13.11.2015 11:43
Quelle: schweizerbauer.ch - Michael Wahl, lid
Schafe
Schaf-Pionierin nimmt Abschied vom Woll-Schaf
Wolle ist ein Verlustgeschäft für Schafhalter. Katharina Bitterli setzt deshalb auf Tiere, die man nicht scheren muss: Nolana-Schafe. In der Schweiz sind diese bislang kaum bekannt, das könnte sich bald ändern.

Schwer hängen die grauen Wolken über dem oberen Baselbiet, ungewöhnlich mild sind die Temperaturen für den November. Katharina Bitterli steigt über den Zaun, betritt die Weide und ist sofort umringt von ihren rund 70 Schafen. Diese recken neugierig die Köpfe, wollen wissen, was sich da auf ihrer Weide tut.

Bitterlis Schafe sehen aus, wie Schafe eben aussehen. Dennoch unterscheiden sie sich von den rund 400'000 anderen Schafen, die in der ganzen Schweiz gehalten werden, und zwar in einem entscheidenden Punkt:  Bitterlis Tiere tragen ein Haarkleid statt eines Wollvlieses (siehe Kasten).

Im Frühling dünnt sich dieses von alleine aus, im Herbst wächst es wieder nach. Eine Schur ist damit nicht mehr nötig. Nolana-Schafe heisst die Rasse, die man vor rund 20 Jahren in Deutschland zu züchten begann. Grund: Die Zeiten, als sich mit Wolle Geld verdienen liess, sind in Europa längst vorbei. Für die Textilherstellung werden heute zum Grossteil pflanzliche und immer häufiger synthetische Fasern eingesetzt, der Bedarf an Feinwolle wird mit Importen aus Übersee abgedeckt.

Grosser Aufwand bei geringem Ertrag

Wirtschaftliche Gründe waren es denn auch, die Katharina Bitterli zu einem Umdenken bewogen. Während Jahren hielt sie rund 120 Fleischschafe. Zwei Mal pro Jahr gingen diese zum "Coiffeur". Für Bitterli hiess das jeweils: Zwei Tage vorbereiten, Helfer organisieren. "Es war jedes Mal ein riesiger Stress", sagt Bitterli rückblickend.

Es sei schwierig gewesen, für die körperlich anstregende Arbeit Personen zu finden. "Im Frühling mussten wir vor dem Scheren die Schafe von ihren Lämmern treffen. Geschrei bei den Müttern, Geschrei bei den Lämmern. Auch für die Tiere war es stets stressig", so Bitterli. Vor allem aber: Das Scheren war ein Verlustgeschäft. Für das Kilo Wolle erhielt Bitterli gerade noch 50 Rappen. 7 bis 8 Franken habe sie pro Schaf draufgelegt, rechnet Bitterli vor.

Als der Wollpreis abermals sank, sagte sie: "So, jetzt reicht's". Sie erinnerte sich an einen Zeitungsartikel über Haarschafe, den sie gelesen und auf die Seite gelegt hatte. Sie packte die Koffer und fuhr nach Aulendorf in Deutschland, wo am Landwirtschaftlichen Zentrum Baden-Württemberg die Nolana-Zucht vorangetrieben wird. Bitterli wollte gleich 10 bis 15 Nolana-Schafe kaufen, und wurde enttäuscht. Vielleicht könne sie im nächsten Jahr 2 Tiere haben, hiess es.

Schafwolle: Unrentables Nebenprodukt

Schafe liefern Fleisch und Wolle. Letzteres ist für die Schafhalter in den letzten Jahren zu einem Verlustgeschäft geworden. Seit den 1970er Jahren unterstützte der Bund den Wollabsatz mit jährlich 1,8 Mio. Franken, wovon die Schafhalter in Form von höheren Wollpreisen profitierten. 2009 kam es zu einem Systemwechsel. Fortan zahlte der Bund jährlich noch maximal 600'000 Franken und zwar an Firmen, welche Schweizer Schafwolle in der Schweiz verarbeiten.

Schafhalter erhalten seither lediglich Weltmarktpreise, für die Wolle eines Tieres sind das rund 2 Franken. Die Schur kostet hingegen 6 Franken und mehr. Etwas besser sieht die Bilanz für Schafhalter aus, die ihre Tiere selber scheren und somit geringere Kosten haben.

Wollschafe müssen von Gesetzes wegen mindestens einmal jährlich geschoren werden. Im letzten Jahr kamen so 549 Tonnen zusammen. In der Schweiz gibt es diverse Firmen, welche Schafwolle zu Produkten wie Duvets, Kissen, Matratzen, Bau-Isolation oder Schalldämmung verarbeiten.

