5.01.2020 07:13
Quelle: schweizerbauer.ch - khe
Stallwettbewerb (2/10)
Gnadenbrot in Graubündens Bergen
Auf ihrem Hof in Müstair GR gibt Tina Caratsch alten Pferden einen Platz. Ein schnörkelloser Stall mit einer feinfühligen Gastgeberin.

Eingefallene Rücken, knöchrige Gliedmassen. Die Pferde auf der Weide des Hofs Schons tragen einige Jahre auf dem Buckel. Sie kommen aus Bern, Luzern, der Westschweiz, eigentlich aus der ganzen Schweiz von ihren Besitzern ins hinterste Eck des Graubündens, um dort in Ruhe den letzen Teil ihres Lebens zu verbringen.

Zwar sind es nicht ihre Tiere, und trotzdem pflegt  Tina Caratsch eine Beziehung zu ihnen, als wären es die ihren. Das Verabschieden, wenn sich das Leben eines Rosses dem Ende entgegenneigt, fällt ihr jedesmal schwer. «Es ist immer anders und wirft mich jedes Mal fast aus der Bahn, wenn ein meiner Rösser gehen muss», sagt sie.

Leinöl für die Energie

Caratschs Rösser. Das sind 29 Pferde und Ponys, alle älter als zwanzig. Dass das eine oder andere um die dreissig hager daherkommt, erklärt sich von selbst und liegt nicht an mangelden Futterplätzen. Denn die Tiere haben ganztags freien Zugang zu Raufen. Das Heu  ist reich an Bergkräutern und stammt aus eigener Produktion. Auch die Weide steht den Senioren im Sommer ganztags zur Verfügung. 5 Hektaren sind es insgesamt. Im Winter  ist die Weide eingegrenzt um die Grasnarbe zu schonen.

«Je älter die Pferde, desto individueller die Bedürfnisse.» In der Futterkammer stehen Heusilage, Kompaktgras, Wiesenfasern, Seniorenmüesli, Strukturgetreide und ein Gerste-Hafer-Mix. Je nach Altersbresten das entsprechende Zusatzfutter. Die Ältesten erhalten gar etwas Leinöl, um ihr Gewicht halten zu können.

Pferde statt Kühe

Der Betrieb umfasst insgesamt 15,8 Hektaren. Früher wurde der Hof milchwirtschaftlich genutzt. Als Caratschs Mann schwer erkrankte, stellte sie von Kühen auf Pferde um. Heute führt sie den Betrieb alleine. Ihre Eltern und ihr Partner helfen mit. Unterstützen tut sie auch eine Freundin, Carina, deren Pferd im Stall steht. Die Maschinen, bis auf den Traktor, sind alle weg.  Fällt maschinelle Arbeit wie Mähen oder Heuen an, legt der Nachbar Hand an.

Der Kuhstall hingegen existiert noch immer. Den Winter hindurch sind dort die Ponys und Kleinpferde, alle bis Stockmass 148, untergebracht. Sie stehen auf Kompostboden und haben Auslauf auf dem betonierten Innenhof. Hinter dem Bauernhaus sind die grösseren Tiere untergebracht. Auch sie haben einen betonierten Auslauf und Stall mit Liegefläche. Dazu gehört ein Bereich mit Sand und offenem Unterstand, der abgetrennt werden kann, muss ein neues Pferd integriert werden.  Ein mit Ecoraster ausgelegter und mit Holzbalken unterteilter Weg führt hangaufwärts vom Stall weg auf die Koppeln.

Vertrauen statt Vertrag

Einen Pensionsvertrag gibt es bei Tina Caratsch nicht. «Entweder vertraut man sich, oder nicht», so ihre Erklärung. «Reden geht über alles.» Hat ein Pferd eine Verletzung entscheidet in erster Linie sie. Geht es darum, ein Ross in den Tod zu begleiten, kontaktiert sie den Besitzer. Probleme gab es in den dreizehn Jahren, seit sie den Stall führt, deswegen nie.

Koliken sind immer wieder Thema – das ist bei alten Pferden nicht selten. Zur Überwachung hat Caratsch in den Ställen Kameras montiert. Auf dem Handymonitor kann sie genau beobachten ob das Pferd unruhig ist oder  mit dem Kopf oder den Hinterbeinen  schlägt.

Besuch bei Bär und Wolf

Eine Besonderheit des Pferdestalls inmitten der Bündner Alpen: Im Sommer dürfen zehn Pferde aus der Herde auf die Alp Praveder. Es sind die, die am besten auf den Beinen sind. «Dort oben sind die Tiere nicht sich selbst überlassen.» Mindestens zweimal die Woche schaut Caratsch selbst nach ihnen. Manchmal fährt eine Pensionärin rauf und dann ist noch der Hirte, der täglich ein Auge auf die Pferde hält.

Im Fall der Fälle ist Caratsch dem Grossrettungsdienst angeschlossen. Jedes Pferd ist versichert. Ab und zu werde ein Bär oder ein Wolf in der Nähe der Herde gesichtet – passiert sei noch nie etwas. 

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