). 

Zwei Gründe


Eines vorweg: Fohlen mit den aufgeführten Symptomen gehören immer vom Tierarzt untersucht und behandelt. Selbstdiagnosen sind fehl am Platz und gefährden das Überleben des Fohlens.

«Es gibt unter anderem zwei häufige Gründe für diese Symptomatik: Sauerstoffmangel und eine Geburt, bei der das Fohlen individuell zu wenig lang im Geburtskanal war (Quetschphänomen)», erklärt Claudia Graubner, Tierärztin der ISME-Pferdeklinik der Uni Bern. Dies seien zwei ganz verschiedene paar Schuhe für die Behandlung und Prognose.

Symptome
  • sehr schläfrig
  • sehr kurze hyperaktive Phasen
  • unkoordiniert (laufen im Kreis oder rückwärts)
  • lassen Kopf hängen
  • kauen oft in die Luft
  • finden Euter nicht und/oder wissen nicht, wie sie trinken sollen (Saugreflex ist aber  meistens vorhanden)
  • wissen nicht, dass und wie sie sich hinlegen müssen.

Zu schnelle Geburt

Beim «Quetschphänomen» geht man davon aus, dass die Geburt in einer Form zu schnell ging und dass der enge Geburtskanal nicht lange genug auf das Fohlen «wirken» konnte. Laut Professor John Madigan der Veterinäruniversität UC Davis (USA) wird im Geburtskanal die Bildung eines Beruhigungshormons gestoppt, welches dafür gesorgt hat, dass sich das Fohlen im Mutterleib ruhig verhielt.  

Durch den Vorgang im Geburtskanal würden neue Stoffe freigesetzt, welche die Grundaktivitäten am Anfang steuern (Schlaf-Wach-Rhythmus, saugen, sich hinlegen usw). «Das ist aber kein beweisender Grund, weil auch Kaiserschnittfohlen ganz normal sein können, und die haben den engen Geburtskanal ja gar nicht passiert», relativiert Graubner. 

Fohlen, die keinen Sauerstoffmangel erlitten haben und nur diesem «Quetschphänomen» unterliegen, reagieren meistens gut auf das sogenannte «Foal Squeezing», also Fesseln des Fohlens um den Brustkorb. 

Fohlen fesseln

«Hier wird der Geburtskanal durch das Fesseln nochmals simuliert. Offenbar genügt das dann, um das Fohlen auf die richtige Spur zu bringen», so Graubner. Sie selber habe das «Foal Squeezing» dreimal durchgeführt, zweimal habe es funktioniert. Die Prognose beim «Quetschphänomen» sei sehr gut, und eigentlich sei dann auch keine weitere Behandlung mehr nötig. 

Liegt aber ein Sauerstoffmangel vor, wird diese Methode nicht zum Erfolg führen. Dann braucht das Fohlen eine intensive Unterstützung, um die ersten Tage überstehen zu können. Dies fange mit der Kolostrumaufnahme an: Entweder werde das Kolostrum von einem Tierarzt mit der Sonde verabreicht oder das Fohlen müsse über die Vene Plasma und andere wichtige Infusionen erhalten.   

Intensive Betreuung

«Im Idealfall werden solche Fohlen stationär aufgenommen und erhalten eine intensive Betreuung», sagt Graubner. Bei diesen Fohlen sei normalerweise permanent jemand daneben und passe auf, dass sie sich bei ihren ungestümen Wachphasen nicht verletzen würden und dass die medizinischen Installationen (Infusionen, Sauerstoffschlauch) nicht herausgerissen würden.

Der Betreuer kümmere sich stündlich bis zweistündlich um die Milchaufnahme (meist mittels eingelegter Ernährungssonde) und kontrolliere die Flüssigkeitszufuhr über die Infusion. Wegen des Sauerstoffmangels funktionieren Organe wie Darm und Niere unter Umständen noch nicht richtig. 

Schnell reagieren

«Wenn nur ein Sauerstoffmangel vorlag und sich die Organe inklusive Gehirn erholen, ist die Prognose auch bei diesen Fohlen und bei entsprechend finanziellem Aufwand gut», erläutert Graubner. Liegt ein anderer Grund für die Symptome vor (z.B. Infektion mit EHV1, bakterielle Sepsis, Prämaturität), sinke die Chance aufs Überleben. 

An der ISME-Pferdeklinik der Uni Bern würden im Schnitt fünf Fohlen pro Jahr mit Dummy-Foal-Symptomen vorgestellt. Häufiger seien Koliken wegen Darmpechverhalten oder wegen keiner oder einer mangelnden Aufnahme von Kolostrum der Vorstellungsgrund. Als Fohlenbesitzer muss man den Tierarzt involvieren, wenn das Fohlen sich in den ersten drei Stunden komisch verhält. Auch das Squeezing sollte nicht vom Züchter durchgeführt werden.

Prävention

  • Nur gesunde und nicht zu alte Stuten für die Zucht einsetzen.
  • Die Stute idealerweise im letzten Drittel der Trächtigkeit am Ort der späteren Geburt lassen, damit dann keine Orts-/Futter-/Herdenänderungen mehr passieren müssen.
  • Den Geburtsvorgang nicht stören, bzw. ihn diskret überwachen (z.B. mit Kameras), aber doch da sein, falls die Fruchthäute über den Nüstern hängen bleiben. 
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