30.05.2017 15:20
Quelle: schweizerbauer.ch - Ann Schärer, lid
Schafe
Die kleinsten Schafe der Welt
Ob zur Pflege des Weinbergs oder zur Gewinnung von vielseitig verwendbarer Wolle: Das französische Ouessantschaf hat trotz seiner geringen Grösse ganz schön viel zu bieten. Dank einem Verein finden immer mehr Züchter Gefallen an der genügsamen Schafrasse.

Scheu sind sie wirklich nicht, die kleinen Ouessantschafe. Laut blökend rennt die bunte Truppe auf mich und die Züchterin Sabine Loesgen zu. Sie klettern an uns hoch und nicht einmal die Schnürsenkel sind sicher vor den vifen und anhänglichen Tieren.

Klein, aber laut

Das Geschrei ist ohrenbetäubend - man versteht kaum das eigene Wort. Erstaunlich, denn schliesslich handelt es sich dabei um die kleinste Schafrasse der Welt. Aufgrund dieser Lautstärke ist es besser in Wohngebieten die ruhigeren Böcke zu halten als Auen mit ihrem Nachwuchs. Sonst kann es zu Klagen wegen Lärmbelästigung kommen.

Das Bretonische Zwergschaf, wie diese Rasse auch genannt wird, ist es gewohnt, sich selbst überlassen zu sein. Es kommt ursprünglich von der rauen französischen Atlantikinsel Ouessant, westlich der Bretagne.

Vermögende bewahrten Rasse vor Aussterben

Es ist in Sachen Futter und Unterkunft anspruchslos und liefert im Verhältnis zu seiner Körpergrösse sehr hohe Wollmengen. Viele Jahre lang wurden diese Schafe deshalb als produktive Wolllieferanten gehalten. Allmählich begann man auch auf der Insel, Schafe zur Fleischproduktion einzukreuzen. Dies brachte die Rasse auf Ouessant fast gänzlich zum Aussterben.

Einige vermögende Privatleute vom Festland aber hielten die Tiere als Dekoration und jagdbares Wild auf ihren Anwesen und bewahrten dadurch diese Rasse. Als ein Monsieur Abbée in den 1970er-Jahren die "Groupement des Eleveurs de Moutons d'Ouessant" gründete, war ein grosser Schritt in Richtung Rettung getan. Der Bestand in Frankreich erholte sich von 486 Tieren (1977) auf 2631 Tiere (2000).

Erster Versuch gescheitert

Via Belgien fand des Ouessantschaf bald auch Einzug in den Niederlanden, wo es sich grosser Beliebtheit erfreut. Viele Tiere in der Schweiz stammen ebenfalls aus niederländischen Zuchten. Und auch in Deutschland kommen immer mehr Züchter auf den Geschmack von Ouessantschafen.

Nachdem 2007 in der Schweiz ein erster Versuch, eine Interessengemeinschaft Ouessantschaf zu gründen gescheitert war, wurde 2014 dann doch noch ein Verein gegründet: Ouessantschafe Schweiz. Letztes Jahr wurden 170 Lämmer gemeldet bei einem Bestand von 400 Auen und 160 Böcken. Derzeit zählt der Verein bereits 64 Mitglieder.

50 Zentimeter gross

Dank diesem Verein gibt es allmählich mehr reinrassige Tiere. Diese waren in der Schweiz bisher sehr selten, da Ouessant häufig mit Skudden gekreuzt worden sind. Diese Kurzschwanzrasse ist ist vor allem durch ihre Förderung bei Pro Specie Rara hierzulande verhältnismässig häufig anzutreffen.

2006 kam Sabine Loesgen auf die Idee, Ouessantschafe anzuschaffen, da sie damals über nur 2'000 Quadratmeter Land verfügte (im Gegensatz zu 4,5 Hektaren heute). Die kleinen Schafe schienen ihr ideal dafür. Die Böcke messen in der Regel weniger als 50, Auen sogar unter 47 Zentimeter. Doch schnell musste sie feststellen: Es war sehr schwierig in der Schweiz überhaupt Ouessantschafe zu bekommen. Letztlich kam sie dann via Deutschland zu einigen französischen und holländischen Ouessants. Mittlerweile ist ihr Bestand auf 33 Auen,  22 Lämmer und 11 Böcke (drei davon Zuchtböcke) angewachsen. Damit hat sie in der Schweiz zurzeit den grössten Bestand an Ouessants mit bekannter Abstammung.

