28.09.2017 15:06
Quelle: schweizerbauer.ch - Eveline Dudda, lid
Pferde
Mit Abstand beste Kuh im Stall
Die Pferdehaltung boomt. Davon können vor allem Bauern in dicht besiedelten Gebieten profitieren, in ländlichen Kantonen ist die bäuerliche Pensionspferdehaltung dagegen eher rückläufig.

In der Schweiz wird immer mehr gewiehert. Das liegt nicht am Amtsschimmel, sondern an der steigenden Anzahl Pferde. Jahr für Jahr nehmen die Bestände um rund zwei Prozent zu. Dabei leben längst nicht alle Pferde auf einem Bauernhof. Von den rund 110'000 Equiden in der Schweiz befindet sich nur etwa jedes zweite Tier auf einem landwirtschaftlichen Betrieb, nur rund jeder fünfte Hof hält überhaupt Pferde.

Dabei sind die kantonalen Unterschiede gross: Am meisten pferdehaltende Landwirtschaftsbetriebe gibt es traditionell im Jura. Hier haben 44 Prozent aller direktzahlungsberechtigten Betriebe Pferde im Stall. Im Kanton Uri setzen dagegen nur 5 Prozent der Bauernhöfe auf die Reittiere.

Kanton Jura mit weniger Pferden

Das hat nicht nur mit Tradition zu tun, sondern liegt zu einem grossen Teil an der Topografie: Die steilen Flächen im Kanton Uri sind für die Pensionspferdehaltung weniger gut geeignet. Dazu kommt, dass die meisten Pferdebesitzer ihr Pferd in der Nähe haben wollen, damit sie nicht erst stundenlang anreisen müssen, bis sie endlich reiten können.

Dass in den dichter besiedelten Kantonen wie Zürich und Bern, aber auch in der Waadt, die Anzahl Equiden auf Landwirtschaftsbetrieben in den letzten Jahren zugenommen hat, dürfte damit zusammenhängen. Im Kanton Jura ist die Anzahl Pferde im gleichen Zeitraum dagegen gesunken.

Anzahl pferdehaltender Betriebe nimmt ab

Es ist kein Geheimnis, dass sich mit Pensionspferden wesentlich mehr Geld verdienen lässt als mit der Produktion von Industriemilch. Trotzdem stellen die Bauern nicht massenweise von Milch auf Pensionspferdehaltung um. Im Gegenteil: Die Anzahl pferdehaltender Betriebe hat in den letzten Jahren sogar abgenommen.

Dafür findet eine Art Spezialisierung statt: Die pferdehaltenden Betriebe erhöhen ihren Tierbestand. Das hat mehrere Gründe: Zum einen sind die Investitionen in die Pferdehaltung nicht zu unterschätzen. Heute reicht es oft nicht mehr aus nur Pferdeboxen zur Verfügung zu stellen, es werden auch Allwetterplätze oder Reithallen gewünscht. Ausserdem ist das nötige Knowhow nicht zu unterschätzen, ein Pferd braucht eine andere Pflege als eine Kuh.

Viele Sonderwünsche

Vor allem aber sind die Ansprüche der Kundschaft gross. „In der Regel sind nicht die Pferde das Problem“, erzählt ein Pensionspferdehalter, „sondern ihre Besitzerinnen.“ Das Pferd hat bei ihnen oft einen hohen Stellenwert, es ist quasi ihr Ein und Alles. „Sonderwünsche sind an der Tagesordnung und man muss zu jeder Tages- und Nachtzeit bei Fuss stehen, um diese zu erfüllen.“

Doch was den Reiterinnen lieb ist, ist ihnen auch etwas wert. Sie sind bereit, je nach Infrastruktur und Dienstleistungsangebot im Monat zwischen 300 und 1'300 Franken für einen Platz in der Pferdepension auszugeben. „Das Pferd ist mit Abstand die beste Kuh im Stall“, sagt der Mann, der seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen will.

Vom Nutztier zum Freizeitpferd

Inzwischen leben fast so viele Pferde in der Schweiz wie Mutterkühe. Wie Mutterkühe fressen auch Pferde viel Gras, pro Pferd wird im Talgebiet etwa ein halber Hektar Grünland benötigt. In der Bergregion ist es noch etwas mehr, da das Gras dort nicht so schnell nachwächst. Das bedeutet, dass derzeit schätzungsweise fast 60'000 Hektaren Grünland an Equiden verfüttert werden. Das ist so viel wie die gesamte Landwirtschaftliche Nutzfläche des Kantons Aargau und es entspricht fast einem Zehntel der Dauergrünlandfläche der gesamten Schweiz.

Zur Ernährungssicherheit tragen diese Pferde aber viel weniger bei, im Gegensatz zu den Mutterkühen werden viele von ihnen am Lebensende verbrannt. 2014 wurden 2'800 Equiden nicht nur gefüttert, sondern auch geschlachtet. Letztes Jahr landeten nur noch 2'400 Equiden auf der Schlachtbank, während 2'000 Tiere euthanisiert und verbrannt wurden.

Pferdefleischkonsum sinkt

In der Tierverkehrsdatenbank muss jeweils deklariert werden, ob es sich um ein Nutz- oder ein Heimtier handelt. Bei Heimtieren entfällt die Pflicht, bei medizinischen Behandlungen ein Behandlungsjournal zu fu¨hren. Deshalb könnten sich Rückstände im Fleisch befinden, die für den menschlichen Verzehr nicht geeignet sind.

Heimtiere dürfen folglich nicht in die Lebensmittelkette gelangen. Inzwischen sind 43% aller Equiden als Heimtiere registriert - 2012 waren es noch 38%. Dass der Selbstversorgungsgrad mit inländischem Pferdefleisch trotzdem von acht (2012) auf fast zehn Prozent (2016) gestiegen ist, liegt am sinkenden Pferdefleischkonsum. Statt 670 Gramm werden pro Kopf und Jahr nicht einmal mehr 400 Gramm konsumiert.

Pferde wieder vermehrt an Kutschen

Der Umgang mit dem Pferd hat sich gewandelt. Im Gegensatz zu früher werden heute sehr viele Pferde zu wenig bewegt, wie der Schweizer Tierschutz immer wieder bemängelt. In den letzten Jahren hat jedoch das Interesse am Pferd als Arbeitstier wieder zugenommen, als Zugkraft für Kutschen werden sie ebenfalls gerne gesehen.

Auch für therapeutische Zwecke werden Pferde wie Esel vermehrt eingesetzt. In der Schweiz gibt es mittlerweile zahlreiche Betriebe, welche die sogenannte „Hippotherapie“ anbieten. Auch das ist schliesslich eine Form der Nutztierhaltung – wenn auch anders als früher.

Equiden

Seit dem 1. Januar 2011 müssen alle Equiden bei der Tierverkehrsdatenbank TVD registriert werden, sie erhalten einen Pferdepass. Nach dem 1. Januar 2011 geborene Fohlen müssen zudem per Mikrochip identifiziert werden. Die Registrierungspflicht gilt für alle Equiden – neben Pferden sind dies auch Ponys, Esel, Maulesel und Maultiere. Ende letztes Jahr lebten 110'000 Equiden in der Schweiz, darunter 100'000 Pferde und Ponys und knapp 10'000 Esel. Maulesel waren mit 50 Tieren und Maultiere mit 450 Exemplaren eine Minderheit. Zum Vergleich: In der Schweiz gibt es rund 575'000 Milchkühe und 124'000 Mutterkühe.


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