29.04.2018 06:03
Quelle: schweizerbauer.ch - Interview: Anja Tschannen
Pferdehaltung
«Viele Pferde stehen 23 Stunden in der Boxe»
Sandra Schaefler arbeitet bei der Fachstelle Heimtiere und Pferde des Schweizer Tierschutzes (STS). Im Interview erklärt sie, wie es zur kürzlich lancierten Kampagne «Lasst die Pferde raus» gekommen ist.

«Schweizer Bauer»: Was hat Sie dazu veranlasst, diese Kampagne zu starten?
Sandra Schaefler: Die Mehrheit aller Pferde steht noch heute 21 bis 23 Stunden am Tag alleine in ihrer Boxe und erhält nicht mehr als zweimal zwei Stunden pro Woche freie Bewegung und dies alleine auf einer minimalen Fläche.

Was genau fordert die Kampagne?
Wir möchten, dass Hofbesitzer den eingestallten Pferden mindestens 26 Mal im Monat, egal in welcher Jahreszeit, einen mehrstündigen Auslauf in der Gruppe gewähren, in der Vegetationsperiode Weidegang. Denn Pferde haben ein Bedürfnis nach freier Bewegung und nach Sozialkontakt. Diese Bedürfnisse werden durch die Mindestvorgaben der Tierschutzverordnung nicht erfüllt.

Eine kürzlich publizierte Studie zeigt, dass die Boxenhaltung in den letzten zwanzig Jahren markant abgenommen hat und dass Gruppenhaltungen zunehmen. Was sagen Sie dazu?
Der Trend zur Gruppenauslaufhaltung ist erfreulich. Wir sind froh über die Erfassungen dieser Studie. Zu beachten ist aber, dass die Beantwortung des Fragebogens auf freiwilliger Basis geschah und dass es wahrscheinlich ist, dass  eher Betriebe teilnahmen, die sich ihrer vorbildlicheren Haltung bewusst sind und die darauf stolz sind. Der mögliche «Bias» liegt dann aber in den effektiven Zahlen und nicht auf dem angegebenen Zuwachs. Weiterhin ist mehr als die Hälfte der Pferde in Einzelboxen. Darauf deutet auch die BTS-Beteiligung von Pferden auf Bauernbetrieben  hin, die bei weiblichen Tieren etwas über 40% ausmacht, bei männlichen Tieren über ein Jahr 31%.

Welche Pferde sind besonders von der Einzelhaltung in Boxen betroffen?
Die Mehrheit der Sportpferde steht bis zu 23 Stunden am Tag in der Boxe. Man fürchtet, dass sich die oftmals sehr wertvollen Pferde verletzen könnten. Und dann sind meist sehr viele Sportpferde in einem Stall eingemietet, und es fehlt an grösseren Auslaufflächen. Ein schweres Los haben zudem auch etliche Reitschulpferde gezogen. Beim Auslaufmanagement gehen die Pensionspferde vor, da man dafür zusätzliche Kosten einfordern kann.

Wo stehen solche Pferde? Auch auf landwirtschaftlichen Betrieben?
Diese Pferde stehen meist auf nichtlandwirtschaftlichen Betrieben. Auf landwirtschaftlichen Betrieben hat man üblicherweise mehr Platz und hat auch eher diejenigen «Kunden», die bereit sind, ihren Pferden Auslauf in der Gruppe zu gewähren. Zudem erhalten landwirtschaftliche Betriebe Tierwohl-Förderbeiträge vom Staat, wenn sie ihren Pferden regelmässigen Auslauf und Weide geben oder wenn sie sie in Gruppen halten. 

Wie kann man Pferde vor Verletzungen auf der Weide schützen?
Durch den täglichen  Weidegang in der Gruppe gewöhnen sich die Pferde an die Routine und kennen einander. Viel Platz zum Ausweichen ist wichtig. Durch die tägliche Bewegung sind die Pferde auch mehr ausgelastet, dadurch werden sie grundsätzlich ruhiger. Selbstverständlich sollen neue Pferde fachmännisch in der Herde integriert werden. Gute Kenntnisse über das Weidemanagement sind erforderlich und der Wille, für das Pferdewohl auch Zeit aufzuwenden.

Häufig sieht man Pferde in einzeln abgetrennten Weiden. Ist das artgerecht?
Pferde sind in der Natur in der Herde. Sie spielen, lernen, pflegen und kommunizieren. Diese natürlichen Bedürfnisse können so nicht befriedigt werden. Auch nicht ausreichend, wenn der Kontakt über die Zäune hinweg aufgenommen werden kann. 

Ist in Einzelfällen die Boxenhaltung gerechtfertigt?
Wir wenden uns nicht grundsätzlich gegen die Boxenhaltung, denn es ist schlichtweg utopisch, dass sich jeder Pferdehalter für eine Gruppenhaltung entscheidet. Wir sind aber der Meinung, dass den einzeln eingestallten Pferden täglicher Auslauf und in der Vegetationsperiode Weide, möglichst in der Gruppe, gewährt werden soll. So können sie  für einige Stunden am Tag ihre natürlichen Bedürfnisse befriedigen. Deswegen spricht unsere Kampagne auch Betriebe an, welche die Pferde im Stall einzeln halten. 

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