Herdebuch, aber keine Zuchtorganisation

Wie viele Ouessants in der Schweiz leben, ist  unklar, denn diese müssen bis anhin nicht registriert werden. Der Verein "Ouessantschafe Schweiz" führt jetzt selber ein Herdebuch, ist aber vom Bund nicht als Zuchtorganisation anerkannt. Das Hauptproblem bezüglich einer Anerkennung  über den Schweizerischen Schafzuchtverband ist, dass in diesem Falle alle Züchter ihre Tiere an einer zentralen Schau aufführen müssten. Dies wäre für die Halter mit teilweise sehr kleinen Beständen ein zu grosser Aufwand, sagt Loesgen.

Dennoch ist das Herdebuch ein grosser Fortschritt, denn selbst in Frankreich gibt es kein Herdebuch für Ouessants. Beim Schweizerischen Schafzuchtverband werden Ouessantschafe in der Kategorie C registriert, also gleich wie Kreuzungs-Tiere und ohne Exterieur-Beurteilung.

Anhängsel am Hals

Beim Herdebuch des Vereins wird vor allem darauf geachtet, ob ein Tier rassetypisch ist. Dazu werden die letzten drei Generationen unter die Lupe genommen. Der Rassestandard ist sehr breit angelegt. Folgende Kriterien sind massgebend: im Mass, dabei eher hochbeinig, schmaler Kopf, männliche Tiere mit mächtigem Gehörn - ähnlich dem eines Mufflons, weibliche Tiere hornlos, kleine und leicht aufgerichtete Ohren, grosses Becken und ein bewollter Schwanz, der kurz über dem Sprunggelenk endet.

Einige Tiere haben "Glöckchen", also Anhängsel am Hals wie man dies von Ziegen kennt. Dieses Merkmal wäre nach dem Rassestandard von Monsieur Abbé ein Ausschlusskriterium. Die Universität Bern plant unter der Leitung von Prof. Dr. med. vet. Cord Drögemüller eine Studie zu diesem speziellen Merkmal.

Profi-Scherer erforderlich

Von den Farben her sind die meisten Ouessantschafe Schwarz (non-agouti), es gibt aber auch weisse und braune Tiere und eine Farbe, die Schimmel genannt wird (nicht anerkannt in Frankreich). Dazu kommt ein verwässertes Grau (dilute). Die Wolle der Ouessantschafe ist sehr dicht und hat eine sehr feine Unterwolle. Sie eignet sich gut zur weiteren Verarbeitung.  

Für die Ouessantschafe einen guten Störscherer zu finden, ist alles andere als einfach. Denn anders als andere Schafrassen ergeben sie sich nicht einfach, sondern zappeln weiter beim Scheren. Es braucht also Profi-Scherer, die sich mit der Rasse Ouessant auskennen. Aber auch Ouessant-Schaf müssen mindestens einmal im Jahr geschoren werden.

Der hohe Anteil an Lanolin in der Wolle bereitet den Scherern vor allem im Frühjahr viele Probleme und verstopft rasch die Scherblätter. Wer in die Wolle von Ouessantschafen greift, bemerkt anschliessend einen leichten Fettfilm auf der Haut. Dies ist bei anderen Rassen nicht so stark ausgeprägt.

Wertvoller Einsatz im Weinberg

Die Tiere zu schlachten ist aufgrund der geringen Fleischausbeute (zirka 9 Kilo Schlachtgewicht pro Tier) kaum rentabel. "Viel nützlicher sind die Tiere zur Landschaftspflege. Ich setze sie über den ganzen Winter im nahegelegenen Weinberg ein", erzählt Sabine Loesgen. Dort sind sie bereits direkt nach der Weinlese im Einsatz und halten das Unkraut und die Mäuse in Schach. Um sie vor starkem Wind oder Regen zu schützen, genügen mit Plastikplanen überzogene Holzgestelle, die leicht von einer Rebgasse zur anderen transportiert werden können.

Die kleinen Tiere sind eine verlockende Beute für Füchse. Aber Ouessant-Auen sind vorbildliche Mütter und bewachen ihre Jungtiere sehr streng. Ihre Lämmer bekommen sie saisonal - oft Mitte April. Das geht meistens völlig problemlos von statten. Dass es beim Ablammen kaum Komplikationen gibt, liegt auch daran, dass anders als bei anderen Schafrassen, fast nie Zwillingsgeburten gibt.

Schwacher Herdetrieb

Überraschenderweise ist bei Ouessantschafen der Herdetrieb nur schwach ausgeprägt. Mit ihren Heidschnucken kann Sabine Loesgen problemlos durch den Wald ziehen machen, nicht aber mit den Ouessantschafen. "Kaum hätten sie das Gefühl, der lockende Futterkübel sei nur eine Attrappe, würden sie sich in alle Himmelsrichtungen verteilen und die Gegen erkunden - und den Hund nehmen sie sowieso nicht ernst", meint sie lachend.

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