29.05.2019 09:50
Quelle: schweizerbauer.ch - Christof Hirtler
Alp
Mit Schafen Weiden zurückgewinnen
Gebüsche aus Grünerlen überwuchern nicht mehr genutzte Alpweiden explosionsartig. Mit Engadinerschafen können sie zurückgedrängt werden. Das zeigt ein Projekt der Alpinen Forschungs- und Ausbildungsstation.

Verschwindet der Mensch, kommt die Grünerle. Die Pflanze, die natürlicherweise in Lawinenzügen und Bachrunsen vorkommt, überwuchert jährlich über 1000 Hektaren Alpweiden und breitet sich drei- bis viermal schneller aus als der Wald. Das bis drei Meter hohe, undurchdringliche Erlendickicht reduziert die Artenvielfalt von Pflanzen und Insekten um über 50 Prozent. Zudem sind Erlenbüsche kein Lawinen- oder Erosionsschutz.

Rasantes Wachstum

Die Alpine Forschungs- und Ausbildungsstation (Alpfor) auf dem Furkapass UR hat mit Messungen und Untersuchungen aktuelle Zahlen zur Stickstoffproduktion, den Lachgasemissionen oder dem Wasserverbrauch von Grünerlen ermittelt. Die Grünerle wächst extrem schnell, weil sie mithilfe eines Bakteriums den Stickstoff aus der Luft zur eigenen Düngung nutzt.

In einer Hektare Grünerlen entstehen bis zu 60 kg Stickstoff pro Jahr. Überschüssiger Stickstoff entweicht als Lachgas. Das Gas, 300 Mal schädlicher als Kohlendioxid (CO2), gehört zu den aggressivsten Treibhausgasen. Der CO2-Ausstoss von 10'000 gefahrenen Autokilometern entspricht der Menge Lachgas, die ein Erlenbusch während der Wachstumsperiode in die Luft abgibt.

Erlen brauchen viel Wasser

Überschüssiger Stickstoff wird aber auch als Nitrat ausgewaschen, versauert die Böden und gelangt in Bäche und Flüsse. Die Zahlen von Thiis van den Bergh, der für seine Doktorarbeit an Erlenbüschen forschte, zeigen, dass Erlengebüsche 20 bis 25 Prozent mehr Wasser verbrauchen als offenes Grasland. «Dieses Wasser fehlt in der Stromproduktion», sagte der Forscher Tobias Bühlmann an der Tagung, an der die Alpfor in Andermatt UR die Resultate ihrer 10-jährigen Forschungsarbeit vorstellte.  

Will man die Verbuschung durch Grünerlen wirksam bekämpfen, sind Engadinerschafe bestens geeignet. Sie sind fruchtbar, genügsam, zutraulich, robust und haben starke Klauen. Und sie haben «einen Tick»: Im Frühling schälen sie die Äste der Grünerlen und bringen sie zum Absterben. 2017 hat die Biologin und Leiterin der Alpfor, Erika Hiltbrunner, ihr Beweidungsprojekt mit 200 Engadinerschafen auf dem Gamsboden oberhalb Hospental UR  gestartet, 2018 mit 300 Tieren fortgesetzt und wissenschaftlich dokumentiert. «Mit Engadinerschafen wollen wir Weidland zurückgewinnen und auch den Boden so vorbereiten, damit wir später Bäume pflanzen können und wieder ein Wald wachsen kann», sagte Hiltbrunner.

Fleisch «böckelt» nicht

In einem weiteren Punkt ist das Engadinerschaf dem Weissen Alpenschaf überlegen. Das Fleisch «böckelt» nicht, ist fettarm und hat einen hohen Gehalt an Omega-3-Fettsäuren. «Ziel des Projektes ist es, den Mehrwert dieser Schafrasse aufzuzeigen und eine Wertschöpfungskette von der Landschaftspflege bis auf den Gourmet-Teller im Tourismus-Resort Andermatt Swiss Alps zu etablieren. Das Engadinerschaf, das höchste Ansprüche an Nachhaltigkeit (Bio) erfüllt, soll sich zu einer lohnenden neuen bäuerlichen Einnahmequelle entwickeln», sagte  Hiltbrunner.


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