9.02.2016 06:09
Quelle: schweizerbauer.ch - Christa Wellauer
Zürich
Geschenkidee wurde Nebenerwerb
Wer bei Fabio Müller ein Ferkel kauft, bekommt Monate später das Fleisch desselben Freilandschweines.

Es begann mit einem Hochzeitsgeschenk. Der Winterthurer Fabio Müller wollte ein befreundetes Brautpaar mit einem «Glückssäuli» überraschen. Das Tier sollte am Hochzeitstag als Geschenk übergeben werden, nachher möglichst artgerecht auf einem Bauernhof leben und erst als Fleisch wieder zu seinen Besitzern zurückkehren.

«Die Suche nach einem Bauern, der Land zur Verfügung stellt und auch die Fütterung und Pflege übernimmt, war nicht ganz einfach», sagt der initiative, junge Mann. Bei Hansjakob Baur in Kleinandelfingen fand er das Gesuchte. Bald danach tummelten sich dort schon vier Schweine auf dem Bauernhof, weil  begeisterte Hochzeitsgäste auch eine eigene Sau haben wollten.

Faire Bedingungen

Inzwischen ist aus der originellen Geschenkidee ein Nebenerwerb geworden, ein Stück Vertragslandwirtschaft, «das fair für alle Beteiligten ist», wie Fabio Müller und seine Partnerin Anja Kirst erklären. Ihre Schweine werden permanent im Freien gehalten. So fühlen sich nicht nur die Tiere «sauwohl», es entspricht auch einem Konsumentenwunsch. Ausserdem werden die beteiligten Landwirte und Metzger gerecht entlöhnt.

Der Abnehmerkreis vergrössert sich durch Mundpropaganda. Fabio Müller sagt dazu: «Zufriedene Kunden sind die beste Werbung.» Vor zwei Jahren nahm der ausgebildete Industriedesigner seine Website www.mein-schwein.ch in Betrieb. Jetzt geht ein grosser Teil der Bestellungen übers Internet ein. Bestellt werden können ganze, halbe oder viertel Schweine. Nach dem Bestellschluss im Juli oder Januar/Februar wird die nötige Anzahl Ferkel auf die «Schweinewiesen» verteilt.

5 Standorte

Diese Wiesen werden von Landwirten zur Verfügung gestellt, welche die Tiere auch füttern. Die Bauern erhalten das Futter und alles weitere Material gestellt und zudem eine Jahrespauschale für den Arbeitsaufwand. Da die Schweine im Voraus verkauft wurden, ist der Verdienst garantiert. Vermarktung und Schlachtung organisiert der «Chef de Schwein», wie der scherzhafte Titel Fabio Müllers lautet.

An 5 Standorten in den Kantonen Zürich und Bern leben heute Gruppen von etwa 15 Freilandschweinen. Gerne möchten Fabio Müller und die angehende Bäuerin Anja Kirst ihr Konzept in den Regionen Zürich, Zug, Bern und Basel ausbauen. Sie sind auf der Suche nach weiteren Standorten und damit nach weiteren «Chefs de Schweinewiese».

Schweine besuchen

Nebst Tierwohl und fairen Löhnen ist ihnen auch wichtig, dass Konsumenten und Produzenten sich begegnen können. Deshalb dürfen die Kunden ihre Schweine besuchen. Oft kommen Eltern mit ihren Kindern auf die Schweinewiesen und erhalten so einen direkten Bezug zu ihrem zukünftigen Essen.

Ausserdem organisieren die beiden Initianten von «Mein Schwein» regelmässige Tage der offenen Tür, die von Kunden und anderen Interessenten gerne genutzt werden. Die dabei offerierten «Zvieri», die Kundenbetreuung und Administration, sowie das Ausliefern des Fleischs geben allerdings viel Arbeit, was die beiden zukünftig besser berücksichtigen wollen.

Schaut nicht auf die Uhr

Der Arbeitsaufwand für die beteiligten Landwirte hält sich in Grenzen. Hansjakob Baur, der 2008 die ersten zwei Schweine aufzog und seither bei «Mein Schwein» mitmacht, schaut für die Arbeit mit den vierbeinigen Pensionären nicht auf die Uhr, wie er sagt. «Es ist schön, als Bauer das Konsumenteninteresse zu sehen und ihre Bereitschaft, etwas mehr zu bezahlen. Mir macht es Freude, dass ein Nicht-Landwirt so ein Projekt ins Leben rief», erklärt er.

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