21.01.2017 06:08
Quelle: schweizerbauer.ch - Interview: Anja Tschannen
Pferdehaltung
«Man muss mit Frauen umgehen können»
Iris Bachmann ist stellvertretende Forschungsgruppenleiterin des Schweizer Nationalgestüts von Agroscope und arbeitet für die Beratungsstelle Pferd. Sie zeigt auf, wie sich die Pensionspferdehaltung entwickelt.

«Schweizer Bauer»: Wie viele Pensionspferde stehen auf Schweizer Landwirtschaftsbetrieben?
Iris Bachmann: Wir wissen aus den aktuellsten Zahlen, dass es in der Schweiz 18'047 Pferdehaltungen gibt. Bei 10'859 davon handelt es sich um Landwirtschaftsbetriebe. Diese halten mit 75'151 Equiden (55'479 Pferde und 19'672 andere Equiden) 72% des Gesamtbestandes. Die Datenstruktur erlaubt leider keine Differenzierung in Pensionspferde und Pferde in eigenem Besitz der Landwirte.

Wie hat sich die Pensionspferdehaltung auf Schweizer Landwirtschaftsbetrieben in den letzten Jahren entwickelt?
Im Gegensatz zur Entwicklung der Gesamtpopulation (+1.05%) stellen wir einen leichten Rückgang in der landwirtschaftlichen Pferdehaltung fest. Hierbei spielen die rückläufige Zucht (–19.4%) sowie die Zunahme der Hobbyhaltung bei Privaten eine Rolle. Als für die landwirtschaftliche Pferdehaltung wichtigen Parameter sehe ich den stetigen Anstieg des Durchschnittalters der Gesamtpopulation. Dies erklärt warum immer mehr  alte Pferde (Altersweiden) in der Landwirtschaft zu finden sind.

Wieso stehen so viele Pferde auf Schweizer Landwirtschaftsbetrieben?
Der Pensionspreis ist strukturbedingt meistens günstiger als in klassischen Reitställen. Gruppenhaltung, grosse Weiden und Reitgebiete in der Natur sind weitere Argumente, die für die landwirtschaftliche Pensionspferdehaltung sprechen.

Hat es noch Potenzial für weitere Pensionsangebote?
Die Zahl der auf Landwirtschaftsbetrieben gehaltenen Pferde wird nicht zuletzt wegen gewisser Erleichterungen im Raumplanungsgesetz seit dessen Revision 2014 bei andauerndem Trend in den kommenden Jahren weiterhin leicht steigen, dürfte sich aber mehr und mehr plafonieren. Aufgrund des zu erwartenden hohen Konkurrenzdruckes ist längerfristig eher mit weniger, aber spezialisierten und grösseren Pensionsställen zu rechnen.  

Welche Voraussetzungen muss ein Landwirtschaftsbetrieb von Seiten des Raumplanungsgesetzes mitbringen, um Pensionspferdehaltung anbieten zu können?
Bäuerliche Pferdehalter, die den Status eines landwirtschaftlichen Gewerbes erreichen, können zonenkonform Pensionspferde halten und die dafür notwendige Infrastruktur wie Pferdeställe, Allwetterausläufe, Reitplatz von bis zu 800 Quadratmeter oder Longierzirkel erstellen. Die Anzahl zulässiger Pferde wird nur durch das Vorhandensein von Weiden und einer überwiegend betriebseigenen Futtergrundlage beschränkt.

Sogar die vollständige Umstellung auf Pensionspferdehaltung ist möglich, solange die Schwelle zum landwirtschaftlichen Gewerbe nicht unterschritten wird. Die Anforderung an ein landwirtschaftliches Gewerbe ist in der Regel ein gesamtbetrieblicher Arbeitsaufwand von einer Standardarbeitskraft (SAK). Die Kantone haben aber die Möglichkeit, diese Schwelle bis auf 0,6 SAK zu senken. Zur Berechnung der vorhandenen Standardarbeitskräfte dürfen die Pferde angerechnet werden. Das heisst, der Betrieb muss nicht wie früher auch ohne die Pensionspferde die Anforderungen an ein landwirtschaftliches Gewerbe erfüllen.

