13.04.2020 12:02
Quelle: schweizerbauer.ch - Interview: Anja Tschannen
Betriebsführung
Über 130 Pferde versorgen
Salome Wägeli ist die Betriebsleiterin des Nationalen Pferdezentrums in Bern (NPZ). Der Betriebsalltag wurde aufgrund der Coronakrise kurzfristig umstrukturiert. Jeder muss mit anpacken, um die 130 Pferde zu versorgen.

«Schweizer Bauer»: Inwiefern ist das NPZ von der Coronakrise betroffen?
Salome Wägeli: Das NPZ hat zwischen 50 bis 60 Prozent Umsatzeinbussen, weil alle Veranstaltungen wie Theoriekurse und Reitkurse sowie die ganze Reitschule abgesagt beziehungsweise geschlossen werden mussten. Das NPZ hat zum Glück noch Einnahmen durch den Leistungsauftrag des VBS für die Armeepferde, durch den Veterinärdienst, durch den Hufschmiededienst und durch die Pensionspferde.

Wie organisiert sich das NPZ ?
Derzeit sind 42 Mitarbeiter, aufgeteilt auf drei Gruppen, für derzeit über 130 Pferde verantwortlich. Das Büro des NPZ wird komplett im Home-Office betrieben. Unsere Mitarbeiter sind in drei Gruppen aufgeteilt, um sich um die Stallarbeit und die Bewegung der Pferde zu kümmern. Die drei Gruppen haben untereinander keinen Kontakt. Eine Gruppe arbeitet während zwei Tagen und hat dann vier Tage frei. Der Arbeitsablauf im NPZ ist im Moment ganz anders als sonst. Jeder hilft am Morgen zuerst beim Misten mit, dann werden vom Morgen bis zum Abend Pferde bewegt. In den zwei Arbeitstagen geben alle Vollgas, jeder im Team hilft überall mit und ist voll im Einsatz. Die zwei Arbeitstage sind sehr streng. Aber über die gesamte Arbeitszeit gesehen wird plus/minus im 50-Prozent-Pensum gearbeitet. Jeder arbeitet auf die Gesamtarbeitszeit gesehen weniger. Deshalb haben wir letzte Woche auch Kurzarbeit angemeldet. Wir machen uns keine Sorgen, wir könnten nicht überleben, aber wir müssen schauen, dass wir liquide bleiben und ökonomisch denken sowie handeln – vor allem, weil noch niemand sagen kann, wie lange die derzeitigen Einschränkungen dauern werden. 

Wie ist der Umgang mit den Pferdebesitzern, die Pferde zur Ausbildung oder Behandlung im Nationalen Pferdezentrum  haben, organisiert?
Ausbildung: Die Pferdebesitzer dürfen einen Termin mit der Verantwortlichen der Pferdeausbildung vereinbaren, und das Pferd wird dann unter dem Sattel vorgestellt in der Reithalle oder draussen – das Zuschauen von der Tribüne aus ist gestattet, das Betreten der Stallungen verboten.
Behandlung: Die Besitzer liefern in der Kuranstalt das Pferd an und übergeben es dann einer Mitarbeiterin – das Betreten der Behandlungshallen ist verboten. Bei Behandlungen draussen muss der Mindestabstand von 2m gewährleistet sein. Bei Behandlungen draussen kommen unsere TPAs und Lehrlinge zum Einsatz, bei Behandlungen, die der Tierarzt nicht alleine durchführen kann, begleitet ihn eine TPA/Lehrling. Dadurch wird der Besitzer nicht hinzugezogen, und auch hier können die 2m Abstand garantiert werden. Beim Hufbeschlag ebenso – wir beschlagen auch auswärts, aber nur mit eigenem Aufheber. 

Dürfen Pensionäre noch zu ihrem Pferd gehen, reiten oder Anlagen benutzen?
Solange es das Gesetz erlaubt, werden wir den Pensionären den Zugang zu ihren Pferden ermöglichen. Zum Glück haben wir eine grosse Anlage, und durch die Absage der Kurse und Veranstaltungen gibt es trotz der vielen Pferde genügend Platz, um sich aus dem Weg gehen zu können. Auch unsere Pensionäre machen gut mit und geben ihr Bestes, damit die Mindestabstände eingehalten werden. Die jüngere Generation muss zwischendurch daran erinnert werden. Aber so langsam gewöhnen sich alle an die neue Situation. Wenn sich die Situation noch verschärfen sollte, werden wir Zeitfenster für die Pensionäre einrichten – damit nicht zu viele Leute gleichzeitig im Pensionärsbereich sowie auf dem Betrieb sind. Momentan, vor allem auch bei dem Wetter, bei dem man gut draussen reiten kann, haben wir aber noch keinerlei Platzprobleme. Die Pensionäre geben sich extrem Mühe, ihnen ist bewusst, dass es ein Privileg ist, noch zu ihren Pferden gehen zu können, und das wollen sie nicht aufs Spiel setzen.

