16.08.2017 06:04
Quelle: schweizerbauer.ch - Interview: Anja Tschannen
Pferde
«Ein Pferd braucht sehr viel Zeit»
Hans Schmutz ist ein veritabler Horseman und Autor. Er hat neben zwei Büchern auch den Kinofilm «Ich habe einen Freund» herausgebracht. Im Interview erzählt er vom artgerechten Umgang mit Pferden.

«Schweizer Bauer»: Sie haben vor zwei Wochen ihr zweites Buch «Dein Pferd ist, was du bist» herausgebracht. Was ist ihr Ziel mit diesem Buch?
Hans Schmutz: Einen guten und artgerechten Umgang mit Pferden propagieren. Tiere im Allgemeinen sind weder Maschinen noch unsere Sklaven. Sie sind in Gefangenschaft auf uns angewiesen und uns ausgeliefert. Ich plädiere für einen sanften, tiergerechten und ethisch vertretbaren Umgang mit allen Pferden und den übrigen Nutz- und Heimtieren.

Wird denn heute nicht artgerecht mit Pferden umgegangen?
Der Umgang ist heute schon viel besser. Aber leider finden wir immer noch die beiden Extremen. Entweder wird das Pferd vollkommen verhätschelt und als Kinderersatz behandelt, oder man versucht es mit Gewalt und beherrschendem Umgang, nach dem Motto: «Du muesch däm zeige, wär der Meischter isch», zu kontrollieren und zu Höchstleistungen zu bringen. Beides ist nicht gut.

Welche Umgangsform empfehlen Sie?
Ich möchte, dass die Leute mit den Pferden so umgehen wie mit ihren Hunden.

Wie soll man das verstehen?
So, wie sich ein Hund freut, wenn sie ihn mit seiner Leine in Kontakt bringen, um eventuell spazieren oder Gassi zu gehen, sollte sich eigentlich auch ihr Pferd freue, wenn sie sich mit dem Halfter auf es zubewegen. In den meisten Fällen wendet sich das Pferd aber vom Besitzer ab oder galoppiert sogar davon. Das ist ein Zeichen, dass sie ihrem Pferd unangenehm sind.

Wie soll man dann auf sein Pferd zugehen und es behandeln?
Man sollte immer gelassen und gutgelaunt zu seinem Pferd gehen. Ich verhätschele meine Pferde keinesfalls im Umgang, der Mensch muss immer seine Autorität behalten, sonst wird es gefährlich. Aber Autorität hat nichts mit Gewalt und Kraftanwendung zu tun. Das Pferd akzeptiert nur einen souveränen, authentischen Menschen als Alphatier. Deshalb ist mein Motto: So lieb wie möglich, so streng wie nötig und immer absolut konsequent. Es ist möglich eine echte und vertraute Mensch-Pferde-Beziehung aufzubauen, aber die meisten Menschen bringen es nicht fertig eine solche Beziehung hinzubekommen.

Die 5 wichtigsten Tipps im Umgang

1. So lieb wie möglich, so streng wie nötig und immer absolut konsequent.

2. Lerne dein Pferd kennen

3. Lies die Körpersprache und Mimik deines Tieres. Wenn dir dein Pferd ein Telegramm schickt, dann lies es.

4. Desensibilisiere dein Pferd auf alle möglichen Arten. So bereitest du es auf alle möglichen Gefahren vor, denn der Fluchtinstinkt bleibt immer erhalten.

5. Lass dein Pferd Pferd sein und sorge dafür, dass es in der Zeit in der du nicht da bist, artgerecht untergebracht ist und es sich vor dem Reiten austoben kann. 

Wo liegt das Problem beim Beziehungsaufbau? 
Heute darf und kann sich jeder ein Pferd kaufen, auch wenn er gar keine Ahnung hat. Das ist traurig. Man informiert sich vor dem Pferdekauf zu wenig. Oft weiss man nicht, wie viel Zeit es wirklich braucht, damit eine echte Mensch-Pferd-Partnerschaft entstehen kann. Viel zu viele Menschen besitzen Pferde und haben eigentlich gar keine Zeit dafür. Dabei darf und sollte Zeit im Umgang mit Pferden keine Rolle spielen.

…  wie meinen Sie das?
Viele Leute haben heutzutage keine Zeit, sich selber um ihr Pferd zu kümmern. Das Pferd wird oft in einen Pensionsstall eingestellt, und der Besitzer kommt nach der Arbeit oder am Wochenende zu seinem Pferd. Die wenigsten Besitzer nehmen sich in den wenigen Stunden, die ihnen mit dem Vierbeiner zur Verfügung stehen, tatsächlich die Zeit, um ihr Pferd kennenzulernen, zu beobachten, die Körpersprache zu verstehen und darauf zu reagieren. Das Gleiche gilt übrigens auch in der Ausbildung. Heute passt man sich nicht mehr dem Lernrhythmus des Pferdes an, sondern versucht das Ausbildungsprogramm in möglichst kurzer Zeit zu absolvieren, denn Zeit ist Geld.

Was ist Ihnen noch wichtig?
Unsere Vorfahren haben das Pferd als Transportmittel und für schwere Landwirtschaftsarbeiten gebraucht. Heute halten wir die Pferde meist nur noch als Hobby und zu unserem Vergnügen. Die Zeit, die wir mit und um die Pferde verbringen, sollte nicht nur uns Spass machen, sondern auch für unsere Pferde angenehm sein.

Das neue Buch

Ein Buch, das zum Umdenken anregt. Es ist unterteilt in verschiedene Themenblöcke, reich bebildert. Mit zahlreichen Übungsbeispielen lehrt Hans Schmutz einen sanften Umgang mit Tieren. Wer sein Pferd zum Freund hat, muss es nicht mit Gewalt zum Gehorsam zwingen.

Das Lehrbuch: «Dein Pferd ist, was du bist», 259 Seiten, Fr. 36.50. Zu beziehen bei Hans Schmutz, 3113 Rubigen, 079 301 91 48, firevision@bluewin.ch, in jeder grösseren Buchhandlung und beim Schweizerischen Tierschutz.

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