6.08.2018 09:46
Quelle: schweizerbauer.ch - ats
Stallwettbewerb (4/6)
Teddybären senken Verletzungsrisiko
Die Nachfrage für einen Altersplatz in Vicky Baumanns «Petit Paradis» in Puidoux VD für pensionierte Sport- und Freizeitpferde ist gross. Die Kunden müssen eine spezielle Vertragsklausel unterschreiben, und der Stall ist voller Teddybären.

Zwei grosse Hallen und acht Hektaren Weidefläche stehen den fünfzehn rüstigen Rentnern von Vicky Baumann zur Verfügung. Gehalten werden sie in zwei getrennten Gruppen. «Wichtig ist, dass die Pferde ihren Platz finden und sich in ihrer Gruppe wohlfühlen», so Baumann. Kommt ein neues Pferd dazu, wird es zuerst in der Integrationsbox mit einem ruhigen und verträglichen Pferd aus der bestehenden Pferdegruppe bekannt gemacht und später gemeinsam mit dem neuen Kollegen während den Fressenszeiten  in die Gruppe gebracht.

Keine Neuen im Winter

Baumann nimmt prinzipiell von Oktober bis April keine Neuzugänge bei sich auf. «Erstens wäre die Umstellung für Pferde, die vorher eingedeckt waren, zu hart, weil sie kein Winterfell haben und bei mir kein Pferd eine Decke trägt. Zweitens ist die Integration einfacher, wenn die Bodenverhältnisse gut sind und viel Weidefläche zur Verfügung steht», erklärt die gelernte Tierärztin. Während im Winter eine Koppel zur Verfügung steht, wird im Sommer zwischen den acht angrenzenden Weiden rotiert.

Die Pferde haben Tag und Nacht Weidezugang, suchen tagsüber jedoch meist den Stall auf, wo sie stets frisch eingestreutes Stroh vorfinden. Im Sommer wird dreimal täglich Heu gefüttert. Im Winter steht es ad libitum zur Verfügung. Kraftfutter gibt es einmal pro Tag. Sollten sich die Pferde zur Fütterungszeit einmal draussen befinden, so läutet Baumann mit einer Glocke. «Ich habe sie darauf konditioniert», schmunzelt sie.

Geschäftspartner Bauer

Mit dem Kraftfutter werden zahlreiche Pülverchen und wenn nötig Medikamente verabreicht. «Die meisten Pferde hier stammen aus dem Sport, manche liefen auf Olympianiveau», erzählt Baumann. «Die meisten haben irgendwo ein gesundheitliches Problem», fährt sie fort. Um weiteren Problemen durch Verletzungen vorzubeugen, befinden sich zahlreiche Teddybären im Pferdestall. Angebracht sind sie an heiklen Stellen wie Ecken. Sie verhindern einerseits Schürfungen, dienen andererseits als Massage- und Kratzbürsten. «Die Pferde mögen ihre Teddybären», berichtet sie lachend.

Die Idee, einen Pensionsstall für alte Pferde zu eröffnen, habe sie immer schon gehabt. Doch der Betrieb fehlte. In Landwirt Olivier Jossevel hat sie 2012 einen Geschäftspartner gefunden. Gemeinsam haben sie die beiden Hallen, in denen zuvor Milchvieh gehalten wurde in zwei grosszügige  Auslaufställe umgebaut. Im 2013 konnte Baumann mit der Eröffnung von «Le Petit Paradis Puidoux» ihren Traum realisieren. Die Arbeitsteilung ist klar geregelt. Jossevel kümmert sich um die Produktion des betriebseigenen Heus und Stroh für die Pferde und um die Verwertung des Mistes. Baumann übernimmt die Administration, die täglichen Arbeiten im Stall und die Pferdepflege.

Vertrag unterschreiben

Nicht nur in der Zusammenarbeit herrscht eine klare Linie, auch zwischen Pensionstall und Kunden werden wichtige Punkte von Anfang an geregelt. So muss jeder Pensionär eine spezielle Klausel unterschreiben, welche Baumann im Falle eines Falles dazu ermächtigt zu entscheiden, ob ein Pferd erlöst werden soll. «Wenn ein Pferd in einer Situation ist, in der meine Vertrauenstierärzte und ich nichts mehr tun können und wir den Besitzer dann nicht telefonisch erreichen, muss eine Entscheidung zum Wohle des Tieres gefällt werden können», so Baumann.

Das Wohl ihrer Schützlinge steht für sie sowieso an erster Stelle. Deshalb sagt sie auch ganz klar: Wenn jemand Pferde halten will, dann braucht es viel Leidenschaft, aber noch wichtiger  Professionalität und Fachwissen. «Es stört mich, dass manche Landwirte nur Pferde einstellen, um einen regelmässigen Zusatzverdienst zu haben», sagt Baumann.

Lange Warteliste

«Wenn ein Pferd irgendein Problem hat, und das haben ältere Pferde häufiger, dann muss man das erkennen können.» Die Körpersprache und das Verhalten von Pferden und Kühen seien sehr verschieden. «Es wäre gut, wenn von Neueinsteigern neben dem Equigard-Kurs zusätzliche Praktika auf professionellen Betrieben gemacht würden», betont Baumann.

Dass sich Professionalität, gepaart mit Liebe und Leidenschaft für den Partner Pferd auszahlt, bestätigt Baumanns Warteliste für einen Platz in ihrem «Petit Paradis». Sie ist länger, als überhaupt verfügbare Plätze bestehen.

Betriebsspiegel

Betriebsleiter:  Vicky-Eileen Baumann, Olivier Jossevel
Standort: Puidoux VD
LN: 30 ha
Anzahl Pferde: 15
Betriebszweige: Altersweide, Mutterkühe, Acker- und Futterbau.
Arbeitskräfte:  Vicky-Eileen Baumann, Olivier Jossevel
Haltungsform: Gruppen-Auslaufhaltung in Kleingruppen
Pensionspreis: 450  Fr./M.
Dienstleistung: Misten, Füttern (inklusiv einmal täglich Kraftfutter), Verabreichen von Medikamenten und Behandlung kleiner Verletzungen, Weide, Organisation von Hufschmied, selektives Entwurmen (sammeln von Kotproben), Zahnarzt und Impfungen. Organisation Sterbehilfe der Pferde. ats


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