5.11.2014 12:24
Quelle: schweizerbauer.ch - Christian Zufferey
Wallis
«Dieb richtete mehr Schaden an als Wolf»
Ein herber Verlust: Im letzten September wurden 103 Schafe der seltenen Rasse Saaser Mutte gestohlen. Der Dieb ist zwar mittlerweile gestellt, eisern verschweigt er jedoch, was er mit den Tieren gemacht hat.

Schafscheid im Saastal, Mitte September. Eine Züchterin vermisst ihre gesamte Herde von 34 Muttertieren, Gregor Zurbriggen aus Saas-Balen vermisst 14 von 26 Schafen – insgesamt fehlen 103 Tiere. «An Diebstahl dachte in diesem Moment noch niemand, denn so etwas ist noch nie zuvor vorgekommen», erinnert sich der Schafzüchter Gregor Zurbriggen.

Verdacht erhärtet sich

Noch ging man davon aus, dass sich die Schafe irgendwo in dem sehr weitläufigen Gebiet, das sich über zwei Täler erstreckt, befinden. Mithilfe eines Helikopters der Air Zermatt wurde das Gebiet abgeflogen, doch von den Schafen fehlte jede Spur. Selbst im angrenzenden Italien wurde gesucht.

Erst als ein Angestellter einer Seilbahn, die vom italienischen Macugnaga zum Monte-Moro-Pass an der Grenze zur Schweiz führt, von einer Beobachtung erzählte, wonach Schafe von der Alp heruntergetrieben wurden, erhärtete sich der Verdacht, dass die Schafe gestohlen wurden. Schon bald war auch der Name des Diebs bekannt. «Ein mittelloser, stark verschuldeter Hirte, der früher schon damit aufgefallen ist, dass er Tiere nach der Alpung nicht mehr an ihre Besitzer zurückgegeben hat», erzählt Zurbriggen.

Ein herber Rückschlag

Dass sich Italiener, die das Geschehene beobachtet haben oder sogar gestohlene Schafe gekauft haben, nicht zu viele Gedanken über deren Herkunft machten, liegt womöglich daran, dass die Saaser Mutten den in Italien weit verbreiteten Bergamasker Schafen sehr ähnlich sehen. Speziell fallen die langen Hängeohren und die Ramsnase ins Auge. Auffällig ist ausserdem die Grösse. Widder können eine Widerristhöhe von bis zu 85 cm und ein Gewicht von 100 Kilo erreichen. Sie sind weniger standorttreu als etwa das Walliser Schwarznasenschaf, was auch erklärt, weshalb der Diebstahl erst bei der Entalpung aufgefallen ist.

Dank der nahen Verwandtschaft zum Bergamasker Schaf haben Züchter auch schon Widder und Muttertiere in Italien gekauft, um Blut aufzufrischen. Da die Saaser Bergamasker jedoch nie mit anderen Schafrassen gekreuzt wurden und im Gegensatz zu den italienischen Schafen  auch gescheckt sein können, betrachtet die Stiftung Pro Specie Rara die Saaser Mutten als Lokalschlag und fördert die Rasse. Der Bereichsleiter für Tiere, Philippe Ammann, erklärt: «In einer ersten Phase möchten wir von sämtlichen Widdern eine DNA-Analyse machen lassen, damit man genau weiss, wie nahe  die Böcke verwandt sind.» Im Weiteren sucht er weitere Zuchtbetriebe, «vor allem auch im Wallis selbst».

Nur sechs Schafe zurück

Auf der Suche nach den verlorenen Schafen blieb man bisher noch weitgehend erfolglos. Nur sechs der gestohlenen Tiere wurden gefunden. Offenbar hat der Dieb bei einem Gastwirt mit den gestohlenen Schafen seine Schulden beglichen. Vorletzte Woche konnten sie wieder in die Schweiz zurückgeholt werden und befinden sich gegenwärtig in Quarantäne. Was mit den noch fehlenden 97 Schafen geschehen ist, ist unbekannt – der Dieb verweigert die Auskunft.

Zurbriggen glaubt aber nicht, dass sie alle geschlachtet wurden. «Es sind Zuchttiere von guter Qualität.» Die gestohlenen Tiere haben einen Wert von rund 50'000 Franken. Gregor Zurbriggen hat den Eindruck, dass sich die italienische Polizei zu wenig für den Fall interessiert. «Schon als wir in Italien bei der Polizei Anzeige erstattet haben, hatte man das Gefühl, die Beamten kurz vor dem Wochenende noch in ihrer Ruhe zu stören.» Letztlich verursachte der Schafdieb einen grösseren Schaden als Wölfe – und kommt womöglich ungeschoren davon

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