Welche Voraussetzungen müssen seitens der Ausbildungspflicht erfüllt werden?
Die im Jahr 2008 mit der Revision der Tierschutzverordnung eingeführte Ausbildungspflicht für Personen, die Haustiere halten oder betreuen, ist bereits mit dem Nachweis einer praktischen Tätigkeit auf einem Landwirtschaftsbetrieb während mindestens 3 Jahren erfüllt und stellt rein rechtlich somit keine zusätzliche Anforderung dar. Eine landwirtschaftliche Ausbildung entbindet den Betriebsleiter in jedem Fall vom Nachweis einer weiteren, in diesem Fall pferdespezifischen
Ausbildung.

Welche Voraussetzungen muss der Landwirt  für die Pensionspferdehaltung mitbringen?
Die wichtigste Voraussetzung ist, dass man gut mit Menschen, vor allem mit Frauen, umgehen kann. Daneben sollte man natürlich Pferde lieben, sehr gute Pferdekenntnisse (Theorie & Praxis) haben und genügend professionelle Distanz zu den Kunden wahren können.

Wo und wie kann man als Landwirt sein Wissen über Pferde vertiefen?
Es gibt mehrere Kursangebote, um die Kenntnisse zu vertiefen. Zum Beispiel der Sachkundenachweis für Pferde, den Equigarde (siehe Kasten) oder den Equiday. Auch Landwirtschaftsschulen organisieren Weiterbildungstage und Kurse wie den Strickhof Pensionspferdetag und den Liebegger Pferdetag. 

Was sind Erfolgseigenschaften damit der Pensionsbetrieb gut läuft? 
Zufriedenheit der Kunden und realistische Preise.

Mit welchen Problemen und  Fragen melden sich  Landwirte häufig bei der Beratungsstelle Pferd?
Mit Fragen bezüglich der Raumplanung, um Gebäude umzunutzen oder Infrastruktur aufzubauen. Mit rechtlichen Fragen in Verbindung mit Konflikten, wenn Kunden fortgehen (oftmals gibt es keine schriftlichen Verträge, oder sie sind nicht genügend klar formuliert). Und mit Fragen zur Umstellung von Einzelhaltung zu Gruppenhaltung.

Wie hat sich die Haltung der Pferde in den letzten Jahren verändert?
Es gibt eine Kategorie von Pferdehaltern, die versucht,  die Haltung stärker den Bedürfnissen der Tiere anzupassen. Also mit Raufutterverfügbarkeit bis ad libitum, Sozialkontakt, Bewegungsfreiheit. Viele Pferdebesitzer reiten relativ wenig und wünschen, dass ihr Pferd viel raus kann auf die Weide oder  den Paddock. Es gibt ganz klar auch eine steigende Anfrage für Gruppenhaltungen.

Welche Herausforderungen kommen in Zukunft auf den Pensionspferdehalter zu, und wie kann er diese meistern?
Das mehr und mehr entstehende Überangebot an Einstellplätzen wird zu einem hohen Konkurrenzdruck führen. Die Kundschaft ist durch den Trend zu «lebenslangem Lernen» immer besser ausgebildet und stellt hohe Ansprüche. Ihre Sensibilität bezüglich Wohlbefinden der Pferde steigt, ihre Wünsche an das Infrastrukturangebot eines Pensionsstalles ebenfalls. Entscheidend für den Erfolg oder Misserfolg des Betriebszweiges Pensionspferdehaltung in einem  sehr herausfordernden Markt mit engem Kontakt zu einer anspruchsvollen Kundschaft dürften das vorhandene Fachwissen und die Erfahrung des Pensionsgebers sein.

Equigarde

Um in einem Umfeld mit grossem Konkurrenzdruck, steigenden Erwartungen von Kunden sowie zahlreichen gesetzlichen Anforderungen erfolgreich zu sein, tun Pensionspferdehaltende gut daran, in sämtlichen relevanten Bereichen auf dem aktuellen Stand des Wissens zu sein und sich mit einem entsprechenden Zertifikat auch von anderen abzuheben. Der 19-tägige Lehrgang Equigarde® des Schweizer Nationalgestüts in Avenches und der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (Hafl) hat sich während über einem Jahrzehnt bewährt und ist der schweizweit einzige Kurs, welcher in sämtlichen Bereichen nur über hoch spezialisiertes erfahrenes Lehrpersonal verfügt mit einem direkten Bezug sowohl zur Pferdepraxis als auch zur Forschung. Informationen zum Lehrgang Equigarde® unter www.harasnational.ch oder www.hafl.bfh.ch.  ats

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