Zurück zum Ur-Schaf

Das war im Jahr 2009. Mittlerweile verfügt Bitterli über eine Schafherde von rund 120 Tieren. "Für mich müssen Schafe nicht zwingend Wolle haben", sagt sie pragmatisch. Die Schafhaltung müsse in erster Linie wirtschaftlich sein. Bitterli gibt zu bedenken, dass Schafe ein Haarkleid trugen, bevor sie domestiziert wurden (siehe Kasten). So gesehen seien Nolana-Schafe eine Rückkehr zur Urform. "Back to the roots", so Bitterli.

Nolana-Schafe seien fruchtbar, robust und gesund. "Im letzten Jahr musste ich nicht ein einziges Mal den Tierarzt kommen lassen", so Bitterli. Auch hinsichtlich Klauen und Euter seien sie problemlos. Geburtshilfe müsse man selten leisten. Wie aber sieht es mit der Fleischleistung aus? "Mittel- bis vollfleischig" seien Nolana-Schafe, so wie die Weissen Alpenschafe, erklärt Bitterli.

Inzucht vermeiden

Derzeit gibt es in der Schweiz 11 Nolana-Züchter, die rund 300 Tiere halten. Ende Oktober haben sie einen Verein gegründet, der von Katharina Bitterli präsidiert wird. Beim Schweizerischen Schafzuchtverband wurde ein Gesuch um Anerkennung als offizielle Rasse eingereicht. Experten haben die Tiere begutachtet, ein Entscheid ist aber noch nicht gefällt.

Von einer Aufnahme erhoffen sich die Nolana-Halter mehr Akzeptanz bei den Schafhaltern. Die Skepsis sei noch immer gross, sagt Bitterli. Sie hat deshalb eine Broschüre herausgegeben, worin sie die Merkmale der Nolana-Schafe detailliert beschreibt. Auch eine Homepage hat sie aufgeschaltet. Im nächsten Jahr plant Bitterli zudem, auf ihrem Hof einen Infotag durchzuführen, damit sich Schafhalter vor Ort ein Bild machen können.

Angesichts des kleinen Nolana-Bestandes in der Schweiz müsse dem Aspekt der Inzucht besonderes Augenmerk geschenkt werden. "Wir müssen künftig eigene Blutlinien aufbauen", so Bitterli. Im nächsten Jahr sollen nochmals männliche Tiere aus Deutschland eingeführt werden. Auch wolle man künftig noch mehr auf Fleischigkeit züchten. Ziel seien vollfleischige Tiere wie etwa Texel-Schafe.

Trüffel und Seide

Die Schaf-Pionierin aus Häfelfingen BL verfolgt bereits weitere Pläne: 2016 will Bitterli in die Seidenraupenproduktion einsteigen. Dieses Jahr hat sie 100 Maulbeerbäume gepflanzt, deren Blätter als Nahrung für die Raupen dienen. Ausserdem möchte sie dereinst Führungen zur Seidenproduktion anbieten. Vor zwei Jahren hat sie eine Trüffelplantage errichtet. Aufgespürt werden die Edelpilze von Hund Titus. Dieses Jahr fällt die Ernte jedoch mager aus. Zu trocken sei es gewesen, so Bitterli.


Nolana-Schafe: Haardecke statt Wollvlies

Vor dem Hintergrund sinkender Wollpreise und eines stockenden Wollabsatzes riefen deutsche Schafhalter 1994 das "Nolana-Projekt" ins Leben. Ziel war es, ein Schaf zu züchten, das sich für die Fleischproduktion eignet, nicht aber geschoren werden muss. Die Initianten erhofften sich davon neue Perspektiven für die Schafhaltung.

Das Nolana-Schaf ist Resultat eines Rückkreuzungsprogramms, bei dem diverse europäische Schafrassen eingesetzt wurden. Nolana-Schafe verfügen über viele Deckhaare und nur wenige Wollhaare. Wollschafe hingegen haben kaum Deckhaare, dafür umso mehr Wollhaare, die einen dichten Vlies bilden.

Die Vorgänger der heutigen Schafrassen trugen von Natur aus ein Haarfell. Erst durch die Domestikation entstand in einem Jahrtausende dauernden Prozess das Wollschaf. Wolle war lange begehrt, aus ihr liess sich Garn spinnen, welche zu Textilien verarbeitet wurde.

"Nolana" bedeutet "keine Wolle". Es ist eine Wortschöpfung aus dem lateinischen "Lana" (Wolle) und dem englischen "No".

www.nolana-schafe.ch
www.nolana-schweiz.ch

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