Dürfen fremde Personen noch auf das Gelände des Nationalen Pferdezentrums und Pferde anschauen kommen?
Nein, wobei es ist schwierig, ein solch grosses Gelände wie das NPZ vollständig abzuriegeln. Wir haben überall Schilder aufgestellt, mit der Aufschrift, dass der Zutritt für Besucher derzeit verboten sei. Zugang zu den Stallungen sollte derweil gar niemand erhalten. Dazu kann man sagen, dass nur gerade in den ersten zwei Tagen nach dem Ausruf des Notrechtes noch fremde Leute hier unterwegs waren. Jetzt ist es sehr still auf dem Gelände, nur noch unsere Mitarbeiter und die Pensionäre sind anzutreffen. 

Steht es zur Diskussion, dass Pensionäre nicht mehr ins NPZ kommen können?
Für die NPZ-Leitung nicht – solange die Pensionäre dies gesetzlich dürfen, werden wir es so organisieren, dass die Pensionäre zu ihren Pferden dürfen. Einerseits ist uns dies ein grosses Anliegen aus tierschutzrechtlichen Gründen, aber auch, weil uns bewusst ist, wie wichtig die Pferde und das Reiten in einer solchen Zeit sein können. Für viele ist es der einzige Moment am Tag, wo sie alle anderen Sorgen vergessen können. Aus unserer Sicht ist das durchaus auch wertvoll für die Gesundheit. Wir diskutieren jedoch, was passieren würde, wenn es zu einer Ausgangssperre kommen würde, was nicht einmal mehr Pferdebesitzern erlauben würde, zu den Pferden gehen zu können. Das würde für viele Betriebe eine sehr grosse Belastung werden und das Gefahrenpotenzial erhöhen. Wir würden natürlich dafür sorgen, dass die Pferde ausreichend Bewegung erhalten würden. Zum Glück haben wir auch eine Führmaschine, wetterfeste Paddocks und ein Laufband. Ich hoffe jedoch sehr, dass es nie so weit kommen wird. 

Sie haben das Gefahrenpotenzial angesprochen, können Sie das noch etwas ausführen?
Derzeit ist das Wichtigste, jegliche Unfälle zu vermeiden, um das Gesundheitssystem nicht noch weiter zu belasten. Beim Umgang mit und Bewegen der Pferde spielt jedoch immer ein gewisses Gefahrenpotenzial mit. So würde zum Beispiel das Unfallrisiko noch weiter steigen, wenn alle Pensionsstallbetreiber auch noch zusätzlich die Pensionspferde bewegen müssten. Das Gefahrenpotenzial im Allgemeinen steigt, wenn Reitschüler nicht mehr unter der Aufsicht eines Reitlehrers reiten oder Pferd und Reiter alleine draussen unterwegs sind – obwohl sich beide dies vielleicht nicht gewohnt sind oder das reiterliche Niveau noch nicht vorhanden ist. Ich finde, beaufsichtigtes Reiten ist sehr wichtig. Der Sicherheitsaspekt kann im Moment zu einem Problem werden. Dies ist übrigens auch der Grund, weshalb wir die dreijährigen VBS-Pferde bereits jetzt auf die Weide im Jura gebracht haben – unter den gegebenen Umständen werden bei uns keine Pferde eingeritten. Unfälle müssen jetzt unbedingt vermieden werden, um einerseits das Privileg – noch mit dem eigenen Pferd unterwegs sein zu dürfen – nicht aufs Spiel zu setzen und andererseits Spitäler nicht zu belasten. Jeder Reiter sollte sich deshalb ganz besonders jetzt genau überlegen, was er mit seinem Pferd macht und was besser nicht.

Beenden Sie die Sätze …
Corona ist …
eine Herausforderung für die ganze Gesellschaft – weltweit. 

Die Corona-Krise ist … derzeit schwierig zu erfassen, und die Auswirkungen für die Gesellschaft und für die Wirtschaft, insbesondere für die Pferdebranche, können noch nicht abgeschätzt werden. 

Landwirtschaft ist … unser Fels in der Brandung. 

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