7.01.2018 18:13
Quelle: schweizerbauer.ch - ats
Pferde
«Ökoheu ist kein Pferdefutter»
Pferdefütterung und Ökoheu werden oft in einem Satz genannt. Roland Engeler, Fütterungsspezialist, greift auf über 38 Jahre Praxiserfahrung zurück und erklärt im Interview, was anstelle von Ökoheu in die Futterraufe gehört. Interview

«Schweizer Bauer»: Pferdefütterung und Ökoheu werden oft in einem Satz genannt, was halten Sie davon?

Roland Engeler:
Nicht viel. Ökoflächen wurden 1992 durch einen politischen Entscheid ins Leben gerufen, und das Heu daraus ist fälschlicherweise als ideales Pferdefutter deklariert worden. Dies aus gutem Grund, weil der Bauer für seine Viehbestände dieses energiearme Heu nicht als Leistungsfutter einsetzen kann. Wird Ökoheu idealerweise ab dem 15. Juni geschnitten und bei guter Witterung getrocknet, kann dies als Futterqualität akzeptiert werden. Die Schlechtwetter-Lage im Juni zwingt die Bauern oft, besseres Wetter abzuwarten. Dann werden Ökoflächen erst im Juli geschnitten und das Futter ist «überständig».

Weshalb ist es nicht gut, überständiges Heu zu füttern?

Häufig ist der Unterwuchs bereits stehend angefault. Im Stängel haben sich durch den Fäulnisprozess Pilzsporen und andere schädliche Mikroorganismen angesiedelt, die das gute Darmmilieu der Pferde schädigen und die Atemwege angreifen können.

An welche Tierart soll das Ökoheu verfüttert werden?

Im Juli geschnittenes, bereits angefaultes Ökoheu sollte weder an Pferde noch an andere Tiere verfüttert, sondern kompostiert oder als Einstreu verwendet werden.

Bedeutet das, dass Pferde mit ganz normalem Heu gefüttert werden sollen?

Was heisst normal? Heu wird von den Bauern mit unterschiedlichen Samenmischungen produziert, um optimale Energiegehalte zu erhalten. Mit diesem Grundfutter müssen Kühe viel Milch oder Mastrassen viel Fleisch produzieren. Viele Heuanalysen belegen, dass die Energiewerte von Heu sehr unterschiedlich sind.

Je nach Grassamenmischung, Bodenbeschaffenheit und Düngung schwanken die Zucker- und Fruktangehalte im Heu zwischen 100 bis 220 Gramm pro Kilogramm. Die teilweise sehr hohen Zuckergehalte im Heu sind aber ein grosses Problem für die Pferdegesundheit.

Was für Auswirkungen haben sie?

Verfüttert man Heu mit hohen Zuckergehalten ad libitum oder in Tagesmengen von 12 bis 16 Kilogramm, ist das für unsere Pferde Gift und macht sie krank. Die Pferde werden fett, massiv übergewichtig und oft schon im Alter von 12 bis 15 Jahren zuckerkrank. Ausserdem weiss man heute, dass nicht ein hoher Eiweiss-, sondern ein hoher Fruktangehalt für die gefürchtete Hufrehe verantwortlich ist.

Was schlagen Sie also vor?

Wir müssen einen Pferdeheu-Standard erarbeiten, der nebst gutem Eiweissgehalt, tiefe Zucker- und Fruktangehalte hervorbringt. Die Heu-Produzenten sind gefordert, und auch die Fütterungsverantwortlichen und die künftigen Pferde-Fachkräfte an den landwirtschaftlichen Schulen  müssen über solche Zusammenhänge aufgeklärt werden.

Wie sieht das ideale Pferdeheu aus?

Es hat einen Zucker- und Fruktangehalt zwischen 100 bis 130 Gramm pro Kilogramm Heu. Dabei sollte der Anteil an Fruktanen nicht mehr als 55% des Zuckerwertes ausmachen. Der Eiweissgehalt ist ebenfalls wichtig, denn das Eiweiss ist elementar für die Zellregeneration und den Muskelaufbau. Der Gehalt des dünndarmverdaulichen Eiweisses soll bei 50 bis 60 Gramm pro Kilogramm Heu liegen.

Können Pferde nur mit Heu ernährt werden?

Nein, diese irrtümliche Meinung wird leider in unserer Neuzeit stark verbreitet. Als Ausnahme können damit Pferde ernährt werden, die ausschliesslich auf guten Weiden gehalten werden und die keine Arbeitsleistung erbringen müssen.

Wieso reicht eine reine Heufütterung nicht aus?

Vor allem in der Winterfütterung kann über die reine Heuabgabe nicht der ganze Bedarf an Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen abgedeckt werden. Unsere Raufutterbestände der letzten 20 Jahre sind einem deutlichen Verlust an Vitalstoffen ausgesetzt.

Für die Freizeitreiterei sowie die Sport- und Zuchtbedürfnisse muss eine fachtechnisch gut überlegte Ergänzungsfütterung angewendet werden, um gute Selbstheilungskräfte und die Langzeit-Gesundheit unterstützen zu können.

Für die individuelle Ergänzungsfütterung bieten sich «niederglykämische (stark zuckerreduzierte) Mischfutter» bis hin zum hydrothermisch aufgeschlossenen (leichtverdaulich gemachten) Sportmischfutter für jedes Bedürfnis an. Möchte jemand nur mit Heu, Stroh und Einzelkomponenten füttern, empfehlen wir zwingend den täglichen Einsatz eines Multivitamin- und Mineralstoffkonzentrates.

 

 

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